Rems-Murr-Kreis

Warnstreik bei der Post: Wie geht es weiter im Briefzentrum Waiblingen?

Briefzentrum
Ein Warnstreik-Schauplatz: Das Waiblinger Briefzentrum. © Gaby Schneider

Bei der Post war Warnstreik, auch im Rems-Murr-Kreis haben sich viele Beschäftigte angeschlossen – die Kundschaft aber nahm’s gelassen, sie scheint kaum Leidensdruck zu spüren. Woran liegt das? Und kommt Anfang Februar eine zweite Warnstreikwelle auf uns an Rems und Murr zu? Eine Zwischenbilanz nebst Ausblick.

15 Prozent mehr Gehalt für die Post-beschäftigten: Diese Tarifforderung „ist ganz klar notwendig, gerecht und machbar“, sagt Dominik Bollinger, für den Rems-Murr-Kreis zuständiger Verdi-Gewerkschaftssekretär Postdienste, Spedition, Logistik. Mit der Beteiligung an der ersten Warnstreikwelle am vergangenen Freitag und Samstag war er „sehr zufrieden“ – etwa 250 Leute im Rems-Murr-Kreis gingen in den Ausstand; im Waiblinger Briefzentrum hätten „30 bis 40 Prozent der Beschäftigten“ mitgemacht. „Ne gute Zahl.“ (Mehr zu sich anbahnenden Tarifstreitigkeiten auch hier.)

Dass nicht wenige Sendungen länger liegen blieben, räumt die Post in einer Mail auf unsere Anfrage hin ein. Bundesweit seien rund 2,3 Millionen Pakete – „das entspricht etwa einem Drittel der durchschnittlichen Tagesmenge“ – und rund 13 Millionen Briefe – „das entspricht etwa einem Viertel der durchschnittlichen Tagesmenge“ – betroffen gewesen. Mittlerweile sei der Rückstau aber abgebaut.

Keine empörten Anrufe, keine Wut über verspätete Sendungen

Interessantes Phänomen: Normalerweise, wenn irgendwas irgendwo schiefläuft, sei es mit der Grundsteuer, sei es mit dem Führerschein-Antrag, rufen Leute bei der Zeitung an und beschweren sich – Klagen über verspätet eingetrudelte Briefe und Pakete aber sind uns in den vergangenen Tagen nicht untergekommen.

Bollinger hat Ähnliches erlebt: Von Wutanrufen bei Verdi „ist mir gar nichts bekannt“. Für diese Auffälligkeit hat er zwei Erklärungsansätze.

Erstens: Das Anliegen der Postleute treffe offenbar durchaus auf Verständnis. Sie seien „bei jedem Wetter“ und „unter schwersten Bedingungen“ unterwegs – dass der „Deutsche-Post-Konzern die letzten Jahre Umsatzrekorde eingefahren“ habe, aber davon nichts bei den Zustellern ankomme, sei eine „Frustquelle“. Früher hätten sie sich „als Mittelstand“ empfunden, heute sähen sie sich eher im „Niedriglohnsektor“. Manche „gehen schlimmstenfalls mit 1300, 1400 Euro netto raus“, es gebe immer noch viele befristete Verträge.

Sendungsmengen in Pandemie "immens" gewachsen

Zweitens: Dass Briefe und Pakete verspätet ankommen, sind die Leute auch aus streikfreien Zeiten gewöhnt. Die Sendungsmengen seien „in der Pandemie immens“ gewachsen und seither kaum abgeklungen, das sehe man im Waiblinger Briefzentrum, sagt Bollinger. Und: Die Post kämpfe mit „Personalmangel“.

Das räumt die im Prinzip auch selber ein – jedenfalls trommelt sie mächtig und sucht neue Leute: In der Mail an uns ist von „umfangreichen Rekrutierungsmaßnahmen“ die Rede. Das Unternehmen werbe dabei mit „seinen guten Arbeitsbedingungen und Löhnen. Unsere Brief- und Paketzusteller, denen wir sichere, tarifgebundene Arbeitsplätze bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden bieten, verdienen zwischen 2400 und 3090 Euro brutto pro Monat. Hinzu kommen regional unterschiedliche Zulagen, Flexibilität durch Arbeitszeitkonten, Urlaubsgeld und ein 13. Monatsentgelt.“ Die Post sei „stets auf der Suche“ und freue sich „über jeden motivierten Bewerber mit Deutschkenntnissen, Arbeitserlaubnis und Klasse-B-Führerschein, ganz unabhängig von der persönlichen Situation oder beruflichen Vorerfahrung“. Der Konzern habe „alleine in den Wochen vor Weihnachten rund 3000 neue Beschäftigte für die Zustellung eingestellt“ und seit Juli 2022 „rund 10.000 Entfristungen vorgenommen“.

Dass die Post ein vergleichsweise guter Arbeitgeber ist, will Bollinger gar nicht abstreiten; es gebe „gute Sozialtarifverträge“ und „bessere Arbeitsbedingungen als bei Mitbewerbern“ – nur liege das nicht daran, dass in der Chefetage so nette Menschen sitzen, sondern an den „harten Verhandlungen vergangener Jahre und Jahrzehnte“. Geholfen habe, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei der Post höher sei als bei anderen Zustelldiensten.

Bollinger: Es werde „mit Sicherheit weitere Aktionen“ geben

Wenn es nach der Arbeitgeberseite geht, müsste jetzt eigentlich Schluss sein mit Arbeitskampf: „Da wir bereits angekündigt haben, in der dritten Runde ein Angebot vorzulegen“, heißt es in der Mail an uns, „sind Warnstreiks aus unserer Sicht unnötig, da sie letztlich nur zulasten unserer Kundinnen und Kunden gehen.“

Das sieht Bollinger allerdings anders. In den ersten beiden Verhandlungsrunden sei eben überhaupt nichts gekommen von der Gegenseite. Runde 3 beginnt am 8. Februar. Davor werde es „mit Sicherheit zu weiteren Aktionen kommen“.

Wagen wir also die Prognose: Irgendwann zwischen dem 1. und dem 8. Februar gibt es noch mal einen Warnstreik. Über die absehbaren Zustellverzögerungen aber werden sich im Rems-Murr-Kreis erneut nicht viele aufregen; man ist ja einiges gewöhnt.

Bei der Post war Warnstreik, auch im Rems-Murr-Kreis haben sich viele Beschäftigte angeschlossen – die Kundschaft aber nahm’s gelassen, sie scheint kaum Leidensdruck zu spüren. Woran liegt das? Und kommt Anfang Februar eine zweite Warnstreikwelle auf uns an Rems und Murr zu? Eine Zwischenbilanz nebst Ausblick.

15 Prozent mehr Gehalt für die Post-beschäftigten: Diese Tarifforderung „ist ganz klar notwendig, gerecht und machbar“, sagt Dominik Bollinger, für den Rems-Murr-Kreis

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