Rems-Murr-Kreis

Warum bleiben manche Kurse für Eltern im Rems-Murr-Kreis leer?

Pro Familia
Pro Familia hat vor kurzem einen Online-Kurs für Väter angeboten. © Büttner

Manche Eltern finden kaum einen Kinderarzt für ihr Neugeborenes. Das liegt laut Ralf Brügel, Kinderarzt in Schorndorf und Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis, auch daran, dass verunsicherte Eltern wegen Bagatellen in die Sprechstunden kommen. Eine bessere Aufklärung der Eltern, wie sie etwa in der Schweiz über Familienzentren organisiert sei, könnte aus seiner Sicht Abhilfe schaffen. Und tatsächlich gibt es viele Angebote für Eltern, auch im Rems-Murr-Kreis.

Doch teilweise werden diese von der Zielgruppe nicht wahrgenommen: „Von mehreren Kursanbietern bekomme ich mit, dass Kurse wegen zu geringer Teilnehmerzahl gar nicht stattfinden“, sagt Lisa Gebhardt, Fachbereichsleiterin Frühe Hilfen beim Kreisjugendamt. So habe es beispielsweise für den Kurs „Einfach praktisch“ des Vereins Kinder- und Jugendhilfe Backnang im dritten Jahr in Folge zu wenig Anmeldungen gegeben. Zuvor sei der Kurs quasi ein Selbstläufer gewesen, habe sich bei jedem Durchgang rasch gefüllt. Auch ein Angebot der „Frühen Hilfen“, eine offene Sprechstunde in Schorndorf, in die Eltern zum Beispiel mit Fragen und Nöten rund um Schlafprobleme ihres Säuglings kommen können, werde nicht so gut angenommen.

Informationsbeschaffung verändert sich

Woran liegt das? Haben die Eltern kein Interesse an den Angeboten? Oder bekommen sie nicht mit, dass es diese Kurse im Kreis gibt?

Die Frage ist schwer zu beantworten, denn diejenigen, die sich nicht anmelden, kann man nicht fragen. Lisa Gebhardt vermutet, dass es mehrere Gründe für ausbleibende Anmeldungen gibt. Bei ihr laufen die Fäden zusammen für das Landesprogramm Stärke, das bedarfsgerechte Familienangebote vor Ort unterstützt. In dieser Funktion hat sie einen guten Überblick darüber, welche Institutionen welche Kurse anbieten und wie die Nachfrage ist. „Allgemein gehaltene Kurse sind weniger gefragt als spezielle Kurse, die sich zum Beispiel an Familien mit einem autistischen oder gehörlosen Kind richten“, beobachtet sie.

Der Trend bei den Anmeldezahlen gehe nach dem Ende der Coronabeschränkungen nach und nach wieder nach oben. Doch manche Angebote, glaubt sie, erreichten einfach nicht die Zielgruppe, die sich eigentlich durchaus dafür interessieren würde: „Die Art, sich zu informieren, hat sich verändert.“ Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung noch beschleunigt. Waren früher ein Hinweis auf der Homepage und ein Flyer ausreichend, dass sich Kurse füllten, sind heute andere Informationskanäle wie beispielsweise Instagram für viele junge Mütter und Väter eine wichtige Informationsquelle geworden.

Jeder Social-Media-Kanal muss auch gepflegt werden

Dies wiederum stellt Kursanbieter vor große Herausforderungen. „Wir waren während der Pandemie so beschäftigt damit, unsere Beratungsangebote auf digitale Wege umzustellen, dass wir erst jetzt dazu kommen, auch die Öffentlichkeitsarbeit zu digitalisieren“, sagt Agnes Perjesi, Leiterin von Pro Familia Waiblingen. Denn das ist viel Arbeit, jeder Instagram- oder Facebook-Kanal muss auch bedient werden. Obwohl die von Pro Familia angebotenen hebammengeleiteten Kurse für Schwangere ebenso wie andere Formate sich in der Regel durch die persönlichen Kontakte in den Beratungen schnell füllten, führt für Perjesi kein Weg daran vorbei, in den sozialen Medien aktiv zu sein. „Wir müssen dort präsent sein, wo die Menschen sind.“ Vielen Angehörigen sozialer Berufe liege es nicht, sich und ihre Arbeit zur Schau zu stellen, aber das könnte nötig sein, glaubt Perjesi. Auch, um nicht selbst ernannten Experten ohne Ausbildung das Feld zu überlassen, die sich häufig über die sozialen Medien vermarkteten und zweifelhafte Beratungsangebote machten.

Haben sich die Menschen während der Corona-Pandemie so an Online-Angebote gewöhnt, dass darin die Zukunft liegt? Einen Kurs für Väter vor kurzem hat Pro Familia komplett digital angeboten: Dieser Kurs wurde online beworben und abgehalten. „Beim ersten Anlauf hat das nicht geklappt, weil mit dem Ende fast aller Corona-Beschränkungen einfach nicht der richtige Zeitpunkt war. Beim zweiten Anlauf wurde der Kurs gut angenommen“, berichtet Perjesi. Die Resonanz sei gut gewesen. Obwohl im Lauf der Zeit der Wunsch nach einem Präsenztreffen aufgekommen sei, hätten auch viele teilnehmende Väter gesagt, dass sie sich nach der Arbeit vermutlich nicht mehr auf den Weg zu einem Kurs gemacht hätten.

Mehr Übersicht über vorhandene Angebote schaffen

Dennoch, glaubt Perjesi, wollten die meisten Menschen nicht nur Online-Kurse. Pro Familia habe beispielsweise gute Erfahrungen mit Hybrid-Angeboten gemacht, bei denen ein Teil der Termine in Präsenz und ein anderer online stattgefunden habe. Gerade für junge Eltern sei es so manchmal einfacher, die Kinderbetreuung zu organisieren. Durch die Präsenztermine könnten trotzdem auch persönliche Kontakte und Bindungen aufgebaut werden.

Wie Eltern informiert werden wollen, wann sie Zeit haben und zu welchen Kursen sie gehen würden, das versuchen Lisa Gebhardt und ihre Kolleginnen gerade mit einer Umfrage unter Eltern aus den Beratungen der „Frühen Hilfen“ herauszufinden. Schon jetzt steht fest, dass auf jeden Fall eine bessere Vernetzung und ein gemeinsamer Auftritt der zahlreichen Institutionen benötigt werden, die Kurse für Eltern anbieten. Eine Art Bestandsaufnahme, was im Rems-Murr-Kreis alles angeboten wird, auf die Mütter und Väter sofort stoßen, wenn sie beispielsweise die Suchwörter „schreien“ und „Baby“ bei Google eintippen.

Manche Eltern finden kaum einen Kinderarzt für ihr Neugeborenes. Das liegt laut Ralf Brügel, Kinderarzt in Schorndorf und Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis, auch daran, dass verunsicherte Eltern wegen Bagatellen in die Sprechstunden kommen. Eine bessere Aufklärung der Eltern, wie sie etwa in der Schweiz über Familienzentren organisiert sei, könnte aus seiner Sicht Abhilfe schaffen. Und tatsächlich gibt es viele Angebote für Eltern, auch im Rems-Murr-Kreis.

Doch teilweise

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