Rems-Murr-Kreis

Ungewollte Schwangerschaften: Ärztin spricht anonym über Zwickmühle bei Abbruch

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Noch immer ein Thema, über das kaum gesprochen wird: Schwangerschaftsabbrüche. © Gaby Schneider

Sie ist Ärztin. Gynäkologin. Eine, die sich mit vollem Herzen um ihre Patientinnen und ihr Wohlergehen sorgt. Da wird im Patientengespräch auch mal nachgefragt, wie es geht. So abseits des Körperlichen. Die Frau ist eben mehr als ihr Zyklus. Und deshalb übernimmt jene Frauenärztin auch eine wichtige Aufgabe. Sie führt zusammen mit ihren Patientinnen medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche durch. Als einzige Praxis im Raum.

Ärztin möchte in der Zeitung lieber anonym bleiben

Auf ihrer Webseite darüber informieren darf sie bisher aber nicht. Damit würde sie sich strafbar machen. Und deshalb möchte die Ärztin auch gerne im Gespräch mit der Zeitung anonym bleiben. Das Thema ist ein umstrittenes. Eine Kollegin, die öffentlich dazu stand, zu tun, was eben auch ihre Arbeit ist, hatte schon mit vehementen Gegnern von Schwangerschaftsabbrüchen zu tun. „Da stand dann auch mal einer in der Praxis“, berichtet sie.

Wer „wirbt“, also informiert, macht sich schon strafbar

Bislang verbietet der Paragraf 219a des Strafgesetzbuches die „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“. Immerhin, jetzt liegt ein Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Streichung des entsprechenden Paragrafen vor. Noch aber sind ein Freiheitsentzug von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe bei Missachtung des Verbotes mögliche Strafen. So steht’s im Gesetzbuch.

Als „Werbung“ gelten schon ausführliche Informationen über Methoden des Schwangerschaftsabbruchs sowie über die damit jeweils verbundenen Risiken, weiß die Medizinerin. Sie findet es unglaublich, dass es so ein Gesetz noch immer gibt.

Abbruch? Im Grunde strafbar

Liegt aber das Problem nicht schon im Paragrafen 218? Im ersten Absatz dieses Gesetzes heißt es: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit [einer] Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit [einer] Geldstrafe bestraft.“

Erst nach der Beratung durch eine offizielle Schwangerschaftsberatungsstelle, in der alle Hilfsangebote beim Fortführen der Schwangerschaft aufgezeigt werden, ist ein Abbruch erlaubt.

Dann bekommen die Frauen Kontaktdaten zu Praxen vermittelt, die die gewünschte Art des Abbruchs durchführen - sobald mindestens drei Tage Bedenkfrist abgelaufen sind. Andernfalls ist ein Abbruch strafbar.

Darüber kann die Frauenärztin nur den Kopf schütteln. „Ein Schwangerschaftsabbruch ist der einzige medizinische Eingriff, für den ich ein Einverständnis von außerhalb brauche.“

Über den eigenen Körper bestimmen?

Das findet die Ärztin so nicht tragbar, schließlich müsse es eine freie Entscheidung der einzelnen Frau sein, ob sie die Schwangerschaft wolle oder nicht. Immerhin, die Gründe, aus denen Frauen Schwangerschaften nicht fortführen wollen, sind vielfältig, liegen in der individuellen Lebenssituation der jeweiligen Frau begründet.

Das Gesetz dagegen sei politischer Wille. „Es handelt sich aber doch um erwachsene Frauen, die das Recht haben, über ihren Körper zu bestimmen.“ Stattdessen müssten sie die Gründe für ihre Entscheidung gegenüber einer staatlichen Stelle erläutern.

Beratungsstellen leisten gute Arbeit

Die Pflicht dazu erzeuge Druck, führe zu Stigmatisierung, verstärke die Tabuisierung des Themas und erhöhe die Gefahr, dass ein Abbruch heimlich von fachlich nicht entsprechend ausgebildeten Personen durchgeführt werde. Das bedeute aber nicht, dass die Beratungsstellen schlechte Arbeit machten oder überflüssig seien.

Sie beraten Frauen in Not, und das sei sehr wertvoll. Die Gynäkologin ist auch mit den Kooperationen mit den einzelnen Beratungsstellen sehr zufrieden. Diese wolle sie keinesfalls kritisieren.

Allermeiste Entscheidungen: Gut abgewogen

Und natürlich gehe es um den Schutz des ungeborenen Lebens und darum, dass Schwangerschaften nicht leichtfertig abgebrochen werden. Tatsächlich habe sie in ihrer Praxis nur in den allerseltensten Fällen erlebt, dass leichtfertig mit dieser Entscheidung umgegangen worden wäre.

Häufiger wollten sich die Frauen der Ärztin aber erklären, oft würden Tränen fließen. Aber immer würde die Entscheidung gut abgewogen. Viele könnten nicht fassen, dass sie sich einmal in jener Lage wiederfänden. Dennoch: Die Frauen, die die Ärztin auch im späteren Verlauf weiterbetreut, geben ihrer Einschätzung recht. Nicht eine ihrer Patientinnen habe später die getroffene Entscheidung bereut.

Viele hätten später noch Kinder bekommen. Zu einem Zeitpunkt und mit einem Mann, der in ihrem Leben der richtige war.

Tabuthema: Angst vor Stigmatisierung

Die meisten Kontakte zu jener Gynäkologin kommen über die Waiblinger Beratungsstelle „Pro Familia“ zustande. Immer wieder reisten aber auch Frauen von weiter her an. Die Ärztin weiß, dass es ihnen oft um die Anonymität außerhalb ihres üblichen Lebensumfeldes geht.

So manche Frau möchte nicht, dass ihr normaler Frauenarzt mitbekommt, was in ihrem Uterus passiert ist. Immerhin - es ist ein Tabuthema. Und in einer Praxis lesen bei aller Vorsicht viele Menschen die Karteikarten. Nicht selten kommen daher Schwangere aus dem Esslinger oder Stuttgarter Raum zu ihr, um den medikamentösen Abbruch durchzuführen.

Einnahme der Tablette in Anwesenheit der Ärztin

Maximal am Ende der neunten Woche dürfen sich die Frauen dann befinden. In Anwesenheit der Ärztin nehmen die Frauen dann die erste Tablette ein, nach 24 bis 48 Stunden wird die Ausstoßung eingeleitet. Das Schlimmste ist dann nach zwei bis drei Stunden vorbei. Bei all dem gibt es eine sehr geringe Komplikationsrate.

Ist die Schwangerschaft schon weiter fortgeschritten, ist nur noch ein operativer Abbruch möglich - bis zum Ende der zwölften Woche. Danach ist ein Beenden der Schwangerschaft nur noch nach medizinischer Indikation erlaubt. Wenn also die Gesundheit der Mutter bedroht ist.

Sie ist Ärztin. Gynäkologin. Eine, die sich mit vollem Herzen um ihre Patientinnen und ihr Wohlergehen sorgt. Da wird im Patientengespräch auch mal nachgefragt, wie es geht. So abseits des Körperlichen. Die Frau ist eben mehr als ihr Zyklus. Und deshalb übernimmt jene Frauenärztin auch eine wichtige Aufgabe. Sie führt zusammen mit ihren Patientinnen medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche durch. Als einzige Praxis im Raum.

Ärztin möchte in der Zeitung lieber anonym bleiben

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