Rems-Murr-Kreis

Von wegen Krise: Warum Stihl gerade jetzt so floriert - und warum nach der Corona-Prämie die Beschäftigten mit weiteren Boni rechnen dürfen

StihlTitel
Stihl steht derzeit glänzend da, am Erfolg werden die Beschäftigten beteiligt. © Benjamin Büttner

Wer dieser Tage neidvoll die Stihl-Beschäftigten beäugt, weil sie 350 Euro Coronaprämie pro Nase bekommen, dürfte vollends – Achtung, Wortspiel – Stihl-Augen machen beim Lesen des Folgenden: Dem Unternehmen geht es derzeit verblüffend gut, und davon wird die Belegschaft in den nächsten Monaten gleich mehrfach finanziell profitieren ...

"Davon träumen wir nur": Was andere zur Corona-Prämie bei Stihl sagen

Einen Kommentarsturm auf der Facebookseite des Zeitungsverlages hat diese Woche die Pressemitteilung ausgelöst, in der Stihl die 350-Euro-Botschaft verkündete. Da Teilzeitangestellte, Auszubildende und dual Studierende weniger bekommen, dürfte es bei rund 5000 Leuten im deutschen Stammhaus grob über den Daumen gepeilt um eine bis anderthalb Millionen Euro gehen. „Respekt und super Sache, davon träumen wir nur“, kommentiert auf der ZVW-Facebookseite einer, der offensichtlich woanders arbeitet – und ein zweiter träumt gar vom Jobwechsel: „Abfindung nehmen und dann zu Stihl.“

Aber – und das ist wohl der Fluch des guten Rufs – in den Lob-Chor mischen sich auch kritische Stimmen: „Also, das ist beiUnternehmen nicht gerade viel! Sorry.“ Interessanter Einwand. Der Fall verdient nähere Beleuchtung.

Die Corona-Prämie: Der größere Horizont

Nicht nur bei Stihl fließen derzeit Corona-Prämien. Grund: Noch bis zum Jahresende ist ein solcher Bonus bis zur Höhe von 1500 Euro steuer- und sozialversicherungsfrei. Bund und Länder hatten sich im März auf diese Regel geeinigt. Und so erhält nun zum Beispiel bei Microsoft jeder der fast 3000 Beschäftigten 500 Euro Zuschlag, Siemens legt gar 1000 drauf. Obendrein haben IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall für die Zeit der Krise einen Solidartarifvertrag geschlossen und eine, wenn auch vage, Formulierung ins Verhandlungsergebnis geschrieben: In Betrieben, die keine Kurzarbeit beantragen mussten, kann der Betriebsrat 350 Euro Corona-Prämie fordern; die Geschäftsführung muss aber nicht zustimmen.

Hat Stihl, so gesehen, nur umgesetzt, was Bund, Länder und Verhandlungsführer sowieso nahegelegt haben? So einfach ist es auch wieder nicht. Sicher gebe es die 350-Euro-Anregung aus der Tarifdebatte, sagt Matthias Fuchs, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Waiblingen – aber der Passus sei „weitestgehend irrelevant“, weil im Gegensatz zu Stihl „fast alle Betriebe Kurzarbeit hatten“. Insofern sei Prämienzahler Stihl eher die Ausnahme als die Regel.

Bei der IHK-Hotline gibt es keine Fragen nach der Corona-Prämie

Das bestätigt Oliver Kettner von der IHK. Er sitzt öfter an der Corona-Hotline, und dort kommen derzeit zwar „am Tag zwischen 80 und 100 Anrufen rein“ mit den „tollsten Fragen“ – darf man am Neckar noch einen Bootsführerschein machen? Sind Bastelkurse erlaubt? Welche Förder- und Zuschussprogramme gibt es? Aber Auskunftswünsche zur Prämienzahlung sind Kettner noch nicht untergekommen.

Kurz darauf schiebt Kettner per Mail nach: Er habe jetzt auch noch Geschäftsführer Beier und IHK-Bezirkskammerpräsident Paal gefragt – „beide haben ebenfalls keine Kenntnis über weitere Firmen im Rems-Murr-Kreis, die eine Corona-Prämie zahlen.“

IG-Metall-Mann Fuchs fasst zusammen: Auch wenn die 350 Stihl-Euro „keine Super-Sensation“ seien – „find ich gut, ja!“ Ein Lob vom Gewerkschafter. Sapperlot.

Bleibt die unbescheidene Frage, ob es nicht ein bisschen mehr hätte sein dürfen.

Moment, kontert Stihl-Pressesprecher Stefan Caspari: Die Coronaprämie sei ja noch nicht alles ...

Warum die Geschäfte bei Stihl trotz Corona so gut laufen

Im März und April sei die Ertragslage bei Stihl zwar „schwierig“ gewesen, im Mai aber zogen die Geschäfte schon wieder an. „Wir liegen im Moment im zweistelligen Prozentbereich über dem Vorjahr“, was den Umsatz betrifft. Zur Erinnerung: 2019 war für Stihl jetzt auch nicht direkt ein Hungerleiderjahr: mit 3,93 Milliarden Umsatz.

Sicher, Umsatz ist nicht Gewinn, vieles sei in der Krise teurer geworden, sagt Caspari, vor allem die Transportkosten sind „immens gestiegen“. Dennoch: Selbst die notorischen Tiefstapler aus der Stihl-Chefetage dürften wohl einräumen, dass die Lage, hüstel, zufriedenstellend ist.

Denn was andere quält, hat Stihl geholfen: Ausgangsbeschränkungen, Distanzgebote. Wenn Leute wegen Kurzarbeit oder Coronaregeln viel zu Hause sind, haben sie Zeit, „sich um Haus und Garten zu kümmern“. Und was brauchen sie dafür? Heckenschere. Freischneider. Rasenmäher. Motorsäge. Saughäcksler. Diese Nachfrage konnte Stihl jederzeit bedienen: „Die Lieferketten sind nicht gerissen. Wir haben einen guten Fachhandel.“ Und „wir haben es geschafft, die Produktion aufrechtzuerhalten“, dank strengen Hygienekonzepts.

Wie Mitarbeiter bei Stihl sonst noch profitieren

Natürlich sei die Coronakrise für die Beschäftigten „nicht einfach“. Aber für lau mussten sie es auch wieder nicht machen.

Erstens: Stihl hat phasenweise Sonntagsarbeit eingeführt und dafür „beträchtliche“ Zuschläge gezahlt.

Zweitens: Zu den 350 Euro Corona-Prämie „oben drauf“ komme wie „jedes Jahr“ im Mai 2021 die „Erfolgsprämie“ fürs Vorjahr. Sie richtet sich nach der Ertragslage und falle in der Regel „vierstellig“ aus.

Drittens „kommt noch die Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung – die Ausschüttung der Dividende richtet sich nach dem Gewinn“; der wie gesagt nicht schlecht sein wird.

Viertens: Stihl bietet als „freiwillige Sozialleistung“ noch eine Altersversorgung an – „eine Komponente davon richtet sich nach dem Ergebnis des Unternehmens“; das, wie gesagt ... aber das hatten wir schon.

Angesichts „der wirtschaftlichen Lage von Stihl“ seien 350 Euro Prämie „eher die untere Kante von dem, was ich erwartet hätte“, bilanziert Gewerkschafter Fuchs; aber das könne sich bei der „Erfolgsprämie 2020“ ja ändern.

Wer dieser Tage neidvoll die Stihl-Beschäftigten beäugt, weil sie 350 Euro Coronaprämie pro Nase bekommen, dürfte vollends – Achtung, Wortspiel – Stihl-Augen machen beim Lesen des Folgenden: Dem Unternehmen geht es derzeit verblüffend gut, und davon wird die Belegschaft in den nächsten Monaten gleich mehrfach finanziell profitieren ...

"Davon träumen wir nur": Was andere zur Corona-Prämie bei Stihl sagen

Einen Kommentarsturm auf der Facebookseite des Zeitungsverlages hat

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