Rems-Murr-Kreis

War es das wert? Oder war es übertrieben? Eine Bilanz zum Lockdown in der Corona-Krise

Rudersberg Corona
Dieses Bild verdichtet die Einschränkungen, die uns die Corona-Krise auferlegt hat, visuell symbolkräftig: Die gähnend leere Mensa des Schulzentrums Rudersberg im März 2020. Welche sozialen Folgen wird der Unterrichtsausfall langfristig haben? Das weiß Stand heute kein Mensch. © Benjamin Büttner

Manche Glücksfälle – und manche Notlagen – offenbaren sich erst mit Verzögerung. In medizinischer Hinsicht hat Deutschland die Corona-Krise bislang sensationell gemeistert, das tritt immer klarer zutage – aber auch die Begleit- und Folgeschäden des Lockdowns schälen sich langsam in aller Deutlichkeit heraus. Waren die Einschränkungen, die wir uns auferlegt haben, das wert? Oder haben wir übertrieben?

Corona und Lockdown, Frage 1: Wie lautet die epidemiologische Bilanz?

Annäherung 1: 92 Todesfälle nach Corona-Infektion gab es bislang im Rems-Murr-Kreis. Das sind 21 auf 100 000 Einwohner. Der Kreis liegt damit über dem Bundesschnitt, was aber nicht verwundert, weil das Virus sich in den östlichen Bundesländern teilweise kaum verbreitete. Rund elf Corona-Todesfälle pro 100 000 Einwohner: Das ist, Stand Ende Juni, die Situation in Deutschland. Elf: Merken wir uns die Zahl – und ziehen einen kleinen europäischen Vergleich.

Niederlande: 35 Todesfälle pro 100 000 Einwohner, mehr als dreimal so viele wie in Deutschland. Frankreich: 44. Italien: 58. Spanien: 60. Großbritannien: 66. Belgien: 85 Corona-Tote auf 100 000 Einwohner.

All die Verluste: aufgelaufen binnen weniger Monate. Wenn man bedenkt, dass in jedem dieser Länder pro Monat normalerweise etwa 80 bis 90 Menschen auf 100 000 Einwohner sterben, drängt sich ein Schluss auf: Wer die Corona-Todesopfer als vernachlässigbar abtut, muss sehr abgebrüht sein. Aber, heißt es, die Leute wären doch sowieso gestorben. Man kann darauf nur noch mit Sarkasmus antworten: Sicher, jeder Mensch stirbt sowieso.

Vor allem muss man diese hohen Zahlen in einen Kontext setzen: Sie wären noch gewaltig viel höher, wenn nicht rund um den Globus ein Land ums andere mit verzweifelter Entschlossenheit reagiert und strenge Gegenmaßnahmen ergriffen hätte. Hätte die Welt, als das Virus zu grassieren begann, weitergemacht wie bisher, dann möchte man sich die humanitäre Katastrophe nicht ausmalen. Wohin es führt, wenn Realitätsverleugnung, Wissenschaftsfeindlichkeit und politische Idiotie um sich greifen, kann man aktuell in den Trump-USA sehen: Rund 130 000 Tote, das ist zwar viel – noch gruseliger aber sind die bis zu 50 000 Neuinfektionen pro Tag. Tendenz: steigend.

Corona und Lockdown, Frage 2: Was lehrt uns der Vergleich mit Schweden?

Schweden galt noch Anfang Mai vielen als das gelobte Land: Seht ihr, hieß es, die nehmen alles lockerer und kommen auch gut klar. Eins war aber schon damals auffällig: Das Land musste 24 Tote auf 100 000 Einwohner beklagen, während die Marke in Deutschland seinerzeit bei acht lag.

Mittlerweile klafft die Schere noch viel drastischer auf: Aktuell verzeichnet Schweden 52 Todesfälle auf 100 000 Menschen – fast so viele wie Italien, mehr als Frankreich, annähernd fünfmal so viele wie Deutschland. Längst hat Staatsepidemiologe Anders Tegnell eingeräumt: Es gebe „sicherlich Verbesserungspotenzial bei dem, was wir in Schweden gemacht haben“.

Haben sie wenigstens keine wirtschaftlichen Schäden? Nach allem, was sich abzeichnet, ist Schweden ökonomisch ähnlich getroffen wie Deutschland. In einer vernetzten Weltwirtschaft kann sich keine exportorientierte Nation dem Sog entziehen; auch nicht, wenn sie Kneipen offen lässt.

Corona und Lockdown, Frage 3: Gibt es ein deutsches Erfolgsrezept?

Was lief in Deutschland gut? Das lässt sich am Beispiel Rems-Murr erklären: Kreis und Kommunen haben schnell und koordiniert reagiert. Großveranstaltungen wurden bereits Mitte März gestoppt, Testkapazitäten schwungvoll ausgebaut, was zügig ein realistisches Lagebild ergab. Das Gesundheitsamt verfolgte die Kontakte von Infizierten entschlossen nach – und erhielt unbürokratische Hilfe von kommunalen Beschäftigten der Ortspolizeibehörden.

Hilfreich war die dezentrale medizinische Versorgung mit relativ vielen Hausärzten – und der Weg in die beiden Kliniken des Rems-Murr-Kreises ist nicht weit.

Der Kreis betrieb ein derart weitsichtiges Krisenmanagement, dass er nebenbei gar noch die anfänglichen Schwächen auf Landes- und Bundesebene kaschierte, etwa bei der Besorgung von Schutzausrüstung.

Auffällig im Rems-Murr-Kreis – und überall in Deutschland – war auch, wie diszipliniert sich die meisten Menschen an Maskenpflicht und Distanzgebote hielten.

Eine Erfolgsgeschichte. Die ganze Wahrheit ist damit aber noch nicht erzählt.

Corona und Lockdown, Frage 4: Kann die Wirtschaft das verarbeiten?

Die Ersten werden die Letzten sein, steht in der Bibel – fast könnte man meinen, damit seien die Veranstaltungstechniker gemeint.

„Wir waren die Ersten, die raus waren, und sind die Letzten, die wieder anfangen“, erzählt Peter Schmid vom gleichnamigen Schorndorfer Audioservice. Am 16. März bestückte er noch einen Termin im Landtag mit Miet-Equipment; auf den Fluren munkelte es da schon: „Morgen ist Schluss.“

Genau so kam es: Eine ganze Branche wurde „zwölf Wochen lang ausgeschaltet. Wirklich ausgeschaltet. Von heute auf morgen.“ Konzerte, Messen, Partys: nichts mehr.

„Mittlerweile“ gehe wieder was: Firmen machen Seminare, Schulungen, brauchen Beamer und Lautsprecherboxen – er habe, sagt Schmid, in diesem Bereich momentan immerhin eine „Auslastung von fünf Prozent“.

Peter Schmid führt einen seriösen, erfolgreichen, einen nachhaltig wirtschaftenden Betrieb, in 30 Jahren seit der Gründung musste er nie Kurzarbeit beantragen – jetzt rettet ihm „das Instrument den Arsch“. Die Hälfte der Belegschaft arbeitet kurz – es wären noch mehr, wenn Schmid nicht neben der Vermietung von mobiler Event-Technologie auch Fest-Installationen machen würde, in Firmen und Schulen zum Beispiel. Das Frühjahr lief gut, „die Räume waren ja eh leer“, Aufträge wurden vorgezogen.

Der Haken: „Jetzt kommt nichts nach. Kommunen halten ihr Geld zusammen, versprochene Aufträge werden nicht erteilt.“ Sieht so aus, als knicke das zweite Standbein weg, bevor das erste sich richtig stabilisiert.

Wird der Betrieb überleben? „Ich geh' davon aus.“ Es gebe Kollegen, „die es noch viel härter trifft. Es wird sicher einige reißen.“

„Die“ Wirtschaft gibt es nicht. Die Corona-Krise kennt auch Gewinner: Zum Beispiel boomt alles, was mit Versand zu tun hat, von Kartonagenmaschinen-Herstellern bis Amazon.

Die Grundtendenz indes ist traurig eindeutig. Claus Paal, Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr, hat neulich die einschlägigen Zahlen referiert: Ein Viertel der Firmen in Baden-Württemberg rechnet 2020 mit bis zu 50 Prozent weniger Umsatz, manche fürchten noch Schlimmeres.

Corona und Lockdown, Frage 5: Was wird aus der Bildungsgerechtigkeit?

Wie wird der Unterrichtsausfall sich auswirken? „Das werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren herausfinden“, hat Katrin Ellwanger, Konrektorin der Grundschule in Geradstetten, neulich im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Eins allerdings scheint leider absehbar: Die Klüfte, die sich in den Schulen schon vor der Corona-Krise auftaten, werden sich vertiefen.

2018 hat das UN-Kinderhilfswerk Unicef 41 Industrieländer verglichen – wo herrscht am meisten Bildungs-Gerechtigkeit? Auf Platz eins: Lettland. Deutschland: auf Rang 23. Welche Chancen ein Kind im Leben hat, welche Zukunft, das hängt in Deutschland viel zu stark von Herkunft, Beruf, Einkommen, Bildung der Eltern ab. In vier Worten zusammengefasst: Das ist nicht fair.

Und dann auch noch Corona. Katrin Ellwanger: „Was die kurzfristigen Folgen angeht, ist es sehr unterschiedlich, weil die Voraussetzungen zu Hause sehr unterschiedlich sind. Extrembeispiele sind die Flüchtlingskinder. Viele haben zu Hause in dieser Zeit kein Wort Deutsch gesprochen. Ihre Eltern konnten ihnen wenig bis gar nicht bei den Schulaufgaben helfen, schon allein aus sprachlichen Gründen. Diese Rahmenbedingungen sind schwer ins Gewicht gefallen. Es gab auch an den Grundschulen Kinder, die wir nicht erreicht haben, die für uns praktisch abgetaucht sind.“

Und Ellwangers Schulleiter Michael Gomolzig: „Andererseits gibt es auch Kinder, die haben zu Hause eine tolle Ausstattung und Unterstützung von den Eltern, die können sogar davon profitiert haben, dass sie zu Hause in Ruhe lernen konnten.“

Corona und Lockdown, Frage 6: Und war es das nun wert oder nicht?

Krankheit sei ein Schicksalshammer, der wahllos zuhaue, bei Armen wie Reichen – ein allzu billiger Spruch. Er ist falsch. Die Corona-Krise streift tendenziell diejenigen, denen es vorher gut ging, sanfter und trifft diejenigen, denen es vorher schon schlecht ging, härter. Akademiker in ihren volldigitalisierten Home-Offices kommen zurecht. Andere haben den Job am Band verloren. Psychisch Kranke, Alleinerziehende, Arme, prekär Beschäftigte: Krisenverlierer.

Von 1991 bis 2016 sind die Einkommen der privaten Haushalte real – also um die Inflation bereinigt – im Durchschnitt um 18 Prozent gestiegen. Dies hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ermittelt. Gigantisches Aber: Beim bestverdienenden Zehntel der Gesellschaft hat sich das Einkommen um 35 Prozent erhöht, im breiten Mittelfeld nur um maximal 19 Prozent – und beim untersten Zehntel setzte es ein Reallohn-Minus. Die Schere öffnet sich. Corona droht den Trend zu verschärfen.

Wer all diese Aspekte der Krise – medizinische, epidemiologische, wirtschaftliche, schulische – ineinanderblendet, kommt einer Antwort auf die Eingangsfrage näher: Waren die Einschränkungen, die wir uns auferlegt haben, das wert?

Ja; sofern es Staat, Politik, Gesellschaft gelingt, die Begleit- und Folgeschäden sozial wirklich gerecht zu mildern. Dann – und nur dann – war es das wert.

Manche Glücksfälle – und manche Notlagen – offenbaren sich erst mit Verzögerung. In medizinischer Hinsicht hat Deutschland die Corona-Krise bislang sensationell gemeistert, das tritt immer klarer zutage – aber auch die Begleit- und Folgeschäden des Lockdowns schälen sich langsam in aller Deutlichkeit heraus. Waren die Einschränkungen, die wir uns auferlegt haben, das wert? Oder haben wir übertrieben?

Corona und Lockdown, Frage 1: Wie lautet die epidemiologische

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