Rems-Murr-Kreis

Volle Arztpraxen, hoher Krankenstand: Viele Infekte im Sommer 2022

Anette Traub
Sommerzeit war in diesem Jahr auch Erkältungszeit – bei Kindern und Erwachsenen. © Pixaby

Es schnieft und hustet allenthalben. Die Kinder können nicht in die Kita, weil sie krank sind, oder müssen früher abgeholt werden, weil sie zwar gesund sind, aber zu viele Erzieher fehlen. Was sonst vor allem im Herbst und Winter der Fall ist, war in diesem Jahr auch in den Sommermonaten allgegenwärtig. Die einen hat die lästige Erkältung im Urlaub erwischt, die anderen schon zuvor. In einigen Familien blieb es nicht bei Husten und Schnupfen, es kamen noch eitrige Ohrenentzündungen oder Bronchitis dazu. Und das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck.

Im ersten Halbjahr 2022 haben sich Beschäftigte in Baden-Württemberg deutlich häufiger krankgemeldet als im Vorjahr: Der Krankenstand lag für Januar bis Juni bei 3,9 Prozent und damit 0,9 Prozentpunkte höher als im ersten Halbjahr 2021. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hatten wieder so viele Fehlzeiten wie zuletzt vor der Pandemie. Fast jeder fünfte Fehltag im Job (19,1 Prozent) ging auf eine Atemwegserkrankung zurück. Corona verursachte 68 Fehltage je 100 Versicherte, das sind mehr als achtmal so viele wie im Vorjahr. Das zeigt eine Analyse der DAK-Gesundheit. Die Krankenkasse hat alle Krankschreibungen des ersten Halbjahrs 2022 von rund 280.000 DAK-versicherten Beschäftigten in Baden-Württemberg ausgewertet.

Im Rems-Murr-Kreis lag der Krankenstand unter den AOK-Mitgliedern im ersten Halbjahr 2022 bei 6,3 Prozent und damit deutlich höher als im ersten Halbjahr 2021 (4,6 Prozent). Zum Vergleich: Im Vor-Pandemiejahr 2019 lag der Krankenstand über das gesamte Jahr gesehen bei 5,2 Prozent. „Im Rems-Murr-Kreis meldeten sich im ersten Halbjahr 2022 54,6 Prozent der AOK-Mitglieder mindestens einmal krank. Im Vergleichszeitraum 2021 lag dieser Wert bei 38,1 Prozent“, sagt eine Sprecherin. Allerdings waren die Menschen statistisch 2022 kürzer krank: Die durchschnittliche Krankheitsdauer lag bei 10,3 Kalendertagen. Dies entspricht einem Minus von 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Hohe Dunkelziffer bei Corona-Infektionen

Die meisten AOK-Versicherten meldeten sich im ersten Halbjahr 2022 auch im Rems-Murr-Kreis wegen Erkrankungen der Atemwege krank, diese Infekte waren für 26 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle verantwortlich. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2021 lag ihr Anteil bei 18 Prozent, 2019 waren es 25,9 Prozent und 2020 23,5 Prozent. Dahinter folgten im ersten Halbjahr 2022 Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems mit einem Anteil von 11,6 Prozent und Verletzungen mit 4,9 Prozent. „Auch bezogen auf die Dauer der Arbeitsunfähigkeitstage führten die Erkrankungen der Atemwege im ersten Halbjahr 2022 die Statistik an. In den letzten Jahren war dies bei den Muskel-Skelett-Erkrankungen der Fall, von denen die meisten Rückenleiden betreffen“, so die Sprecherin.

Auch Jens Steinat, Pandemiebeauftragter und niedergelassener Hausarzt in Oppenweiler, beobachtet in diesem Jahr im Vergleich zu den zwei Vorjahren mehr Infektionserkrankungen, dies seien aber statistisch nicht mehr als vor der Pandemie. „Der aktuelle Anstieg ist dem Wegfall der Schutzmaßnahmen zuzuschreiben“, sagt Steinat. Er geht davon aus, dass im Moment sicher eine Vielzahl der oberen Atemwegsinfekte eine Coronainfektion sind. „Da eine Krankmeldung per Telefon ohne körperliche Untersuchung und Testung ausgestellt werden kann, ist von einer hohen Dunkelziffer von Covid-19-Erkrankungen auszugehen.“

Könnte dieser Anstieg auch damit zusammenhängen, dass das Immunsystem durch die Schutzmaßnahmen lange Zeit nicht so gefordert war? Nein, sagt Steinat, „Wir haben tagtäglich Kontakt zu Milliarden von Erregern. Um unser Immunsystem zu trainieren, benötigen wir nicht die Infektion mit potenziell lebensgefährlichen Viren oder Bakterien, insbesondere, wenn diese Infektion nicht zu einer ausreichenden Immunität führt“, so der Mediziner. Wenn möglich, sei das Erlangen einer Immunität durch eine Impfung in jedem Fall dem Durchlaufen einer möglicherweise tödlichen Erkrankung vorzuziehen. Denn man müsse immer im Hinterkopf haben: „Selbstverständlich lassen sich nicht alle Infektionen in einem normalen zwischenmenschlichen Alltag vermeiden, trotzdem kann jeder Infekt, auch wenn er in Folge eine (Teil-) Immunität hinterlässt, unserem Körper Schaden, vor allem auch langfristig, zufügen.“

Kinder müssen sich nicht arbeitsunfähig melden, so dass es für sie keine Zahlen der Krankenkassen gibt. Doch auch unter den Jüngsten grassierten viele Infekte, beobachtet Kinderarzt Ralf Brügel: „Wir hatten den kompletten Sommer über Betrieb wie sonst im Winter. Eine wirklich beeindruckende Häufung von Infekten bei Kindern. Überwiegend handelte es sich um Atemwegserkrankungen, aber es gab auch eine riesige Welle mit der sogenannte Hand-Fuß-Mundkrankheit.“

Grundsätzlich braucht das Immunsystem kein „Training“

Doch woher kommt diese Häufung? Könnten die zahlreichen wegen der Corona-Pandemie eingeführten Hygienemaßnahmen eine Rolle spielen, die im Frühjahr größtenteils aufgehoben wurden? Die Debatte darüber ist kontrovers, sagt Brügel. Grundsätzlich sei es so, dass das Immunsystem bei gesunden Menschen funktioniert, und zwar im Prinzip mit oder ohne „Training“. „Allerdings ist es insbesondere bei Kleinkindern so, dass es einfach völlig normal ist, dass Kinder gewisse ,banale‘ Infektionen durchmachen und durch die Pandemiemaßnahmen wurde ein Jahrgang mit Infektionen ,ausgelassen‘ und hat diese dann eben nachgeholt.“ Das ist für Brügel die plausibelste Erklärung für die große Zahl an Infekten diesen Sommer.

Grundsätzlich sei das aber kein Grund zur Sorge. „Ich persönlich rate Eltern, mit Atemwegserkrankungen und banalen viralen Infekten möglichst entspannt zu sein und keine übermäßige Vorsicht an den Tag zu legen. Kinder stecken sich bei Kindern an. Das war schon immer so und braucht, solange es beim Erregerspektrum nichts dramatisch Neues gibt, auch keine neuen Maßnahmen oder Regelungen.“

Es schnieft und hustet allenthalben. Die Kinder können nicht in die Kita, weil sie krank sind, oder müssen früher abgeholt werden, weil sie zwar gesund sind, aber zu viele Erzieher fehlen. Was sonst vor allem im Herbst und Winter der Fall ist, war in diesem Jahr auch in den Sommermonaten allgegenwärtig. Die einen hat die lästige Erkältung im Urlaub erwischt, die anderen schon zuvor. In einigen Familien blieb es nicht bei Husten und Schnupfen, es kamen noch eitrige Ohrenentzündungen oder

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper