Rems-Murr-Kreis

Verstörende Irrfahrt: Hintergründe zum tödlichen Unfall in Althütte

Auto in Wald, Althütte, 21.06.2021.
Die Feuerwehr bei Bergungsarbeiten am Unfallort in Althütte. Links die Wiese, über die das Auto rollte, im Hintergrund das Wäldchen, wo die Irrfahrt schließlich endete. © Benjamin Beytekin

Ein Auto schießt mit Schwung aus der Garagen-Einfahrt, rauscht über die Straße vor dem Haus, fährt quer über eine Wiese, rumpelt in den Wald und stürzt einen Hang hinab – rätselhaft mutet der tödliche Unfall an, zu dem es am späten Montagnachmittag in Althütte kam. Aber die Erklärung dafür ist womöglich ziemlich simpel. Ein Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage der Polizei-Angaben.

„Am Montag, 21. Juni, gegen 17 Uhr“, so stand es in der ersten Polizeimeldung, „fuhr ein 71-jähriger Skoda-Fahrer mit hoher Geschwindigkeit von seiner Garageneinfahrt über die Straße In der Stöck“ – der Wagen sei danach „einige Hundert Meter über die Wiese“ gerollt, die sich auf der anderen Straßenseite leicht abschüssig und mit hohem Gras sommerlich üppig bewachsen ausbreitet. Schließlich sei das Auto im angrenzenden Wald etwa „fünf Meter nach unten“ gestürzt und „an einem Baum zum Liegen“ gekommen. „Der Fahrer verstarb kurz nach dem Unfall in seinem Pkw. Ob die Person durch den Unfall ums Leben kam oder ein medizinisches Problem zugrunde lag, muss noch ermittelt werden.“

Mittlerweile scheint die Lage klarer: Zwar könne die Polizei sich noch nicht „zu hundert Prozent“ festlegen, erklärt Pressesprecher Robert Kreidler auf Nachfrage, aber „wir gehen stark von einer medizinischen Ursache aus“, zum Beispiel einem Herzinfarkt oder irgendeiner anderen akuten Beeinträchtigung. Anders ist der Ablauf kaum deutbar.

Gas und Bremse verwechselt? Warum das unwahrscheinlich ist

Die alternative Erklärung, dass der Mann versehentlich das Gaspedal statt der Bremse gedrückt haben könnte, scheint angesichts des Unfallbildes unwahrscheinlich.

Zwar kommt derlei weit häufiger vor, als die meisten Leute sich vermutlich vorstellen – unser digitales Zeitungsarchiv spuckt für die Suchwortkombination „Gas und Bremse verwechselt“ mehr als 30 solcher Unfälle seit 2010 allein im Rems-Murr-Kreis aus. Und zwar kann solch ein Pedal-Irrtum drastische, bisweilen dramatische Folgen haben – im Mai 2020 zum Beispiel jagte im Landkreis Göppingen ein Autolenker, der eigentlich sanft einfahren und dann anhalten wollte, seinen Mercedes versehentlich schwungvoll durch die Rückwand der Garage, worauf der Wagen fast in den dahinter tiefer liegenden Garten stürzte.

Aber: Selbst wenn ein Mensch hinterm Steuer kurzzeitig aus Panik den Überblick verlieren und nur verzögert reagieren sollte – dass jemand einige Hundert Meter über die Wiese fährt, ohne die Bremse zu finden, damit ist nicht zu rechnen. Der Unfall von Althütte ähnelt eher einem Geschehen, das sich vor einigen Wochen in Ludwigsburg abgespielt hat.

Ein Motorradfahrer stand dort an der roten Ampel – als sie auf Grün sprang, fuhr die Maschine zunächst schlingernd an und beschleunigte dann plötzlich so irrwitzig, dass das Vorderrad abhob; das Gefährt schoss von der Straße und kollidierte mit einem geparkten Fahrrad, Pflanzkübeln, Sonnenschirmen, Stühlen und Tischen, bevor es zum Liegen kam. Der Fahrer war tot.

Zunächst kursierte danach das Gerücht, es habe sich um einen Raser oder Poser, einen Angeber also, gehandelt, der einen besonders spektakulären Blitzstart-Stunt habe hinlegen wollen. Dann offenbarte sich: Das Motorrad verselbstständigte sich wohl, weil der Fahrer das Bewusstsein verloren hatte.

Zeugenaussagen erhärten die These „medizinische Ursache“

Den Unfall in Althütte haben offenbar Anwohner oder andere Verkehrsteilnehmer mitangesehen; Polizeisprecher Kreidler erklärt: „Laut Zeugenaussagen“ sei das Auto am Montagabend auffällig schnell aus der Garageneinfahrt gekommen; normalerweise wäre mit einem vorsichtigen Heraustasten auf die Straße zu rechnen gewesen, da ja die Vorfahrt zu beachten ist. Diese Beobachtung erhärtet die Vermutung, dass es hier schon ab dem Moment, da das Auto sich abrupt in Bewegung setzte, nicht mehr um bewusstes, planvolles Handeln ging.

Ja, der Hergang mute zunächst ungewöhnlich an, fasst Polizeisprecher Kreidler zusammen – aber wenn ein Mensch aufgrund eines plötzlichen gesundheitlichen Notstandes die Situation „überhaupt nicht mehr kontrollieren kann“ und dabei der Fuß beispielsweise aufs Gaspedal gerät, sei solch ein Ablauf schlüssig erklärbar.

Für die Polizei ist der Fall damit im Grunde geklärt. Die Staatsanwaltschaft hat weder eine Obduktion angeordnet noch das Gutachten eines Verkehrssachverständigen in Auftrag gegeben.

Ein Auto schießt mit Schwung aus der Garagen-Einfahrt, rauscht über die Straße vor dem Haus, fährt quer über eine Wiese, rumpelt in den Wald und stürzt einen Hang hinab – rätselhaft mutet der tödliche Unfall an, zu dem es am späten Montagnachmittag in Althütte kam. Aber die Erklärung dafür ist womöglich ziemlich simpel. Ein Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage der Polizei-Angaben.

„Am Montag, 21. Juni, gegen 17 Uhr“, so stand es in der ersten Polizeimeldung, „fuhr ein 71-jähriger

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