Rems-Murr-Kreis

Unsicherheiten beuteln die Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis

Südwestmetall
Dr. Michael Prochaska, Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr (links), und Michael Kempter, Geschäftsführer der Bezirksgruppe. © Alexandra Palmizi

So langsam erholt sich die Metall- und Elektroindustrie. Für eine Reihe von Firmen geht es nur holprig voran, andere jubeln über historisch gute Auftragseingänge – und keiner kann wissen, wie’s weitergeht. Dass man sich, was Corona angeht, auf rein gar nichts verlassen kann, haben mittlerweile alle gelernt. Eine Reihe weiterer Unsicherheiten kommt hinzu, das haben Ausblicke in die Zukunft so an sich: Wie lange Lieferprobleme noch anhalten, wird man sehen, die Suche nach gutem Personal vereinfacht sich kurzfristig keinesfalls, und die ganz großen Themen wie CO2-Reduktion oder Digitalisierung fordern Wirtschaft und Beschäftigte intensiv. Die Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis könnte jedenfalls mit viel höherer Geschwindigkeit durchstarten, ließen sich rare Komponenten wie Halbleiter schneller beschaffen. Die Auftragsbücher sind voll, doch mit Blick auf all die Unsicherheiten startete die Branche im Rems-Murr-Kreis mit eher verhaltenen Erwartungen ins Jahr 2022: „Auch die geopolitische Lage birgt enorme Risiken, insbesondere der aktuelle Ukraine-Konflikt“, sagte Dr. Michael Prochaska am Dienstag bei einer Online-Pressekonferenz. Der Vorsitzende der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr und Stihl-Vorstand verwies auf „enorme Investitionen“, welche die Firmen im Zuge des Strukturwandels zu schultern haben.

Stihl steigert den Umsatz erneut

Unterdessen hat Corona einer Reihe von Firmen Umsatzzuwächse verschafft, von welchen sie vor der Pandemie nicht zu träumen gewagt hätten. Zu den Gewinnern zählt Stihl: Die Menschen mussten aufs Reisen verzichten und auf noch viel mehr – woraufhin sie sich mit Hingabe der Verschönerung ihres Gartens widmeten und sich zu diesem Zweck offenbar das eine oder andere Stihl-Produkt gönnten. Das Jahr 2021 hat der Stihl-Gruppe jedenfalls einen neuen Absatzrekord verschafft; bereits Anfang November hatte sich der Umsatz der Fünf-Milliarden-Grenze genähert, wie Prochaska sagte. 2020 lag der Umsatz in der Stihl-Gruppe bei 4,58 Milliarden Euro – rund 16 Prozent überm Vorjahreswert. Ganz egal, in welche Höhen die Umsätze schießen – bei Stihl spricht man von „zufriedenstellender“ Geschäftsentwicklung.

Trotz allem nicht selten: Prall gefüllte Auftragsbücher

Prochaska wiederholte die Vokabel am Dienstag erneut – wohl wissend, dass für eine Reihe viel kleinerer Unternehmen innerhalb der M+E-Industrie andere Spielregeln gelten. Während einige ausgewählte Firmen aus dem Rems-Murr-Kreis bei der Pressekonferenz von prall gefüllten Auftragsbüchern, von bestens motivierten Beschäftigten und funktionierenden Corona-Bewältigungsstrategien in den Firmen berichteten, trifft so manche andere hart, womit sich derzeit selbstverständlich nicht nur Rems-Murr-Firmen herumschlagen: Energie- und Rohstoffpreise steigen, Halbleiter und eine ganze Reihe weiterer Vorprodukte, ohne die nichts geht, sind nur schwer und mit erheblichen Verzögerungen zu bekommen. Wer von China als Handelspartner in hohem Maße abhängig ist, den treffen die Lieferkettenprobleme mit Wucht. China fährt einen aus europäischer Sicht extrem strengen No-Covid-Kurs, weshalb sich die Transportzeiten ganz erheblich verlängert haben. Nachfrage hat sich angestaut, Güter sind knapp, Transportkapazitäten ebenfalls – woraufhin passiert, was passieren muss: Die Preise steigen.

Impfpflicht? - "Letztlich muss jeder für sich entscheiden"

Zurückhaltend äußerte sich Michael Prochaska unterdessen zur Diskussion um die Impfpflicht: Eine solche würde zwar helfen, den Schutz der Beschäftigten noch weiter auszudehnen – doch „letztlich muss jeder für sich entscheiden, ob er dieses Angebot annimmt“, so der Stihl-Vorstand für Personal und Recht.

Eine Impfpflicht „spaltet eher noch mehr“, fürchtet Johannes Maier, Geschäftsführer der AMF Andreas Maier GmbH & Co. KG. Aus seiner Sicht wirkt die Impfung nicht so intensiv und vor allem nicht so anhaltend, als dass mit einer Impfpflicht die Probleme gelöst wären. Der Geschäftsführer geht jedenfalls davon aus, dass sich Corona-Regeln wie gehabt noch oft und oft schnell ändern werden. Unterm Regel-Wirrwarr und sehr kurzfristigen Änderungen leiden seit langem nicht nur Unternehmen.

Vom weiteren Verlauf der Pandemie hängt ab, wie lange die internationalen Zulieferketten noch gestört sein werden. Die Probleme dürften noch das ganze Jahr 2022 anhalten, hieß es bei der Pressekonferenz. Der Erholungsprozess der M+E-Industrie wird 2022 jedenfalls „sehr holprig“ verlaufen, so Prochaskas Einschätzung.

Bei der Pressekonferenz gaben Vertreter/-innen von vier sehr unterschiedlichen Rems-Murr-Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie Einblicke in ihre aktuelle Situation:

AMF: Optimistischer Blick in die Zukunft

„Die Talsohle ist durchschritten“; die AMF Andreas Maier GmbH & Co. KG mit Sitz in Fellbach bewegt sich aufs Vorkrisenniveau zu, berichtete Geschäftsführer Johannes Maier bei der Pressekonferenz der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr. Von einem „sehr hohen Auftragsbestand“ sprach der Firmenchef, wenngleich sich die höheren Preise etwa für Holz oder Stahl, die sich binnen kurzem vervier- bis versechsfacht hätten, natürlich aufs Ergebnis auswirken. AMF rüstet beispielsweise Maschinenbauer oder Automobilzulieferer mit Spanntechnik-Lösungen oder Automatisierungstechnik aus. Auch zurzeit besonders rare Chips sind für die Produktion vonnöten. Wer jeden Preis zahlt, kriegt auch alles – ganz so angespannt sei die Situation zwar nicht, so Maier, „aber es geht ein bisschen in die Richtung“.

Maier rechnet mit einer „sehr guten“ Wirtschaftsentwicklung etwa in Indien oder in den USA, was sich im Unternehmenserfolg niederschlagen wird. 230 Beschäftigte zählt das Unternehmen, und dieses Jahr stehen Investitionen in Höhe von 1,5 bis 1,8 Millionen Euro an, etwa für die weitere Automatisierung der Fertigung: „Wir blicken optimistisch ins Jahr 2022.“

Pfisterer: Vorteil durch engagiertes Personal

Von zwei Geschäftsbereichen hat sich die Pfisterer Holding AG, Winterbach, getrennt – und damit ihre Zukauf-Strategie früherer Jahre beendet. Man konzentriere sich nun wieder aufs Kerngeschäft, so Prokurist Tobias Liedl – zumal sich das Unternehmen in einem attraktiven Marktsegment bewegt. Pfisterer fertigt Produkte für die Energieerzeugung und -übertragung. Der Stromverbrauch steigt, die Art der Erzeugung und Übertragung unterliegt einem durchgreifenden Wandel – was dem Unternehmen neue Chancen eröffnet.

„Wir sind sehr zufrieden mit dem Geschäftsjahr 2021“, so Tobias Liedl. Beschäftigte waren bereit, auch samstags zu arbeiten, und die Auftragseingänge erforderten sechste Nachtschichten in mehreren Wochen. Das Unternehmen bot unkomplizierte Lösungen an, als Kitas und Schulen geschlossen waren, damit Beschäftigte mit Kindern es etwas leichter hatten. Letztlich hätten das gute Miteinander und die Bereitschaft zu Sonderschichten dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft, von dem Pfisterer anhaltend profitiere. 2022 steht nun unter anderem im Zeichen der Personalentwicklung: „Wir wollen in Mitarbeiter investieren.“

Tesat-Spacecom: Top Auftragseingang

Ein „sehr, sehr gutes Jahr“ liegt hinter der Tesat-Spacecom GmbH & Co. KG. Laut Geschäftsführerin Kerstin Basche verzeichnete das Backnanger Unternehmen 2021 den „historisch größten Auftragseingang“ in der Unternehmensgeschichte. Tesat-Spacecom entwickelt, fertigt und vertreibt mit mehr als 1000 Beschäftigten Systeme und Geräte für die Telekommunikation via Satellit.

Durch die Corona-Pandemie sei man „sehr, sehr gut durchgekommen“. Es kam an keinem einzigen Tag zu Stillstand, und es gab keine Ausfälle in den Lieferketten, so Kerstin Basche. „Wir wollen weiter wachsen – mit Augenmaß“, das ist das Ziel. Investiert wird beispielsweise in die Laserkommunikation, während Tesat-Spacecom einen „gesunden Mix“ aus klassischen wie neuen Produkten anstrebt, respektive beibehalten möchte.

Engpass ist der Mangel an passendem Personal. Gute IT-Leute zu finden ist eh schwer; um diese Fachkräfte rangeln sich alle. Doch auch bei der Suche nach Beschäftigten für die Fertigung „wird der Markt eng“. Das Unternehmen wird zwölf bis 14 Azubis einstellen und weiter in den Standort Backnang investieren.

ZF Automotive: Ganz neue Konzepte

E-Mobilität und autonomes Fahren: Das sind die beiden Felder, in welchen der Zulieferer und Spezialist für Insassenschutz, die ZF Automotive Germany GmbH in Alfdorf, eine tragende Rolle spielen will und spielt. Mobilität verändert sich grundlegend, weshalb das Unternehmen komplett neue Sicherheitskonzepte entwickelt.

Der Halbleitermangel hat die Autoindustrie heftig gebeutelt, was das Alfdorfer Unternehmen freilich zu spüren bekommen hat. „Bei uns gab es stark Kurzarbeit“, so Eduard Bausch, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor bei ZF.

Es fehlt nach wie vor an Halbleitern, weshalb die erste Jahreshälfte 2022 spannend wird, so Bausch. Das Unternehmen hat einen hauseigenen Tarifvertrag, der noch bis Ende 2022 läuft. Im Zuge dessen sind betriebsbedingte Kündigungen augeschlossen.

„ZF investiert weiter in Alfdorf“, verspricht Bausch. Man werde die Ausbildungsquote halten, und im Zuge einer internen Qualifizierungsstrategie bildet das Unternehmen eigenes Personal weiter. Eine Kooperation mit der Hochschule Aalen nutzt ZF außerdem, um Beschäftigte weiter zu qualifizieren.

So langsam erholt sich die Metall- und Elektroindustrie. Für eine Reihe von Firmen geht es nur holprig voran, andere jubeln über historisch gute Auftragseingänge – und keiner kann wissen, wie’s weitergeht. Dass man sich, was Corona angeht, auf rein gar nichts verlassen kann, haben mittlerweile alle gelernt. Eine Reihe weiterer Unsicherheiten kommt hinzu, das haben Ausblicke in die Zukunft so an sich: Wie lange Lieferprobleme noch anhalten, wird man sehen, die Suche nach gutem Personal

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