Rems-Murr-Kreis

VVS erhöht Preise trotz unzumutbarer Zustände auf der Schiene: Empörung im Kreistag

S-Bahn Symbol Symbolbild Zugverkehr Zug
Symbolbild © ZVW/Gaby Schneider

2,90 statt 2,80 Euro für das Einzelticket; 13,60 statt 13 Euro für ein Tagesticket im ganzen Netz. Der Verkehrsverbund Stuttgart erhöht zum neuen Jahr die Preise. Im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages führte das zu einer Art Miniatur-Meuterei.

Für Pendler mit Monats- und Jahrestickets werden Busse und Bahnen ab 1. Januar 2023 ebenfalls teurer, wenn auch mit 4,81 Prozent durchschnittlich etwas weniger stark als im Gelegenheitsverkehr (plus 5,11 Prozent). Die Kreisrätinnen und Kreisräte im Umwelt- und Verkehrsausschuss trieb die „VVS-Tarifanpassung“ dennoch auf die Palme. Nachdem sie sich über die unzumutbaren Zustände auf der Schiene Luft gemacht hatten, wäre die Zustimmung beinahe gescheitert.

Die fatalen Folgen für die Finanzen des Rems-Murr-Kreises durchaus vor Augen, probten acht Kreisräte den Aufstand und stimmten dagegen. Mit zehn Ja-Stimmen und bei zwei Enthaltungen ging die Preiserhöhung denkbar knapp durch.

24 Millionen Euro im Jahr 2023 und in jedem weiteren Jahr hätte ein Nein gekostet. 24 Millionen Euro Mehreinnahmen bringt die Preiserhöhung den Verkehrsunternehmen im VVS ein. Diese Millionen müsste die öffentliche Hand aufbringen, sollte sie ihre Zustimmung zur Tarifanpassung verweigern, warnte Landrat Richard Sigel vor den Folgen.

Erstens, zweitens, drittens: Was den Kreisräten alles stinkt

Dass es acht Kreisrätinnen und Kreisräte darauf ankommen lassen wollten, hatte mehrere Gründe: Erstens passen höhere Preise für Busse und Bahnen aus ihrer Sicht nicht zur aktuellen Diskussion über den Klimaschutz und eine Verkehrswende. Zweitens sind die Zustände auf der Schiene für Pendler aufgrund der unzähligen Verspätungen und Zugausfälle längst unerträglich. Und drittens wird bundesweit über ein Nachfolgemodell fürs 9-Euro-Ticket diskutiert, aber vor Ort, im Verkehrsverbund Stuttgart, werden zum 1. Januar erst einmal die Preise erhöht.

Als Gründe für die Preiserhöhung führt der VVS an, dass den Verkehrsunternehmen die Kosten davonlaufen. Seit der Corona-Pandemie fehlen dem Verbund Fahrgäste und damit Einnahmen, zudem haben sich die Preise für Energie und vor allem den Diesel seit 2020 drastisch erhöht. „Maßvoll“ falle die Erhöhung um 4,9 Prozent sogar aus, weil eigentlich fast sechs Prozent notwendig seien, erläuterte Abteilungsleiter Tarif Dirk Dietz.

Doch es gibt nicht nur schlechte Nachrichten, was die neuen Ticketpreise anbelangt. Für 40 Prozent der VVS-Kunden, nämlich für junge Leute, wird Bus- und Bahnfahren ab 1. März 2023 deutlich billiger. Mit dem landesweiten 365-Euro-Ticket fahren Jugendliche bis 21 Jahren sowie Schüler, Studierende, Azubis und Freiwilligendienstleistende bis 27 rund ein Drittel günstiger als mit ihren bisherigen Scool-, Studi- oder Ausbildungstickets. Und das nicht nur in der Region Stuttgart, sondern in ganz Baden-Württemberg im Nahverkehr.

Im Gespräch ist auch, dass das Zehner-Tages-Ticket nicht nur einen Monat lang gültig ist. Mit ihm spart man mehr als 20 Prozent gegenüber einem Einzel- oder Tagesticket. Das ist für Pendlerinnen und Pendler in Teilzeit oder im Home-Office interessant, die zwar regelmäßig, aber nicht jeden Tag zur Arbeit fahren und für die sich ein Monats- oder Jahresticket nicht lohnt.

Das 9-Euro-Ticket im Sommer hat ein Fass geöffnet. Drei Monate fast kostenlos mit Bussen und Bahnen unterwegs sein zu können, weckte hohe Erwartungen und hat gleichzeitig die Probleme des öffentlichen Personennahverkehrs schonungslos offengelegt. Die Züge waren dem Ansturm nicht gewachsen. Am Montag haben die Verkehrsminister der Länder sich zwar auf einen Nachfolger fürs 9-Euro-Ticket verständigt. Die Frage ist bloß: Wer bezahlt? Selbst wenn Bund und Länder ihren Streit um die Finanzierung noch bis Jahresende ausräumen könnten und selbst wenn sie sich auf ein wie auch immer geartetes 49- oder 69-Euro-Ticket einigen – dem VVS läuft die Zeit davon, betonte Dirk Dietz. Der Verkehrsverbund müsste nämlich auch sein übriges Tarifsortiment dem 9-Euro-Nachfolger anpassen.

Das 9-Euro-Ticket war durchaus ein Erfolg, meinte Dietz. Rund eine Million Menschen in der Region haben es genutzt, nannte er Zahlen für den VVS. Vor allem in den Regionalzügen war das Billigticket ein Renner – und sorgte für überfüllte Züge auf dem Weg in beliebte Tourismusregionen wie den Bodensee. In Stuttgart kam es hingegen auf den Straßen zu weniger Staus, so dass Dietz annimmt, dass Autofahrende auf Busse und Bahnen umgestiegen sein müssen.

An der Attraktivität der S-Bahn und der Regionalzüge kann dies nicht gelegen haben. Denn auf der Schiene herrschte im Sommer das reine Chaos. Wie auf Kommando leerten viele Kreisräte im Ausschuss ihren Kropf und machten ihrem Ärger Luft.

„Unzumutbar“, „Lotteriespiel“, „frustrierend“: Bahnschelte

Ulrich Scheurer (CDU) attestierte der Deutschen Bahn und Go-Ahead „ein massives Qualitätsproblem“. Die Zustände bei S-Bahnen und Regionalzügen nannte der Stuttgart-Pendler aus Plüderhausen „unterirdisch“ und „unzumutbar“. Ob Züge „kommen oder nicht, ist ein Lotteriespiel“.

Klaus Riedel (SPD): „Es funktioniert nichts. Punkt. Aus.“ Der Grund für die Pannen sei, dass die Deutsche Bahn seit Jahrzehnten ihre Infrastruktur vernachlässigt habe – und insbesondere das „umweltschädlichste Projekt“ Stuttgart 21, für das zehn Milliarden Euro verbrannt würden.

Marie-Luise Schmidt (Grüne): „Es ist frustrierend, mit dem ÖPNV zu fahren.“ Ihr Parteifreund Willy Härtner über seine Erfahrungen mit ausgefallenen Zügen in Backnang und fehlenden Informationen: „Ich könnte schreiend über den Bahnhof rennen!“

VVS-Tarifexperte Dirk Dietz hob resignierend die Hände. „Ich kann nicht widersprechen.“ Schuld trage aber nicht der VVS, sondern im Wesentlichen die Deutsche Bahn mit ihren verlotterten Schienen. „Momentan ist der Wurm drin.“

2,90 statt 2,80 Euro für das Einzelticket; 13,60 statt 13 Euro für ein Tagesticket im ganzen Netz. Der Verkehrsverbund Stuttgart erhöht zum neuen Jahr die Preise. Im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages führte das zu einer Art Miniatur-Meuterei.

Für Pendler mit Monats- und Jahrestickets werden Busse und Bahnen ab 1. Januar 2023 ebenfalls teurer, wenn auch mit 4,81 Prozent durchschnittlich etwas weniger stark als im Gelegenheitsverkehr (plus 5,11 Prozent). Die Kreisrätinnen und

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