Rems-Murr-Kreis

Verspätete Quarantäne-Anordnungen, verspätete Test-Ergebnisse: Was derzeit schiefläuft - ein drastisches Waiblinger Fallbeispiel

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Test absolviert? Dann beginnt das Warten ... © Joachim Mogck

Was geschieht, wenn eine Kollegin positiv getestet wird? Wir vom Zeitungsverlag haben das selber erfahren. Theoretisch hätten nun alle Kontaktpersonen ersten Grades bei uns im Haus schnell eine Quarantäne-Anordnung, einen Test und ein Ergebnis bekommen sollen. Theoretisch ... Ein Lehrstück zur Überlastung in der Coronakrise.

Corona, Alarm! Eine Kollegin infiziert sich

Am Samstag, 17. Oktober, bemerkt die Kollegin die ersten Symptome: Kopfschmerz, Halsweh – Corona? Sollte der Verdacht sich bestätigen, hieße das: Bereits am 15. und 16. Oktober wäre sie ansteckend gewesen – an den beiden Tagen war sie in der Redaktion.

Ab Samstag, 17. Oktober, bleibt die Kollegin daheim und verlässt das Haus nur, um sich testen zu lassen. Am 21. Oktober liegt das Ergebnis vor: positiv.

Sie berichtet dem Gesundheitsamt, welchen Kolleginnen und Kollegen sie am 15. und 16. Oktober länger als eine Viertelstunde näher als zwei Meter gekommen sei: Das sind die Kontaktpersonen der Kategorie 1.

Am Morgen des 21. Oktober berichtet der Chefredakteur in einer Online-Konferenz von einer möglichen Infektion der Kollegin, die am Nachmittag bestätigt wird. Viele Redakteure werden nach Hause geschickt. Jetzt sollte alles schnell gehen. Eigentlich.

Corona, Lob der App - was die erste Kontaktperson erlebt hat

Am Mittwoch, 21. Oktober, erfahre ich, dass die Kollegin, die ich am 16. Oktober zuletzt gesehen habe, positiv ist. Falls ich angesteckt wurde, dann schon vor sechs Tagen.

Ein paar Stunden später leuchtet meine Corona-Warnapp rot. „Begeben Sie sich, wenn möglich nach Hause bzw. bleiben Sie zuhause“, steht auf dem Display. Was ich dann auch mache. Außerdem rät mir die App, meinen Hausarzt zu kontaktieren. Er verweist mich ans Testzentrum auf dem Wasen. Am Donnerstag, 22. Oktober, werde ich dort getestet. Danach: Funkstille.

Das völlig überlastete Stuttgarter Gesundheitsamt meldet sich erst am Sonntag, 25. Oktober – neun Tage nach dem letzten Kontakt mit der infizierten Kollegin. In dieser Zeit hätte ich einmal quer durch die lokale Gastro- und Kneipenlandschaft tingeln können; wenn ich nicht dank der Warn-App um die Gefahr gewusst hätte.

Das Gesundheitsamt empfiehlt, ich solle zu Hause bleiben und mich testen lassen – möglichst „fünf bis sieben Tage“ nach dem Kontakt mit der Infizierten ...

Erst am Mittwoch, 28. Oktober – zwölf Tage nach dem Kontakt mit der Kollegin – kommt per Post die offizielle Anordnung zur Quarantäne vom Amt für öffentliche Ordnung; ich wurde von der Kollegin ja als Kontaktperson Kategorie eins angegeben.

Dabei habe ich am Abend des 25. Oktober bereits per App mein Ergebnis erhalten: negativ.

Die Ämter sind für die Kontaktnachverfolgung sicher wichtig, aber sie sind – kein Vorwurf – heillos überlastet. Sie können in vielen Fällen nicht rechtzeitig warnen. Die App kann es. Umso mehr Leute sie nutzen, umso zuverlässiger ist sie. Und wenn sie anschlägt, muss jeder Einzelne für sich entscheiden, wie er damit umgeht; wenn er auf eine behördliche Anordnung wartet, ist es im Zweifel zu spät. Die App und die Eigenverantwortung sind die vielleicht wichtigsten Bausteine in der Bekämpfung des Virus.

Corona, sieben Anrufe - was die zweite Kontaktperson erlebt hat

Ich erfahre am Mittwoch, 21. Oktober, vom Corona-Fall bei uns. Mein letzter Kontakt mit der Kollegin war am 16. Oktober. Danach fahre ich nach Hause und versuche herauszufinden, wer von uns als Kontaktperson gilt und wie wir uns verhalten müssen.

Erster Anruf, Corona-Hotline: „Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.“ Das könne mir höchstens das Waiblinger Ordnungsamt sagen. Zweiter Anruf, Bürgerhotline, Landesgesundheitsamt: „Das kommt auf den Sachbearbeiter an.“ Der Infizierte müsse erzählen, wem er begegnet ist – der Mitarbeiter des Gesundheitsamtes entscheide, welche Personen als Kontaktperson I gelten. Dass Menschen, die nur im gleichen Raum saßen, in Quarantäne müssen, sei unwahrscheinlich – aber „wenn Sie können, bleiben Sie einfach daheim“.

Dritter Anruf, bei der infizierten Kollegin: Sie muss beim Gesundheitsamt die Leute nennen, mit denen sie in den zwei Tagen vor Erkrankungsbeginn engen Kontakt hatte – unter zwei Meter, direktes Gespräch, mindestens 15 Minuten. Laut dieser Auffassung müsste ich nicht in Quarantäne: Ich saß der Kollegin zwar gegenüber, zwischen uns war aber eine Trennwand.

Am Donnerstag, 22. Oktober, leuchtet meine Corona-App rot. Keine Überraschung: Die App erkennt keine Trennwand. Ich würde mich dennoch gern testen lassen.

Vierter Anruf: mein Hausarzt. Ihm reicht die rote App nicht. Er testet mich nur, wenn ich offiziell als Kontaktperson gelte oder Symptome habe. Am Samstag, 24. Oktober, aber folgt die Info der Kollegin: Sie musste mich beim Gesundheitsamt nun doch als Kontaktperson nennen. Gelte ich nun als quarantänepflichtig? Ich will einen Test! Ob das am Samstag überhaupt geht?

Fünfter Anruf: 116117. „Rufen Sie bei der Fieberambulanz in Schorndorf an. Vielleicht haben Sie Glück und die haben noch was frei.“ Sechster Anruf: Fieberambulanz. „Wenn Sie unter der Woche anrufen, kein Problem. Am Wochenende testen wir Sie nur, wenn Sie Symptome haben.“ Oder eine schriftliche Quarantäne-Verordnung.

Die aber folgt erst am Sonntag, 25. Oktober, per Telefon und Mail. Neun Tage nach meinem Kontakt mit der Kollegin habe ich es schriftlich: Bis Freitag, 30. Oktober, um 24 Uhr muss ich zu Hause bleiben.

Siebter Anruf: Montag – wieder der Hausarzt. Ich bekomme einen Termin zum Testen am Dienstag, 27. Oktober.

Letzter Stand: Mein Ergebnis wird frühestens für Freitag, 30. Oktober, erwartet.

Corona, veräppelt - was die dritte Kontaktperson erlebt hat

Weil meine Warn-App auf Rot springt, bleibe ich zu Hause. Beim Gesundheitsamt hat die Kollegin mich allerdings nicht als Kontaktperson gemeldet: Unsere Begegnung fand nämlich drei Tage, bevor sie Symptome zeigte, statt, am 14. Oktober. Ich muss also nicht in Quarantäne.

Um auf Nummer sicher zu gehen, mache ich in einer HNO-Praxis einen Testtermin aus für Freitag, 23. Oktober. Alles klappt super: Ich gebe Personalien an, schon sitze ich auf dem Stuhl und lasse mir ein Stäbchen in den Rachen schieben. Ein kurzes Würgen, ein „das war’s schon“ vom Arzt, ich bekomme einen Zettel mit einem QR-Code in die Hand gedrückt; und tschüss.

Den Code scanne ich mit meiner Warn-App ab. Und bleibe in der Wohnung.

Wer erst einmal getestet ist, will auch wissen, was rauskommt. Die App aktualisiere ich mehrfach täglich: am Samstag, am Sonntag, Montag, Dienstag ... ohne Erfolg: „Ergebnis liegt noch nicht vor“.

Das steht da noch heute. Dabei weiß ich seit Dienstagabend, 27. Oktober, dass mein Test negativ war. Aber nur, weil ich per Mail beim Arzt nachgehakt habe und prompt eine Antwort bekam. Immerhin, an die Arztpraxis hat das Labor das Ergebnis bereits am Montagabend übersandt. Mein Fazit: Hmpf.

Corona wird so nicht ausgebremst - was die vierte Kontaktperson erlebt hat

Am 21. Oktober morgens erfahre ich von der Infektion der Kollegin – noch am selben Tag gegen 13.15 Uhr mache ich meinen Test. Ein Allgemeinarzt, dem ich erzähle, dass ich Kontakt mit der Kollegin gehabt habe, schickt mich zu einem Testcontainer vor einer Praxis in Bietigheim. Keine Schlange, ich komme sofort dran. Super.

Das Blöde: Erst am 26. Oktober – ein Testergebnis liegt da noch nicht vor – meldet sich das Amt für öffentliche Ordnung mit einer Quarantäne-Anordnung, die ich nach den Angaben der Kollegin als Kontaktperson Kategorie I einzuhalten hätte.

Das Testergebnis erhalte ich am Abend des 26. Oktober per Corona-App: negativ.

Corona, das große Durcheinander - was ein Kollege ohne App erlebt hat

Mittwoch, 21. Oktober: Der Positivbefund der Kollegin liegt vor, ich wechsle ins Home-Office. Meine Frau will sich von mir fernhalten, bis ein negativer Test vorliegt. Wir vereinbaren Ehe-Quarantäne nach AHA-Regeln.

Donnerstag, 22. Oktober: Vormittags Anruf beim Hausarzt in Böblingen. „Wir überweisen Sie an die Laborärzte in Sindelfingen, da gibt es ein Testzentrum. Sie bekommen einen Anruf von dort, mit einem Termin.“ Ich sitze wie auf Kohlen, warte bis 17 Uhr. Nichts. Ich rufe noch mal beim Hausarzt an. „Wenn Sie heute keinen Rückruf erhalten, dann eben morgen.“

Freitag, 23. Oktober: Etwa 11 Uhr, der ersehnte Anruf – „Sie haben einen Termin, um 16.21 Uhr.“ Um 16 Uhr stehe ich vor dem Testzentrum in einer 50 Meter langen Schlange. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis ich am Eingang angekommen bin. Beim Blick zurück stelle ich fest, dass die Schlange inzwischen doppelt so lang geworden ist. Angespannte bis leicht aggressive Stimmung. Ich frage, wie ich an das Ergebnis des Tests komme – ohne Warn-App. Die Dame verspricht mir, dass ich angerufen würde. Notfalls müsste ich meinen Hausarzt fragen. Wann? „Sicher erst am Montag.“ Abstrich. Noch mal versuche ich kurz die Frage nach dem Ergebnis. „Dafür sind wir nicht zuständig, fragen Sie vorne bei der Erfassung!“ Aber da war ich ja schon, und nun stehen dort schon die nächsten Ungeduldigen. Ich verzichte.

Samstag, 24. Oktober: 11 Uhr. Anruf aus dem Testzentrum: „Sie haben heute Nachmittag einen Termin für einen Abstrich.“ Ich antworte verdutzt: „Ich war doch schon gestern da!“ Verblüfftes Schweigen. Dann: „Ich rufe Sie zurück.“ Eine Stunde banges Warten. Sind meine Unterlagen verschlampt worden, muss ich noch mal in die Schlange? Dann die Entwarnung: „Ihre Unterlagen sind da, sie waren nur noch nicht richtig erfasst.“ Ich frage nach dem Testergebnis. „Ist noch nicht da.“ – „Könnten Sie mich benachrichtigen, wenn es da ist?“ – „Ich mach mal eine Notiz.“

Montag, 26. Oktober: 10 Uhr. Erster Versuch im Testzentrum: Dauerbelegt. Okay, dann der Hausarzt. Ich komme tatsächlich durch – es ist noch kein Ergebnis da. „Würden Sie mich benachrichtigen, wenn es da ist, vielleicht per Telefon oder Mail?“ – „Dann müssten wir ja Hunderte Mails schicken, da müssen Sie schon selbst anrufen.“ – „Okay, ich ruf am Nachmittag wieder an.“ – „Heute kommt bestimmt kein Ergebnis mehr.“ Kurz nach Mittag halte ich’s einfach nicht mehr aus: Ich rufe noch mal im Testzentrum an, komme diesmal durch. Kurz klappert die Tastatur – dann: „Das Testergebnis ist negativ!“ Ich nehme meine Frau in die Arme. Aufatmen.

Corona, einige wichtige Lehren - die Sicht des Chefredakteurs

Am Mittwoch, 21. Oktober, wurde die Corona-Infektion der Kollegin bestätigt. Ich war der Meinung, dass ich nicht persönlich betroffen bin. Der Schock kam am Donnerstagmorgen: Die Corona-Warn-App verzeichnete vier Risikobegegnungen. Rot.

Ich hatte Glück und einen guten Hausarzt. Ich erhielt noch am Vormittag des 22. Oktober einen Termin bei ihm und ließ mich zweimal testen: mit einem Schnelltest, der Auskunft gibt, ob man zum Testzeitpunkt ansteckend ist; und einem PCR-Test, der klärt, ob man mit Corona infiziert ist.

Der Schnelltest gab nach wenigen Minuten die erste Entwarnung: negativ. Ich blieb zu Hause bis zum Ergebnis des PCR-Testes, das am Samstagnachmittag, 24. Oktober, per App kam. Auch das zum Glück negativ.

Meine Konsequenz aus dieser Erfahrung: Kontakte vermeiden und die Präsenz der Redaktion im Büro auf ein Minimum beschränken. Unser eigenes Verhalten entscheidet über den Fortgang der Pandemie – nichts anderes. Der Corona-Fall in unserer Redaktion zeigt drei Dinge klar:

  • Die Corona-Warn-App ist unbestechlich in Ihrer Risiko-Einschätzung.
  • Es gibt keinen Standard und keine klaren Antworten: Wie reagiert man nach einer Warnung in der App? Wann erhält man einen Test? Wann kommt man in Quarantäne?
  • Die Nachverfolgung dauert zu lange. Der letzte Kollege hat erst am 28. Oktober – zwölf Tage nach seiner Risikobegegnung am 16. – eine schriftliche Quarantäne-Anordnung erhalten. In der Zeit hätte er viele Menschen anstecken können.

Was geschieht, wenn eine Kollegin positiv getestet wird? Wir vom Zeitungsverlag haben das selber erfahren. Theoretisch hätten nun alle Kontaktpersonen ersten Grades bei uns im Haus schnell eine Quarantäne-Anordnung, einen Test und ein Ergebnis bekommen sollen. Theoretisch ... Ein Lehrstück zur Überlastung in der Coronakrise.

Corona, Alarm! Eine Kollegin infiziert sich

Am Samstag, 17. Oktober, bemerkt die Kollegin die ersten Symptome: Kopfschmerz, Halsweh – Corona? Sollte der

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