Rems-Murr-Kreis

Viele Patienten in Rems-Murr-Kliniken nur mit, nicht wegen Omikron aufgenommen

Intensivstation RMK
Corona spielt auf der Intensivstation im Rems-Murr-Klinikum Winnenden derzeit keine Rolle mehr. © Benjamin Büttner

Das Ende der Pandemie wird herbeigesehnt und der Ruf nach Lockerungen immer lauter. Waren alle Warnungen vor der vierten Welle und der Omikron-Wand nur unbegründeter Alarmismus? Und: Wie viele Patienten kommen derzeit eigentlich wegen einer Covid-Erkrankung ins Krankenhaus und wie viele sind „unechte Corona-Patienten“?

Einen Katalog mit ähnlich gelagerten Fragen, insgesamt 25, hat der Verfassungsgerichtshof (VfGH) in Österreich an das dortige Gesundheitsministerium gestellt und indirekt die statistischen Erhebungsmethoden infrage gestellt, auf Basis derer die Regierung ihre Corona-Maßnahmen begründet. Antwort-Frist: 18. Februar. Wie die Zeitung Der Standard berichtet, möchte ein VfGH-Richter von der österreichischen Regierung insbesondere wissen, wie gerechtfertigt all die individuellen Freiheitseinschränkungen sind/waren, die etwa Lockdown und 2G-Regel umfass(t)en. „Das Interesse gilt dabei vor allem der Belastung des Gesundheitssystems, an die die Maßnahmen gekoppelt waren“, so Der Standard.

In Deutschland, Baden-Württemberg und im Rems-Murr-Kreis könnten ähnliche Fragen aufploppen. Und auch bei uns hätten die Gesundheitsministerien aufgrund nicht belastbarer Datenlagen womöglich Probleme, genaue Antworten zu geben. So unterscheidet das Robert-Koch-Institut (RKI) zum Beispiel bei der Berechnung der Hospitalisierungsrate nicht, „ob jemand wegen Corona eingeliefert oder nach der Aufnahme positiv getestet wurde, aber aus anderen Gründen in die Klinik kam“, ließ sich das ZDF bereits Mitte Januar bestätigen. Das sei im Einzelfall schwierig. Wie so vieles andere bei der Corona-Datenerfassung, heißt es.

Wer kommt in Schorndorf und Winnenden tatsächlich wegen Covid ins Krankenhaus?

Die Rems-Murr-Kliniken (RMK) könnten genauere Statistiken liefern. „Das wird natürlich in der Krankenakte jeweils vermerkt, ob jemand wegen Covid kommt oder mit einem Knochenbruch und erst bei Einlieferung positiv getestet wird“, sagt RMK-Pressesprecher Christoph Schmale. Die Zahlen schwanken. Ende Januar ergab sich folgendes Lagebild in den RMK:

  • In Winnenden waren am Montag, 31. Januar, von 18 stationären Corona-Patienten zehn wegen Covid in Behandlung (acht mit Lungen-Pneumonie, zwei symptomatisch ohne Pneumonie); sieben Patienten waren wegen eines anderen Problems in die Kliniken gekommen, ohne Covid-Symptome, wurden bei ihrer Einweisung aber positiv getestet; ein Patient war wegen einer Knochenfraktur und Covid-Symptomen in Behandlung.
  • In Schorndorf waren am Montag, 31. Januar, von neun Covid-Patienten zwei wegen einer symptomatischen Covid-Erkrankung in stationärer Behandlung, ein weiterer, der von der Intensiv- auf Normalstation zurückverlegt worden war, aber auch sechs asymptomatische Patienten mit anderer Hauptdiagnose.

Am Montag, 7. Februar, waren . . .

  • . . . in Winnenden 23 „Covid-Patienten“ in stationärer Behandlung, davon neun wegen Covid-Symptomen und 14 mit anderer Hauptdiagnose, aber mit durch Test identifizierter, aber weitgehend asymptomatischer Corona-Infektion;
  • . . . in Schorndorf 13 „Covid-Patienten“ in stationärer Behandlung, davon neun wegen Covid-Symptomen und sieben in chirurgischer/unfallchirugischer Behandlung und „nur“ positiv getestet.

„Es stimmt, unsere Intensivstationen sind im Moment nicht sonderlich stark wegen Covid-Patienten belastet“, sagt Christoph Schmale. Von den 37 „Covid-Patienten“ am Montag, 7. Februar, mussten die RMK „nur“ einen auf der Intensivstation versorgen und keiner muss derzeit beatmet werden. Zum Vergleich: Als Folge der dritten Corona-Welle (Delta) hatten die RMK am 20. April 2021 insgesamt 60 „Covid-Patienten“, davon 26 auf ITS, 23 am Beatmungsgerät.

Auch milde Verläufe sorgen für hohen Krankenstand und Arbeitsaufwand

Es stimme wohl, sagt Schmale, Omikron führe zu viel mehr asymptomatischen, milde verlaufenden Infektionen, sonst schlügen bei seit Wochen nie dagewesenen hohen Inzidenzen nicht so verhältnismäßig wenige Covid-Patienten auf den Intensivstationen auf. Natürlich spielt die Impfquote von bereits 87 Prozent bei den Ü-60-Jährigen in Baden-Württemberg eine Rolle.

Dass im Spätjahr 2021 vor einer Überbelastung der Krankenhäuser wegen Omikron gewarnt wurde, die jedoch nicht so eingetreten sei, wollte Schmale nicht übertriebenen Alarmismus nennen. Die momentan geringe Belastung der ITS mit Covid-Patienten komme den RMK sehr recht. Die hohen Omikron-Inzidenzen (am 7. Februar im Rems-Murr-Kreis 1414, in Baden-Württemberg angeblich insgesamt 1515) machten ja nicht vor dem Klinikpersonal halt. „Wir haben gerade einen 15-prozentigen Krankenstand.“ Zudem sei auch bei asymptomatischen, nicht wegen Covid eingelieferten Patienten der Behandlungsaufwand wegen der Isolier-Erfordernisse sehr hoch. „Und die Arbeitsbelastung der Notaufnahme ist wegen der vielen Testungen beachtlich.“

Auch Arbeitgeber anderer Wirtschaftsbranchen warnen vor zu schnellen Lockerungen, da die Zahl von Mitarbeitern im Krankenstand und in häuslicher Isolation wegen Omikron gerade sehr hoch sei.

Ungenaue Datenlage auch, was die Inzidenzen angeht?

„Im Rems-Murr-Kreis ist das Gesundheitsamt weiterhin stark belastet, aber noch nicht überlastet“, sagt Kreis-Pressesprecherin Martina Keck. „Das heißt: Unsere Inzidenz ist auf aktuellem Stand. Zudem versuchen wir, unsere Abläufe immer weiter zu optimieren. So können wir inzwischen Schnelltestergebnisse automatisch von unserem Cosan-System in die Melde-Software Demis einfließen lassen. Diese sind zwar (noch) nicht Teil der Inzidenz, müssen aber gemeldet werden.“

Doch in Stuttgart und anderen größeren Städten kommen die Gesundheitsämter mit dem Melden nicht mehr hinterher und haben das offen kommuniziert. Die Inzidenzen stimmen dort wohl längst nicht mehr, und so auch die landesweite Inzidenz nicht.

Am Montag, 7. Februar, waren laut Divi-Intensivregister 274 Covid-Intesivpatienten, davon 132 am Beatmungsgerät, in den Krankenhäusern des Landes in stationärer Behandlung. Wie viele zusätzliche asymptomatische Klinik-Patienten („unechte Covid-Patienten“) sind es? Das kann derzeit niemand trennscharf beantworten.

Ein genaues statistisches Lagebild für ganz Baden-Württemberg würde die Landesregierung in die Lage versetzen, Forderungen nach Lockerungen argumentativ zu begegnen. Im Moment, bei der ungenauen Datenlage, steht die gesamte Landes-Coronaverordnung jedoch auf immer wackligeren Füßen.

Das Ende der Pandemie wird herbeigesehnt und der Ruf nach Lockerungen immer lauter. Waren alle Warnungen vor der vierten Welle und der Omikron-Wand nur unbegründeter Alarmismus? Und: Wie viele Patienten kommen derzeit eigentlich wegen einer Covid-Erkrankung ins Krankenhaus und wie viele sind „unechte Corona-Patienten“?

Einen Katalog mit ähnlich gelagerten Fragen, insgesamt 25, hat der Verfassungsgerichtshof (VfGH) in Österreich an das dortige Gesundheitsministerium gestellt und

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