Rems-Murr-Kreis

Vergewaltigung einer Behinderten aus der Diakonie Stetten? Prozess im Aussagen-Dschungel

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Prozess im Paragrafen- und Aussagendschungel. Symbolbild © fotolia/rcfotostock

Der Tatvorwurf der Vergewaltigung einer 24-jährigen Behinderten wiegt schwer und das Stuttgarter Landgericht schlägt sich durch einen wahren Aussagen-Dschungel: Was stammt vom vermeintlichen Opfer selbst? Welche Aussagen sind seinen Betreuern und Begleitern zuzuordnen? Was wurde in der Einrichtung der Diakonie Stetten intern aufgearbeitet? Von der Beantwortung dieser Fragen hängt ab, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht.

Dass der Nordafrikaner die junge Frau mit in seine Unterkunft genommen hat, ist  unumstritten

Dass der 38-jährige Nordafrikaner aus Großheppach die junge Frau am Nachmittag des 14. Januar 2021 mit in seine Unterkunft genommen hat, ist vor der siebten Strafkammer unumstritten. Sie muss jedoch herausfinden, ob der Angeklagte die 24-Jährige wirklich vergewaltigt hat. Die Zeugenaussagen gehen auseinander. Bislang ist nicht einmal sicher, durch wen das Wort Vergewaltigung in die Anklage der Staatsanwaltschaft gekommen ist. Den Ermittlungen nach war anfangs von „sexuellem Bedrängen“ die Rede.

Das vermeindliche Opfer wollte weder vor der Polizei aussagen noch vor Gericht. Richter Reiner Skujat fragt sich, ob das daran lag, dass die junge Frau Angst vor Sanktionen wie Ausgehverbot durch ihre Einrichtung hatte oder an ihrem Schamgefühl. Sowohl für die Polizei als auch für das Gericht war es schwierig, sie zu befragen.

Während der Vernehmung saß sie auf dem Schoß einer Mitbewohnerin

Während der polizeilichen Vernehmung saß sie auf dem Schoß einer Mitbewohnerin und bekam die Fragen wiederholt von verschiedenen Personen gestellt. Als die 24-Jährige in den Gerichtssaal sollte, rannte sie erst einmal davon und machte dann selbst unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur spärliche Angaben. Der Aktenlage nach soll es am Folgetag nach der mutmaßlichen Vergewaltigung eine interne Aufarbeitung in der Einrichtung der Diakonie Stetten gegeben haben, in der die junge Frau lebt.

Es gibt auch eine Vorgeschichte

Es gibt auch eine Vorgeschichte, nach welcher der Angeschuldigte für das vermeintliche Opfer kein Fremder war, wie als Beweismittel zur Verfügung stehende Chatverläufe zeigen.

Die Polizei verständigt hat, nachdem die 24-Jährige zu spät nach Hause kam, eine ihrer Betreuerinnen. Letztere war auch mit ihr bei der gynäkologischen Untersuchung, die nach der Aussage eines Arztes eine Rötung im Schambereich ergab. Die Betreuerin und Heilerziehungspflegerin schilderte aus dem Leben der jungen Frau: Zur Arbeit und wieder heim ins betreute Wohnen könne diese alleine mit der S-Bahn fahren. Am 14. Januar habe ihr eine andere Bewohnerin erzählt, die 24-Jährige sei „mit einem mitgegangen“. Sie habe sofort auf deren Handy angerufen, doch das Guthaben sei alle gewesen. Es sei aber ein Rückruf gekommen, bei dem sich zuerst ein Mann und dann ihr Schützling gemeldet habe, welchem sie die Anweisung erteilt habe, sofort heimzukommen. Den Ermittlungen nach hat der Mann die behinderte Frau dann noch zum Bahnhof Beutelsbach begleitet.

Betreuerin: Behinderte sei „sexuell bedrängt“ worden

Von da an scheiden sich die Geister. Die eine Betreuerin gab vor Gericht an, die junge Frau sei durch eine Dreimonatsspritze vor einer ungewollten Schwangerschaft geschützt, und die andere war überzeugt davon, dass sie die Pille nimmt. Vor Gericht ist nicht erwiesen, ob überhaupt Geschlechtsverkehr stattgefunden hat und ob ein Kondom im Spiel war. Es steht noch nicht einmal fest, ob es sexuelle Handlungen vor dem Anruf der Betreuerin oder in Eile danach gegeben hat. Warum die Betreuerin bei der Polizei angerufen und gesagt hat, es sei eine Bewohnerin „sexuell bedrängt“ worden, wo ihr die 24-Jährige von sich aus doch gar nichts erzählt hatte, begründete sie mit „Intuition“. Sie habe das Gefühl gehabt, „dass da etwas nicht stimmt“. „Sie eiern rum“, sagte Richter Skujat dazu. Als die Betreuerin fragte, „warum sitzen wir alle hier?“, antwortete der Richter „Das frage ich Sie“.

Eigentlich wollten die beiden noch ins Kino und essen gehen

Aus der Gerichtsakte geht hervor, dass der Angeklagte und das vermeindliche Opfer am Tatabend eigentlich noch ins Kino und essen gehen wollten.

Der Tatvorwurf der Vergewaltigung einer 24-jährigen Behinderten wiegt schwer und das Stuttgarter Landgericht schlägt sich durch einen wahren Aussagen-Dschungel: Was stammt vom vermeintlichen Opfer selbst? Welche Aussagen sind seinen Betreuern und Begleitern zuzuordnen? Was wurde in der Einrichtung der Diakonie Stetten intern aufgearbeitet? Von der Beantwortung dieser Fragen hängt ab, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht.

Dass der Nordafrikaner die junge Frau mit in seine

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