Rems-Murr-Kreis

Waiblinger Dekan Timmo Hertneck rechnet mit „Corona-Symbolpolitik“ ab und fordert, auf Oster-Präsenzgottesdienste nicht zu verzichten

Hertneck
„Ein Volk kann einer Politik auch verloren gehen, wenn die Religionsfreiheit zu sehr eingeschränkt wird und, ja, auch die Meinungsfreiheit“, sagt Dekan Timmo Hertneck. © Gabriel Habermann

Timmo Hertneck ist ein Mann des gewählten Wortes und alles andere als ein Heißsporn. Doch während dieses Telefonats am Dienstag bricht es mit dem Furor einer sich fortgesetzt gegängelt fühlenden Bevölkerung und ein wenig heiligem Zorn aus ihm heraus: „Ich bin maßlos enttäuscht von der Politik, dass sie diese Bitte an die Kirchen heranträgt, auf die so wichtigen Oster-Präsenzgottesdienste zu verzichten. Bei dieser Inzidenzrate und all den funktionierenden Hygienekonzepten wäre das doch gar nicht angemessen. Bei uns im Kirchenbezirk hat sich noch keiner während eines Gottesdienstes angesteckt. Das wäre doch absurd und infektionstechnisch völlig wirkungslos: Palmsonntag sollen wir Gottesdienste feiern dürfen, Karfreitag und Ostern nicht, aber am Folgesonntag wieder!?“

Dekan Hertneck geht sogar noch weiter in seiner Kritik: „Wir erleben hier gerade ganz offenbar einen völligen parlamentarischen Kontrollverlust und was herauskommt, wenn Kanzlerin und Ministerpräsidenten im völligen Erschöpfungszustand nachts Entscheidungen fällen, nämlich reine Symbolpolitik, die kaschieren soll, dass man in vielen Bereichen einige Böcke geschossen hat.“

Böcke? Er sei eigentlich ein großer Befürworter der staatlichen Corona-Maßnahmen bis in den Dezember hinein gewesen, sagt Hertneck. Dann kam jedoch das viel zu frühe und nicht eingehaltene Versprechen, mit dem Impfen werde nun schnell alles besser. Aber nicht nur bei der Impfstoff-, sondern auch bei der Schnelltest-Versorgung sei Deutschland ärgerlich hinten dran. „Und dann haben sie uns auch noch einen vorhandenen Impfstoff (Astrazeneca) vorenthalten, nur aus Angst vor Haftungsforderungen, anstatt das Risiko einzugehen und mehr Menschen schneller durch Impfungen zu schützen, die das auch wollen.“

Er hoffe, dass der Oberkirchenrat der Bitte nach Verzicht auf Präsenzgottesdienst über Ostern nicht nachkommt, sagt Hertneck. Der Karfreitag sei einer der wichtigsten Besinnungstage der Christen und die Feier der österlichen Auferstehung Jesu Christi mit tiefster religiöser Hoffnung verbunden. Dies in der Glaubensgemeinschaft im Kirchenraum oder draußen oder in Andachten gemeinsam zu begehen, sei natürlich viel intensiver als vor einem schnöden Bildschirm. „Deshalb sollten Präsenzgottesdienste stattfinden. Falls nicht, wäre das ein Eingriff in die Religionsfreiheit. Eine solche Politik wäre kirchenfeindlich. Ein Volk kann einer Politik auch verloren gehen, wenn die Religionsfreiheit zu sehr eingeschränkt wird und, ja, auch die Meinungsfreiheit“, sagt Hertneck.

In einem Rundbrief an die Kirchengemeinden ruft der evangelische Dekan indes dazu auf: „Zunächst einmal: Besonnenheit; abwarten und Tee trinken! Ich erhoffe heute eine vorläufige Mitteilung aus dem Oberkirchenrat.“ Am Dienstagvormittag treffe sich das Kollegium, da gebe es vielleicht eine Tendenz. „Die endgültige Empfehlung erwarte ich allerdings erst später, wenn die Landesverordnung vorliegt, wohl Freitag. Erst dann können vor Ort letzte Entscheidungen getroffen werden. Bis dahin sollten Sie Szenarien vorbereiten und sich (erstens) vorbereiten, dass über die Feiertage gestreamt werden kann, oder die Gottesdienste auf unserer Youtube-Plattform bewerben. Denken Sie an Ihre  geistlichen Osteraktionen vor einem Jahr.“

Gerade die vielen älteren Menschen können nicht "livestreamen"

An fast allen anderen Tagen wäre ein Verbot, Präsenzgottesdienste feiern zu dürfen, leichter hinzunehmen als nun gerade an den Ostertagen, sagt auch die Schorndorfer Dekanin Dr. Juliane Baur. Insbesondere weil ja schon letztes Jahr an Ostern keine Gottesdienste gefeiert werden durften. „Mittlerweile sind wir längst weiter, strenge Hygienekonzepte in den Gottesdiensten haben sich bewährt – und könnten ja vielleicht auch noch weiter verschärft werden, wenn dies erforderlich scheint.“

Im Moment gelte es nun aber, vorerst abzuwarten, zum einen auf das Ergebnis der Gespräche zwischen der EKD und der Kanzlerin, zum anderen auf eine neue Corona-Landesverordnung, und zum Dritten vor allem auch auf eine Verlautbarung des Evangelischen Oberkirchenrats in Stuttgart. „Ich halte eine einheitliche Lösung in der ganzen Württembergischen Landeskirche für wünschenswert, sie wäre leichter zu vermitteln als eine Delegation der Entscheidung auf die Ebene der einzelnen Kirchengemeinden. Wenn es letztlich dazu käme, würden wir als Kollegenschaft eine gemeinsame und vermutlich differenzierte Entscheidung treffen“, sagt Juliane Baur.

„Ein Problem ist natürlich auch, dass die Zeit bereits sehr drängt, insbesondere dann, wenn in Präsenz geplante Gottesdienste nochmals neu geplant werden müssen, um sie auch digital feiern zu können. Der ein oder andere Gottesdienst könnte wohl von den Beteiligten in der leeren Kirche gefeiert werden und über Livestream Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern digital zugänglich gemacht werden, aber das wäre nicht bei allen Gottesdiensten möglich, und es bleibt das Problem, dass insbesondere manche ältere regelmäßige Kirchgänger keine Möglichkeit haben, einen Livestream am Computer zu verfolgen. Für diese benötigen wir dann wieder andere Formate – schriftliche Grüße und Ähnliches. Es wird ein schwieriges Abwägen.“

"Präsenzgottesdienste stellten bislang keine nennenswerte Gefahr dar"

Auch im Katholischen Dekanat Rems-Murr wartet man nun auf das Ergebnis der Gespräche zwischen Landesregierung und Diözese. „Die Planungen für Ostern sind also noch offen“, sagt der Geschäftsführende Dekanatsreferent Dr. Marcel Dagenbach. „Dabei sind sicherlich auch regionale Entwicklungen der Fallzahlen zu beachten. Wir hoffen auf gute Gespräche mit der Politik und ausgewogene Lösungen, die Gesundheitsschutz und Freude und Hoffnung des Osterfestes in Einklang bringen. Das wichtigste Fest der Christenheit sollte angemessen gefeiert werden können. Bestehende Corona-Regelungen der großen Kirchen haben sich bewährt und Präsenzgottesdienste stellten bislang keine nennenswerte Gefahr dar.“

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart gab am Dienstag bekannt: "Die bewährten und eingeübten Regelungen der Diözese orientieren sich an den regionalen Inzidenzen und beinhalten Abstandsregelungen, das Tragen einer FFP2- oder medizinischen Maske, vorherige Anmeldung, eine Anwesenheitsliste und weitere umfangreichen Maßnahmen beispielsweise zur Desinfektion. Alle diese Vorschriften für Gottesdienste in Präsenz mit reduzierter Teilnehmerzahl gelten seit vielen Monaten. Steigt die Inzidenzzahl auf 300 je 100.000 Einwohner, müssen Präsenzgottesdienste entsprechend dem Pandemiestufenplan der Diözese Rottenburg-Stuttgart zudem schon seit dem vergangenen Jahr abgesagt werden. Mit diesen Erfahrungen werden die Bischöfe in die Gespräche mit Ministerpräsident Kretschmann und der Landesregierung gehen. Bereits jetzt finden zudem Gespräche auf Bundesebene statt."

Timmo Hertneck ist ein Mann des gewählten Wortes und alles andere als ein Heißsporn. Doch während dieses Telefonats am Dienstag bricht es mit dem Furor einer sich fortgesetzt gegängelt fühlenden Bevölkerung und ein wenig heiligem Zorn aus ihm heraus: „Ich bin maßlos enttäuscht von der Politik, dass sie diese Bitte an die Kirchen heranträgt, auf die so wichtigen Oster-Präsenzgottesdienste zu verzichten. Bei dieser Inzidenzrate und all den funktionierenden Hygienekonzepten wäre das doch gar

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