Rems-Murr-Kreis

Verbrechensopfer in Not: Wohin sich Betroffene im Rems-Murr-Kreis wenden können

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Symbolbild. © Adobestock/Serghei
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Opferberatung
Hermann Staudenmaier kümmert sich als Außenstellenleiter des Weißen Ringes im Rems-Murr-Kreis um Kriminalitätsopfer. © Alexandra Palmizi

Jeder „Tatort“ beginnt mit dieser angstbesetzten Szene: Es ist dunkel, Gefahr droht, jemand rennt weg. Den Rest malt man sich aus.

Es gibt Menschen, die malen sich den Rest nicht nur aus. Sie erleben sehr real eine Gewalttat, werden Opfer eines Überfalls oder finden ihre Wohnung von Einbrechern verwüstet vor. Solche Erlebnisse vergisst man nie. Die Erinnerung und alle damit verbundenen Gefühle lassen sich nicht ausschalten, so wie man den „Tatort“ einfach ausschalten kann.

Hermann Staudenmaier kann keinen Therapieplatz für Verbrechensopfer herbeizaubern, aber er weiß, wo es Traumazentren gibt, welche Rechte Betroffenen zustehen, was ein Opferanwalt erreichen kann und wo’s im Notfall schnelle finanzielle Überbrückungshilfe gibt: Seit kurzem leitet Staudenmaier die Rems-Murr-Außenstelle des Weißen Ringes. Diese Organisation steht Kriminalitätsopfern auf vielfältige Weise zur Seite.

Mit rund 100 Fällen ist in diesem Jahr zu rechnen

Binnen kürzester Zeit hat Hermann Staudenmaier ein vierköpfiges Team gebildet. Sämtliche Helfer/-innen werden nicht wenig zu tun haben: Der 65-Jährige rechnet mit rund 100 zu bearbeitenden Fällen im Rems-Murr-Kreis allein 2021. Sozialpädagoginnen zählen zum Team, eine Helferin, die sonst in einem Medienberuf tätig ist, ferner ein Polizeibeamter. Staudenmaier selbst kommt, wie viele im Weißen Ring Engagierte, aus der Polizeiarbeit. Zuletzt war er als stellvertretender Kripo-Leiter im Polizeipräsidium Aalen im Einsatz. Ende 2020 wechselte der 65-Jährige in den Ruhestand – um sich fast nahtlos seiner neuen Aufgabe zu widmen. Als Ansprechpartner für Verbrechensopfer wird er ein paar grundlegende Dinge anders angehen als früher im Kripo-Dienst: Opferhelfer stellen nicht die Frage nach der Glaubwürdigkeit; „was mir das Opfer erzählt, das gilt.“ Ferner ist es für Hermann Staudenmaier nicht von Belang, ob die Betreffende überhaupt Anzeige erstattet hat oder je Anzeige erstatten will. Etwa nach einem sexuellen Übergriff entscheiden sich Frauen oftmals gegen eine Anzeige – was es zu respektieren gilt. Seit einiger Zeit können Betroffene am Rems-Murr-Klinikum Winnenden Spuren einer sexuellen Gewalttat gerichtsfest sichern lassen – und sich dann ein Jahr Zeit lassen für die Entscheidung, ob eine Anzeige folgen soll oder nicht.

Im Erstgespräch mit Opferhelfer/-innen vom Weißen Ring geht's nicht drum, Details der Tat zu schildern. Staudenmaier sieht seine Funktion als Lotse und möchte Betroffenen Wege aufzeigen, wie sie wieder neuen Mut fassen und zurück ins Leben finden können. Er wird beispielsweise ans Traumazentrum Esslingen verweisen, zumal Betroffene ein Recht auf Traumatherapie haben, wenngleich sich dieses mangels Therapeut/-innen nicht ganz leicht und vor allem nicht sofort umsetzen lässt.

In der Beratung geht's ferner darum, wie ein Ermittlungsverfahren abläuft, welche Regeln bei Gerichtsverhandlungen gelten oder was Opferanwält/-innen leisten können. Diese Anwälte können sich beiordnen lassen, vor Gericht für die Rechte des Opfers eintreten oder auch als Nebenklägervertreter auftreten, was mit weitreichenden Rechten verbunden ist. Früher war das anders, doch heute können Anwälte bereits im Strafprozess ein Schmerzensgeld erstreiten oder Schadensersatzansprüche geltend machen.

Finanzielle Hilfen je nach Einzelfall möglich

Der Weiße Ring selbst darf keine Rechtsberatung vornehmen. Eine Liste mit Anwält/-innen, die in Fragen der Opferhilfe speziell fortgebildet sind, ist derzeit im Aufbau, wie Hartmut Grasmück am Dienstag vor der Presse in Stuttgart sagte. Laut dem Landesvorsitzenden des Weißen Ringes entscheidet die Bundesgeschäftsstelle im Einzelfall, inwieweit ein Verbrechensopfer finanzielle Hilfe vom Weißen Ring erhalten kann. Wer eh schon fast nichts hat außer Schulden und als Opfer einer Straftat zusätzlich Kosten zu tragen hat, kommt dafür infrage. Der Weiße Ring versorgt indes laut Hermann Staudenmaier Betroffene mit einem Beratungsgutschein, so dass zumindest die Kosten für ein Erstgespräch bei einem Opferanwalt / einer Anwältin gedeckt sind.

Noch wichtiger als die Beratung in Verfahrensfragen, das ist Staudenmaiers Erfahrung, sind psychologische Hilfen. Insbesondere Opfer von sexualisierter Gewalt „sind sehr traumatisiert“. Auch noch Jahre nach einer Tat kann man sich an den Weißen Ring wenden, betont Hermann Staudenmaier. Manch eine Betroffene versucht, alles alleine zu bewältigen. Später wirft es sie vielleicht völlig aus der Bahn, wenn sie erfährt, ihr Peiniger ist bereits wieder auf freiem Fuß.

Opferhelfer können nichts ungeschehen machen, sie können den Mangel an Therapeut/-innen nicht beheben und Gerichtsverfahren nicht beschleunigen. Aber sie hören zu, nehmen die Nöte von Verbrechensopfern ernst und bieten menschliche Unterstützung, wie Hermann Staudenmaier sagt: „Wir dürfen Kriminalitätsopfer nicht alleine lassen.“

Jeder „Tatort“ beginnt mit dieser angstbesetzten Szene: Es ist dunkel, Gefahr droht, jemand rennt weg. Den Rest malt man sich aus.

Es gibt Menschen, die malen sich den Rest nicht nur aus. Sie erleben sehr real eine Gewalttat, werden Opfer eines Überfalls oder finden ihre Wohnung von Einbrechern verwüstet vor. Solche Erlebnisse vergisst man nie. Die Erinnerung und alle damit verbundenen Gefühle lassen sich nicht ausschalten, so wie man den „Tatort“ einfach ausschalten

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