Rems-Murr-Kreis

Verschärft die Gesundheitsreform den Ärztemangel?

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Die meisten Ärzte gehen eher pessimistisch ins Jahr 2020, sagt Dr. Karl-Michael Hess, Vorstand der Ärzteschaft Rems-Murr Süd. © Joachim Mogck

Schorndorf/Waiblingen.
„Unser Gesundheitssystem geht uns alle an“, sagt Dr. Karl-Michael Hess, Vorstand der Ärzteschaft Rems-Murr Süd. „Und wenn man die medizinische Versorgung wie in Deutschland als Teil der Daseinsfürsorge ansieht, für die der Staat mitzusorgen hat, dann sollte es fair und leistungsgerecht für alle Beteiligten zugehen.“ Schon seit Jahren sei dies jedoch nicht der Fall, Reformprojekte des Gesundheitsministeriums unter Jens Spahn machten vieles noch schlimmer.

„Ich bin ja kein Linker oder Grüner, aber seit Herrn Seehofer gab’s eigentlich keinen Gesundheitsminister mehr, der beliebt war bei der Ärzteschaft. Und auch Herr Spahn kommt bei uns nicht gut an“, sagt Dr. Hess. Es gebe jedes Jahr eine Umfrage der Online-Plattform Medscape zur Zufriedenheit der Ärzte in Deutschland. „Die meisten gehen eher pessimistisch ins Jahr 2020. Die wenigsten glauben, dass es dieses Jahr den Ärzten bessergehen wird.“

Breite Honorar-Streuung: „Ärzte werden wie Hühner gefüttert“

Dreh- und Angelpunkt des Unmuts sei die Vergütung. Ab 1. April 2020 treten neue Honorar-Abrechnungsregeln in Kraft. Die Krux: Die Summe des Gesamthonorars, das bundesweit ausgeschüttet wird, bleibt gleich, wird aber anders verteilt, die Ärzte konkurrieren darum.

„Das ist, wie wenn eine Bäuerin morgens in den Hühnerstall geht, breitflächig Futter ausstreut und die Hühner müssen darum um die Wette picken.“ Aber wen wundere das schon!? In Schriftstücken des Gesundheitsministeriums hießen Ärzte ja auch nicht mehr Ärzte, sondern „Leistungserbringer“. „Das ist respektlos“, sagt Dr. Hess.

Verlierer werden die Fachärzte sein, die in teure Geräte investiert haben, wie die Röntgenärzte oder die Kardiologen. Gerätemedizin werde künftig schlechter honoriert, Gesprächsmedizin aufgewertet. Über die genaue Honorarverteilung entscheidet letztlich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Einbußen von fünf bis zehn Prozent pro Behandlung sind programmiert. Wenn man dann noch die gestiegenen Personalkosten dazurechnet, dann ist das relevant.“ Dabei müssten Geräte wie Ultraschall oder MRT teuer angeschafft und gewartet werden. Die Investitionskosten amortisierten sich mittlerweile eigentlich nur, weil niedergelassene Ärzte auch Privatpatienten versorgen und man diese besser als Kassenpatienten abrechnen könne, sagt Dr. Hess.

Das Honorarsystem sei eh schon total kompliziert. Die Details versteckten sich in den Komplexziffern der Abrechnung. Der bürokratische Aufwand sei immens. „Eine Praxis, die sich nicht mit allen Abrechnungsdetails auskennt, zieht den Kürzeren. Der eine Hausarzt kommt mit 40 Euro pro Patient raus, der andere mit 80 Euro.“

Und: Komme wieder mal eine Grippewelle oder gar eine richtige Seuche, dann vergrößere sich der Honorartopf auch nicht. Das sei also wie eine „Honorar-Flatrate“: Die Ärzte hätten zwar mehr Arbeit, verdienten aber nicht mehr. „Frustrierend.“

Zudem wolle Jens Spahn die Fachärzte zwingen, offene Sprechstunden anzubieten, bis zu fünf Stunden pro Woche. „Da können Patienten ohne Termin einfach vorbeikommen. Die Wartezimmer werden dann überfüllt sein.“

Zunehmender Ärztemangel wegen Planungsunsicherheit ?

Es bestehe eine breite Planungsunsicherheit, die junge Kolleginnen und Kollegen davon abschrecke, sich selbstständig zu machen. „Ich kenne einige Ärzte, die aufgrund der Frustration über die Honorarabrechnung und -vergütung ihre Kassenzulassung zurückgegeben haben und nur noch Privatpatienten behandeln.“

Die Spahn’sche „Honorartopf-Reform“ verschlimmere auch noch die bestehende und bereits fragwürdige Deckelung des Regel-Leistungsvolumens. Jede Praxis bekommt pro Jahr eine Gesamthonorar-Menge für die Kassenpatienten zugewiesen. Ist das Gesamthonorar unterjährig aufgebraucht, kommen aber weiter Patienten, so verdient die Praxis weniger pro Patient, kann weniger abrechnen. „Ist ein Arzt fleißig oder kommt mal wieder eine Krankheitswelle, gibt’s nicht mehr Geld, ja plötzlich sogar weniger.“

Älterwerden der Menschen spiegelt sich nicht in den Bedarfszahlen wider

Nicht zu vergessen: die demografische Entwicklung. Die Menschen werden immer älter, dadurch aber auch kränker (Herzkrankheiten, orthopädische Probleme, Arterienverkalkung, Altersdiabetes und dergleichen). Bei den Bedarfszahlen und der Berechnung des Gesamt-Honorartopfes hätten Gesundheitsministerium und KBV aber den steigenden Altersdurchschnitt der Bevölkerung nicht gebührend berücksichtigt.

Zudem würden die Patientenströme nicht gesteuert. „Es kann sein, dass jemand in einem Jahr zu drei unterschiedlichen Kardiologen rennt. Deshalb bin ich auch ein Fan des Hausarztmodells: der Hausarzt als Gate Keeper.“

Jens Spahns „Gesetz für einen fairen Kassenwettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-FKG) gefährde aber die baden-württembergischen Hausarzt- und Facharztverträge. Es erkläre diese als gesetzeswidrig. Diese Verträge, die zum Beispiel mit der AOK geschlossen wurden, ermöglichten aber eine faire, leistungsgerechte Versorgung der Patienten. „Ärzte können dann bei bestimmten schwerkranken Patienten Leistungen außerhalb des Honorar-Verteilungsvolumens abrechnen. Arztpraxen, die mitmachen, müssen bestimmte Qualitätsstandards erfüllen und sich bei den Kassen um den Status bewerben. Die AOK und andere machen deshalb gerade zu Recht Lobbyarbeit gegen das GKV-FKG.“

Was die Praxis-Nachfolge angeht, sei die Situation heterogen. „In Schorndorf hat jeder Hausarzt einen Praxisnachfolger gefunden. Es gibt aber auch Facharztgruppen wie HNO oder Gastroenterologie, die keine Nachfolger finden.“ Da müsse man intelligente Strukturen finden. Medizinische Versorgungszentren seien eine Möglichkeit. „Wir arbeiten diesbezüglich sehr vertrauensvoll zusammen mit Landrat Dr. Richard Sigel, dem Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken Dr. Marc Nickel und den Chefärzten.“

Schorndorf/Waiblingen.
„Unser Gesundheitssystem geht uns alle an“, sagt Dr. Karl-Michael Hess, Vorstand der Ärzteschaft Rems-Murr Süd. „Und wenn man die medizinische Versorgung wie in Deutschland als Teil der Daseinsfürsorge ansieht, für die der Staat mitzusorgen hat, dann sollte es fair und leistungsgerecht für alle Beteiligten zugehen.“ Schon seit Jahren sei dies jedoch nicht der Fall, Reformprojekte des Gesundheitsministeriums unter Jens Spahn

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