Rems-Murr-Kreis

Viereinhalb Jahre Haft für Fellbacher Messerstecher - Anklage forderte viel mehr

Landgericht
Blick ins Landgericht Stuttgart. © ALEXANDRA PALMIZI

Das Stuttgarter Landgericht hat den 29-jährigen Fellbacher, der seinen Mitbewohner mit lebensgefährlichen Messerstichen verletzt hat (wir berichteten), zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Schuldspruch erging nur wegen gefährlicher Körperverletzung und nicht wegen versuchten Totschlags, da die Schwurgerichtskammer einen Rücktritt vom Tötungsvorsatz sah.

So extrem unterschiedliche Bewertungen gibt es selten

Die Plädoyers gingen sehr weit auseinander: Während Staatsanwältin Collmer vom versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung ausging und sechs Jahre und zehn Monate Haft forderte, wollte Verteidiger Thomas Raich eine bewährungsfähige Strafe.

„Er hätte tot sein können“, erinnerte die Staatsanwältin daran, wie sich der schwerst verletzte 28-jährige Mitbewohner – vom Täter seinem Schicksal überlassen – gerade noch auf den Gehweg vor dem Haus schleppen konnte, wo ihm Passanten halfen.

Sein Mandant sei zwar gegangen, habe aber seinen Chef angerufen und gesagt, in der Wohnung liege einer, von dem er nicht wisse, ob er noch lebt, meinte Verteidiger Raich. Damit habe der 29-Jährige die Verantwortung für seine Tat übernommen.

Das Gericht ging bei der Urteilsfindung zugunsten des Täters davon aus, dass dieser vom Tötungsvorsatz zurückgetreten ist.

"Heut' Nacht wirst du sterben"

Im Streit um eine Provision für die Vermittlung des Zimmers in der Fellbacher Männerwohngemeinschaft, so Richter Joachim Holzhausen, sei es am Abend des 11. Dezember 2021 zunächst zu einer „heftigen körperlichen Auseinandersetzung“ gekommen, die Spuren stumpfer Gewalt in den Gesichtern beider Männer hinterlassen habe. Mit dem Weggang des 28-jährigen Opfers hätte die Sache beendet sein können, wenn der Verurteilte nicht in die Küche gegangen wäre und ein Messer mit 18 Zentimeter langer Klinge geholt hätte.

Der erste Stich, so Richter Holzhausen, kam von hinten in den Kopf. Der 28-Jährige blutete sofort und drehte sich um. Von vorne stach ihm der Täter in Oberarm, Bauch und Flanke. Dann rief der 29-jährige Iraner seinen Chef an, erzählte, was passiert sei, und bat ihn, die Polizei zu verständigen. „Du wirst verrecken, heut’ Nacht wirst du sterben“, gab er seinem Landsmann noch mit, bevor er sich zur Bushaltestelle des F3-Freizeitbades verabschiedete, wo er sich widerstandslos festnehmen ließ.

Der Täter war bis dahin nicht wegen Gewalt aufgefallen

Am Ende der Beweisaufnahme befand die Kammer das Opfer „wesentlich authentischer und glaubhafter“ als den Täter. Eine Notwehrlage, in welcher sich der Täter befunden haben wollte, schloss sie aus. Dessen Einlassung, das Opfer habe zuerst mit einem Multifunktionsmesser angegriffen, sei eine Schutzbehauptung, denn es wurde in der ganzen Fellbacher Wohnung kein solches Messer gefunden. Ein Cuttermesser, das der Notarzt in der Hosentasche des Verletzten fand, wies keinerlei Spuren auf.

„Sie wussten, wie schwer Sie ihn verletzt haben“, wandte sich Richter Holzhausen an den Verurteilten, der bis zum Prozess keine Gewaltbiografie aufwies.

1,4 Promille Alkohol im Blut gaben dem Gerichtspsychiater Dr. Wolfgang Wagner keinen Anlass, an der Schuldfähigkeit des Fellbachers zu zweifeln. Seinem Gutachten zufolge lag bei dem 29-Jährigen zur Tatzeit weder eine Suchterkrankung noch eine psychische Erkrankung vor.

Das Stuttgarter Landgericht hat den 29-jährigen Fellbacher, der seinen Mitbewohner mit lebensgefährlichen Messerstichen verletzt hat (wir berichteten), zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Schuldspruch erging nur wegen gefährlicher Körperverletzung und nicht wegen versuchten Totschlags, da die Schwurgerichtskammer einen Rücktritt vom Tötungsvorsatz sah.

So extrem unterschiedliche Bewertungen gibt es selten

Die Plädoyers gingen sehr weit auseinander:

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