Rems-Murr-Kreis

Unsere Zukunft im Klimawandel: Sturzflut und Dürre im Remstal - und Temperaturen wie in Rom

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Extremes Unwetter in Waiblingen Land unter Überschwemmung foto: Habermann
Wetterextreme wie Starkregen (hier in Waiblingen 2008) oder ... © Habermann
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Dürre
... Dürre (bei Nellmersbach 2020) werden auch im Rems-Murr-Kreis zur Normalität werden. © Gabriel Habermann

Sturzflut, Dürre, Hitze: Extremwetter-Ereignisse werden auch uns im Remstal künftig häufiger heimsuchen – die Erderhitzung, jetzt schon spürbar, wird sich weiter zuspitzen. Das sind die Aussichten, die Meteorologe Frank Böttcher präsentiert. Böttcher – Co-Autor des Buches „Klimafakten“ gemeinsam mit Sven Plöger – hielt seinen Online-Vortrag auf Einladung der Grünen Rems-Murr; am Ende der anderthalb Stunden dürfte manchen leicht apokalyptisch zumute gewesen sein.

Wetter und Klima: Was das eine mit dem anderen zu tun hat

Nach Katastrophen wie der im Ahrtal hört man oft die beruhigende Floskel: Das hat doch nichts mit Klimawandel zu tun; Extremwetter hat es schon immer gegeben! In der Tat: Gehagelt hat es auch schon anno 1445; danach wurden, wie alte Quellen künden, „etliche Weiber“ als Wetterhexen verbrannt. Dennoch ist die wohlige Ausflucht – alles nur Wetter, kein Klima! – Selbstbetrug.

Wetter: Das ist der „aktuelle Zustand der Atmosphäre“ an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt; Klima, sagt Böttcher, ist „Statistik“, Dokumentation von Entwicklungen über Zeiten und Räume hinweg. Ein einzelner Wetterausschlag krass nach unten oder oben ist immer möglich; auch wenn die klimatische Großtendenz anderes nahelegt. Und doch hängt beides eng zusammen. Derzeit zeigt sich erstens ein dramatischer Klima-Trend: rasante Erderhitzung; und zweitens eine bedrohliche Wetter-Folge: immer mehr Extrem-Ereignisse.

Erderhitzung im Zeitraffer-Tempo

Über die Erwärmung auch hier bei uns muss man nicht mehr diskutieren. Zehnjahres-Durchschnittstemperatur im Baden-Württemberg der 1970er Jahre: 8,0 Grad. Zehnjahres-Durchschnittstemperatur im Baden-Württemberg der 2010er Jahre: 9,6 Grad. „Die letzten vier Jahrzehnte“, sagt Böttcher, waren „die vier wärmsten seit 1881“. Nach erdgeschichtlichem Maßstab heizt die Erde sich auf in einem Affenzahn. Zum Vergleich: Nach der letzten Eiszeit wurde es binnen 10.000 Jahren um 5 Grad wärmer – macht ein Grad alle 2000 Jahre.

Der menschengemachte Treibhauseffekt ist seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt: Gase wie CO2 ummanteln immer dichter den Planeten – die kurzwellige Strahlung der Sonne dringt von oben nach unten durch, die langwellige Infrarotstrahlung, die von der erwärmten Erdoberfläche emittiert wird, schafft es hingegen nur noch schlecht von unten nach oben.

Die Aufheizung löst Rückkopplungs- und Verstärker-Effekte aus: Wenn die Ozeane wärmer werden, weicht dort gebundenes CO2 in die Atmosphäre – was die Lufttemperatur weiter steigen lässt. Ein Perpetuum mobile kommt in Gang.

Anderes Beispiel: Die Nordpolregion erwärmt sich derzeit besonders schnell. Arktisches Eis schmilzt rapide, es „kollabiert förmlich“. Wo früher Schnee und Eis das Sonnenlicht reflektiert haben, liegt nun das Meer offen da – und erwärmt sich. Folge: siehe oben ...

Extremwetter: Die Ausschläge werden heftiger

Extreme Wetterphänomene häufen sich rund um die Welt, im August regnete es in Grönland auf 3200 Metern Höhe, im Juli wurden in Kanada 49,7 Grad gemessen – aber es wäre radikal falsch, den Klimawandel als exotisches Phänomen zu verstehen.

In den 30 Jahren von 1961 bis 1990 gab es im Raum Stuttgart (Messpunkt Echterdingen) 137 sehr heiße Tage über 30 Grad – in den nächsten 30 Jahren von 1991 bis 2020 waren es mehr als doppelt so viele: 296.

Das niederschlagärmste Jahr zwischen 1961 und 1990 in der Region Stuttgart brachte 553 Liter pro Quadratmeter; das niederschlagärmste zwischen 1991 und 2020 brachte 474 Liter. Die trockenen Jahre werden immer trockener.

Das niederschlagreichste Jahr zwischen 1961 und 1990 in der Region Stuttgart brachte 1057 Liter pro Quadratmeter; das niederschlagreichste zwischen 1991 und 2020 brachte 1107 Liter. Die feuchten Jahre werden immer feuchter.

Starkregen und Dürre: An beide Extreme werden wir uns auch im Remstal gewöhnen müssen – dazu wohl an die Asiatische Tigermücke und die eine oder andere Tropenkrankheit. Bis 2017 war das Tierchen, das Zika-, Chikungunya- und Dengue-Virus überträgt, in Baden-Württemberg nicht dokumentiert. Mittlerweile ist es im Badischen bereits fest etabliert.

Das Remstal, das Ahrtal und das „Flashflood“-Phänomen

Das Remstal, sagt Frank Böttcher, gleiche in gewisser Weise dem Ahrtal: eine Hügellandschaft. Kleine Wassermengen sammeln sich bei Starkregen in höheren Lagen, fließen bergab, vereinen sich mit anderen zu Bächen, schießen weiter talwärts, werden immer größer und immer schneller – so können sich „Flashfloods“ entwickeln, plötzliche Überschwemmungen.

Amateurfilmaufnahmen aus Hessen zeigen, wie überfallartig das gehen kann: Auf einer Straße, die eben trotz heftigen Regens noch befahrbar war, treiben 90 Sekunden später Autos unlenkbar im Strom.

Im Jahr 2080 werde in Baden-Württemberg mediterranes Klima herrschen, sagt Böttcher, etwa wie in Rom heute. Rom aber werde Algier gleichen; und Algier der inneren Sahara. Dass das zu massenhaften Flucht- und Wanderungsbewegungen rund um den Globus führen wird, ist sonnenklar.

Stoppen lasse sich der Prozess nicht, sagt Böttcher, nur verlangsamen. Deshalb sei nicht nur Klimaschutz „unbedingt nötig“, sondern auch „Klima-Anpassung“: Wir sollten schleunigst beginnen, uns auf die Extremwetter vorzubereiten, die unausweichlich kommen werden.

Sturzflut, Dürre, Hitze: Extremwetter-Ereignisse werden auch uns im Remstal künftig häufiger heimsuchen – die Erderhitzung, jetzt schon spürbar, wird sich weiter zuspitzen. Das sind die Aussichten, die Meteorologe Frank Böttcher präsentiert. Böttcher – Co-Autor des Buches „Klimafakten“ gemeinsam mit Sven Plöger – hielt seinen Online-Vortrag auf Einladung der Grünen Rems-Murr; am Ende der anderthalb Stunden dürfte manchen leicht apokalyptisch zumute gewesen sein.

Wetter und Klima: Was

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