Rems-Murr-Kreis

Waldrallye gegen Corona-Trauma: Wie eine besondere Schule im Rems-Murr-Kreis die Kinder auffängt

Bodenwaldschule
Baum-Balancieren bei der Bodenwaldrallye: Gemeinsam sollen die Zweitklässler über den Stamm kommen. Durchaus eine Herausforderung, vor allem nach einer so langen Zeit allein daheim. © Gaby Schneider

„Unterstützt unsere Kinder endlich im selben Maße, wie ihr die Wirtschaft unterstützt. Sorgt für einen geregelten und sicheren Schulunterricht. Und handelt endlich. Macht das Wohl der Kinder zur Chefsache – bevor im Herbst das nächste Debakel droht“ – Dr. Ralf Brügel, Kinderarzt aus Schorndorf, Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis und inzwischen, nach „16 Monaten Corona-Ausnahmezustand“, emotionsgeladen, hat eine Online-Petition auf change.org laufen. Das materielle Ziel: Luftfilter für die Schulen. Das eigentliche Ziel: endlich wieder ein normales Leben für die Kinder, keine Schulschließungen mehr, keine Verbannung an den heimischen Rechner, aufs Sofa, in die Einsamkeit.

Nach dem Lockdown: Die ganze Entwicklung der Kinder ist betroffen

Kinderärzte schlagen nicht nur im Rems-Murr-Kreis Alarm. Sie sprechen von Verhaltensauffälligkeiten, psychischen Erkrankungen, ungesunder Gewichtszunahme – alles die Folgen des langen Schul-Lockdowns. Sonja Reinhardt, Heilpädagogin von der Bodenwaldschule im Schelmenholz, blickt seit Schulstart durchaus auch mit Sorge auf manche ihrer Schüler und Schülerinnen. Und es geht nicht nur darum, dass viele beim Lernstoff hinterherhängen. Die ganze Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, sagt sie, sei betroffen. Es geht um den Kopf, den Körper, die Seele. „Wenn wir Erwachsenen in unserem Leben mal zwei Jahre lang was nicht machen können“, sagt sie, dann sei das zwar nicht schön. Aber letztlich egal. Aber bei den Kindern, bei all den Entwicklungs- und Lernphasen, sei es eine Katastrophe.

Für viele bedeutete Corona: Kein warmes Mittagessen

Die alarmierten Kinderärzte haben die Gesamtheit ihrer kleinen und größeren Patientinnen und Patienten im Blick. Sie sprechen von allen. Die Kinder, die in die Bodenwaldschule gehen und unter anderem von Sonja Reinhardt betreut werden, haben – anders als andere Kinder – ein zusätzliches Päckchen zu tragen. Die Bodenwaldschule ist eine sonderpädagogische Einrichtung. Hier bekommen Kinder Unterricht, die andernorts als sogenannte Systemsprenger immer anecken und nie wirklich ankommen können. Die Bodenwaldschule ist die einzige Schule für Erziehungshilfe im Rems-Murr-Kreis. Die Kinder gehen hier in Klassen, in denen sie höchstens zu neunt sind. Neben den Lehrerinnen und Lehrern sind Sozialpädagogen und Heilpädagogen im Schulalltag dabei. Die Schule ist eine Ganztagsschule. Nach dem Lockdown, sagt Sonja Reinhardt, hätten sich ganz viele so gefreut: Es gab endlich wieder ein richtiges, ein warmes, ein gemeinsames Mittagessen. „Viele haben sehr gelitten“, sagt sie. Gelitten an der Einsamkeit zu Hause, gelitten daran, dass Eltern oder Geschwister beim Lernen nicht helfen können, gelitten daran, dass die Situation daheim ohnehin nicht die rosigste ist.

Sonja Reinhardt spricht davon, dass die Kinder nach dem Lockdown plötzlich keine Kraft mehr haben. Und keine Ausdauer – ganz gleich, ob ein langer Schultag durchgestanden werden muss oder ob es darum geht, eine Runde joggen zu gehen. Dass es plötzlich unglaublich schwierig ist, sich auf etwas zu konzentrieren. Oder sich an Regeln zu erinnern und sich dann auch daran zu halten.

Die Kinder, die in die Bodenwaldschule gehen, kommen aus dem ganzen Kreis. Sie fahren teilweise sogar aus Murrhardt oder Rudersberg an. Da sie den ganzen Tag im Schelmenholz verbringen, haben sie oft kaum Freunde zu Hause vor Ort. Das hat die Lockdown-Situation noch schlimmer gemacht. Hinzu kommt, dass den Kindern aufgrund ihrer persönlichen Problematik Anleitung beim Spielen sehr hilfreich ist. „Was geholfen hätte“, sagt Sonja Reinhardt, „wäre zum Beispiel ein Fußballverein gewesen. Aber das ging ja auch alles nicht.“

Die Körper bewegen, die Köpfe einschalten

Sonja Reinhardt war klar: Hier braucht’s was Besonderes. Das Gemeinschaftsgefühl der Kinder muss wieder aufleben. Die Kinder müssen sich bewegen, ihren Körper erfahren. Sie müssen aber auch die Köpfe einschalten, lesen, nachdenken, warten, bis sie dran sind, miteinander nach Lösungen suchen, sich selbst spüren – körperlich und mental.

Sonja Reinhardt hat eine Waldrallye gemacht. Die Bodenwaldschule ist in der außerordentlich glücklichen Lage, einen Wald als Erweiterung von Pausenhof und Klassenzimmern nutzen zu können. Sonja Reinhardt hat genutzt, was im grünen Lernraum zu finden ist, hat acht Aufgabenschilder an Bäume gehängt, geht jetzt mit den Grundschulklassen durch. Etwa eine Stunde brauchen die Kinder für eine Runde. Sie müssen die Aufgaben lesen und überlegen, wie diese zu lösen sind. Sie dürfen balancieren, müssen aber vorher ihre Namen dem Alphabet nach sortiert haben und sich der Reihe nach aufstellen. Sie müssen stillstehen und lauschen und überlegen, was zu hören ist. Sie beantworten Fragen wie: Kann die Eule nachts gut sehen? Oder: Wo lebt der Regenwurm? Sie legen Mandalas aus Blättern, Zapfen, Steinchen und allem, was zu finden ist. Manchmal klappt was nicht gleich, dann müssen sie den Frust aushalten. Vor allem aber haben sie viel Spaß. „Es geht um Spaß!“, sagt Sonja Reinhardt.

Die Bodenwaldrallye – am Ende der Friedrich-Jakob-Heim-Straße – bleibt noch bis zu den Sommerferien aufgebaut. Auch die Grundschule im Schelmenholz ist eingeladen mitzumachen. Und es dürfen auch andere Kinder kommen. Es würde sicher kein Schaden sein.

„Unterstützt unsere Kinder endlich im selben Maße, wie ihr die Wirtschaft unterstützt. Sorgt für einen geregelten und sicheren Schulunterricht. Und handelt endlich. Macht das Wohl der Kinder zur Chefsache – bevor im Herbst das nächste Debakel droht“ – Dr. Ralf Brügel, Kinderarzt aus Schorndorf, Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis und inzwischen, nach „16 Monaten Corona-Ausnahmezustand“, emotionsgeladen, hat eine Online-Petition auf change.org laufen. Das materielle Ziel: Luftfilter

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