Rems-Murr-Kreis

Urteil im Prozess nach dem Doppelmord in Allmersbach: Es war wie eine „Hinrichtung“

Landgericht
Am Landgericht Stuttgart ist jetzt das Urteil im Doppelmord-Prozess gefallen. © Alexandra Palmizi

Von „Hinrichtung“ sprach der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann in seiner Urteilsbegründung: Der 36-Jährige, der im Juni 2020 seiner früheren Partnerin und deren neunjähriger Tochter in Allmersbach im Tal die Kehle durchtrennt hat, wird länger als 15 Jahre in Haft bleiben. Die Große Strafkammer verurteilte den Mann zu lebenslanger Haft und wies ihm eine besondere Schwere der Schuld zu. Das bedeutet, der Mann wird nicht nach 15 Jahren auf Bewährung freikommen. Eine Strafvollstreckungskammer wird später entscheiden, wie lange er nach Ablauf der 15 Jahre noch mindestens im Gefängnis bleiben muss. Bei lebenslanger Freiheitsstrafe ist es grundsätzlich möglich, die Strafe nach 15 Jahren zur Bewährung auszusetzen – das gilt aber nicht, wenn eine besondere Schwere der Schuld vorliegt.

„Das Urteil ist so ausgefallen, wie wir es erwartet hatten“, sagte der Vater der getöteten Frau nach dem Urteilsspruch. Hätte das Gericht eine besondere Schwere der Schuld nicht festgestellt, „müsste man sich fragen, was noch geschehen muss“. Der Mann und weitere Familienangehörige waren im Prozess als Nebenkläger aufgetreten und hatten die Verhandlungen von der ersten bis zur letzten Minute mitverfolgt. „Für mich war das wichtig“, sagte der Vater der Getöteten.

Die Opfer „tragen keine Verantwortung“

In seiner Urteilsbegründung richtete der Vorsitzende Richter den Blick auf die Belange der Angehörigen. Ein Strafprozess könne der Familie nicht ausreichend Genugtuung verschaffen, und der Verlust geliebter Menschen lässt sich durch nichts ausgleichen. Doch könne man das Tatgeschehen „feststellen, bewerten und aburteilen“. Das ist in diesem Prozess gelungen, so bewerten das die Angehörigen, wie der Waiblinger Rechtsanwalt und Nebenkläger-Vertreter Jens Rabe nach Abschluss sagte. Das Tatgeschehen sei akribisch aufgearbeitet worden, und das Gericht habe die Emotionen der Angehörigen angemessen ins Blickfeld gerückt.

Die Opfer „tragen keine Verantwortung“, betonte Richter Norbert Winkelmann mehrfach. Ferner versuchte er, den Angehörigen Schuldgefühle zu nehmen; sie werden sich oft gefragt haben, ob sie die Tat hätten verhindern können. Ganz allein der Täter trägt die volle Verantwortung für das, was geschehen ist, betonte der Richter: „Zuletzt werden Sie alleine mit der Verantwortung für diese Tat leben müssen“, sagte er mit Blick auf den 36-Jährigen. Die Urteilsbegründung verfolgte der Verurteilte gesenkten Hauptes; an manchen Stellen schüttelte er den Kopf.

"Massive Gewalt" angewendet

Der Mann hat nach Überzeugung des Gerichts nicht im Affekt gehandelt, und er sei zur Tatzeit nicht in seiner Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit eingeschränkt, also „voll schuldfähig“ gewesen. Unter „bewusster und absichtlicher Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit“ habe der Täter zuerst die Frau und dann deren Kind getötet. Von „massiver Gewalt“, großer Brutalität und Skrupellosigkeit sprach der Richter. Als nicht glaubhaft bewertete die Kammer die Angaben des Mannes, er sei am Abend des 20. Juni 2020 zu seiner früheren Partnerin gefahren, um ein für den nächsten Tag angesetztes Treffen abzusagen. In Wahrheit habe der 36-Jährige sich eine erneute Annäherung an die 41-Jährige erhofft, die er kurze Zeit nach der ersten Begegnung als die Frau seines Lebens bezeichnet hatte. In der Beziehung begann es aber bald zu kriseln, weil sich der 36-Jährige in die Erziehung des Kindes einmischte, wegen Kinkerlitzchen Streit anzettelte und wochenlang auf denselben Kleinigkeiten herumhackte.

Tat war nicht von langer Hand geplant

An jenem Abend im Juni waren die beiden schon eine Weile getrennt gewesen. Man traf dennoch zusammen, weil der 36-Jährige dem Bruder der Frau beim Transport eines Traktors geholfen hatte und alle später noch in einem Besen zusammengesessen waren. Die Frau war längst mit ihrer Tochter nach Hause gefahren, als der Mann ihr mehrfach per Whatsapp ankündigte, er wolle noch vorbeikommen. Unmissverständlich machte die Frau ihrem Ex-Freund klar, sie wünsche keinen Besuch. Darüber setzte sich der 36-Jährige hinweg. Als er seine frühere Partnerin auf deren Terrasse mit einem Bekannten zusammensitzen sah, platzte er dazwischen, doch die beiden beachteten ihn kaum. Der Mann fühlte sich aus laut der Urteilsbegründung „nichtigem Anlass“ gedemütigt und geriet in Wut.

Der Mann hatte nicht von langer Hand geplant, die Frau und das Kind zu töten, davon geht das Gericht aus. Doch er hätte viele Möglichkeiten gehabt, seinen Zorn zu zügeln und sich zurückzuziehen. Stattdessen fuhr er in jener Nacht auf den 21. Juni nach der Begegnung auf der Terrasse zunächst nach Hause in den Heilbronner Raum – um kurze Zeit später zurückzukehren. Der Bekannte war immer noch da. Als dieser sich verabschiedet hatte, kam es zum Streit. Mit einem Angriff hatte die Frau in keinster Weise gerechnet; sie hantierte in der Küche, als die ersten Schläge sie trafen. Die Frau versuchte noch, sich zu wehren, doch sie hatte keine Chance.

Mutter und Tochter hatten liebevolles Verhältnis

Im Prozess hatte der Mann ausgesagt, er habe nach dem ersten Mord auch das schlafende Mädchen getötet, weil er ihm ein Leben ohne die Mutter ersparen wollte. Als „Scheinmotiv“ bezeichnete der Vorsitzende Richter diese Behauptung, zumal die Neunjährige enge Beziehungen zu ihrem Vater, zu den Großeltern und anderen Verwandten hatte. Vielmehr habe der Mann das Kind als „störend“ angesehen während seiner Beziehung mit der Mutter, die ein sehr liebevolles Verhältnis zu ihrer Tochter gepflegt hatte. Wenige Stunden vor den Morden hatte der Mann noch beim Essen verkündet, er werde nie wieder etwas mit einer Frau anfangen, die ein Kind unter zehn Jahren habe.

Eine „gewisse Enthemmung durch Alkohol“ könnte bei den Taten eine Rolle gespielt haben, so der Richter – aber keinesfalls in einem Ausmaß, das schuldmindernd hätte wirken können. Von einer besonderen „Persönlichkeitsakzentuierung“ sprach Norbert Winkelmann ferner. Das bedeutet, es sind durchaus problematische Facetten in der Persönlichkeit des Mannes vorhanden – aber nicht in krankhaftem Ausmaß.

Der Mann war zunächst zusätzlich wegen versuchten Mordes angeklagt gewesen, weil er vorgehabt hatte, nach dem Doppelmord in Allmersbach auch seine Nochehefrau in Gaildorf zu töten. Verurteilt wurde er jetzt in diesem Fall lediglich wegen Beschädigung der Haustür. Die juristischen Voraussetzungen für eine Verurteilung wegen versuchten Mord waren aus Sicht des Gerichtes nicht gegeben.

Von „Hinrichtung“ sprach der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann in seiner Urteilsbegründung: Der 36-Jährige, der im Juni 2020 seiner früheren Partnerin und deren neunjähriger Tochter in Allmersbach im Tal die Kehle durchtrennt hat, wird länger als 15 Jahre in Haft bleiben. Die Große Strafkammer verurteilte den Mann zu lebenslanger Haft und wies ihm eine besondere Schwere der Schuld zu. Das bedeutet, der Mann wird nicht nach 15 Jahren auf Bewährung freikommen. Eine

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