Rems-Murr-Kreis

Warum Bus- und Bahnfahren in der Region Stuttgart (VVS) teurer wird

Fahrkarten S-Bahn Bahnhof
Die Fahrkarten werden teurer. © Benjamin Büttner

Neuauflage des 9-Euro-Tickets? Bus- und Bahnfahren im Nahverkehr deutschlandweit für 49 oder 69 Euro im Monat? Aus der Traum. Die Debatte, wie viel Tickets für Busse und Bahnen kosten dürfen, wird in dieser Woche hart auf dem Boden der Realität aufschlagen. Für neun Euro gibt es ab 1. Januar 2023 am Fahrscheinautomaten nicht einmal mehr ein Tagesticket für drei VVS-Zonen. Dieses kostet künftig 9,60 statt wie bisher neun Euro.

An diesem Montag (19.9.) beschließen die Kreisräte im Umwelt- und Verkehrsausschuss höhere Preise für Busse und Bahnen. Am Mittwoch (21.9.) folgen Diskussion und Beschluss im Verkehrsausschuss des Verbandes Region Stuttgart. Jahr für Jahr ist das Zähneknirschen vieler Kommunalpolitiker nicht zu überhören, wenn sie den Preiserhöhungen zustimmen. Doch sind die Verträge im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) so raffiniert gestaltet, dass es keine Alternative zu einem Ja gibt. Wie das?

Von wem werden die Preise festgelegt?

Festgelegt werden die Tariferhöhungen von den Verkehrsunternehmen, also Deutsche Bahn, Stuttgarter Straßenbahnen und Busfirmen, die in der Gesellschafterversammlung des VVS die Hälfte der Stimmen innehaben. Die öffentliche Hand, also die Region, fünf Landkreise und die Stadt Stuttgart, könnten zwar dagegen stimmen. Sollten sich aber beispielsweise die Rems-Murr-Kreisräte gegen die von der Gesellschafterversammlung festgelegte Tariferhöhung aussprechen, so müsste der Rems-Murr-Kreis die damit verbundenen Einnahmeausfälle zahlen.

Gleiches gilt, wenn sich die öffentliche Hand einig wäre und bereits in besagter Gesellschaftersammlung der Tariferhöhung widersetzt und beispielsweise keine oder eine geringere Tariferhöhung als erwünscht durchwinkt. Sie könnte „eine geringere prozentuale Tarifanpassung festlegen, wenn sie den Verkehrsunternehmen die sich daraus ergebenden Einnahmeausfälle ausgleichen“, heißt es in der Vorlage der Region Stuttgart. Die Kundenfreundlichkeit würde also den Landkreisen und der Stadt Stuttgart 2023 in den Folgejahren teuer zu stehen kommen: nämlich mit jährlich 24 Millionen Euro, die die geplante Tariferhöhung von 4,9 Prozent mehr in die Kassen des VVS spült.

Über dieses Vertragskonstrukt aus den Gründungsjahren des VVS wird zwar Jahr für Jahr im Herbst geschimpft und gejammert, wenn die Tarifanpassungen im Herbst auf die Tagesordnung der politischen Gremien kommen. Doch das Gejammer ist bisher folgenlos geblieben. Und in diesem Jahr, angesichts der dramatisch gestiegenen Energiepreise, erscheint es als durchaus verständlich, dass auch die Verkehrsunternehmen höhere Einnahmen benötigen, um auf ihre Kosten zu kommen. Gerade die mittelständischen Busunternehmen werden nach der Corona-Pandemie, in denen die Fahrgäste ausblieben, nun von den hohen Dieselpreisen gebeutelt. Der Rems-Murr-Kreis hat Anfang des Jahres sogar ein Notprogramm aufgelegt, damit die Busse weiter nach Fahrplan fahren.

Folgen der Pleite des Busunternehmens Knauß

Nach den Erfahrungen mit der Pleite des Schorndorfer Busunternehmens Knauß weiß der Verkehrsdezernent im Waiblinger Landratsamt: Der Ausfall von Busfirmen und die Neuvergabe der Buslinien ist ziemlich kostspielig. Zu denselben Preisen fährt nämlich kein Nachfolger mehr. Abgesehen von dem ganzen Ärger mit Ausfällen und Verspätungen, wenn sich ein ortsfremder Newcomer in seinem neuen Gebiet erst einmal zurechtfinden muss.

Mit einer durchschnittlichen Erhöhung der VVS-Tarife von 4,9 Prozent ist die Region Stuttgart im Vergleich zu anderen Tarifverbünden noch recht gut bedient, weist eine Übersicht der Region aus, wie andernorts die Tarife ansteigen. Spitzenreiter in der 2023er-Preisrunde sind Chemnitz und Tübingen mit 6,6 beziehungsweise 6,3 Prozent, gefolgt von Berlin (5,62 Prozent). Es geht aber auch sparsamer, wie Leipzig (2,3 Prozent), Freiburg (1,95 Prozent) oder Hamburg (1,7 Prozent) zeigen. OstalbMobil, der Nachbarverbund des VVS, hat übrigens 4,78 Prozent beschlossen.

So begründet das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises die Preiserhöhungen

Das Landratsamt begründet die Tariferhöhung in der Vorlage für den Verkehrsausschuss folgendermaßen: „Die Anpassungsrate von 4,9 Prozent wird unter Abwägung zwischen der Notwendigkeit zum Ausgleich der gestiegenen Kosten und möglichen negativen Marktreaktionen bei einer relativ hohen Preissteigerung angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen als angemessen erachtet.“ Der Prozentsatz von 4,9 Prozent liege zwar über der Anpassungsrate des Vorjahres (2,5 Prozent), jedoch deutlich unter der aktuellen Inflationsrate für Deutschland und Baden-Württemberg (+ 7,5 Prozent bzw. + 7,1 Prozent im Juli 2022). Die Kosten für den Autoverkehr seien sogar deutlich stärker gestiegen, wird auf den Diesel verwiesen, der über 70 Prozent teurer sei. Dadurch seien Busse und Bahnen in Relation zum Pkw sogar günstiger geworden. „Die Wettbewerbssituation hat sich verbessert und wird auch durch die Preissteigerung von 4,9 Prozent nicht schlechter.“

Aber nicht für alle VVS-Kunden wird Bus- und Bahnfahren teurer. Ab 1. März 2023 fahren junge Leute sogar billiger denn je. Denn für Jugendliche gilt dann das landesweite 365-Euro-Ticket - und zwar nicht nur auf dem täglichen Weg zur Schule oder zum Ausbildungsplatz, sondern im gesamten VVS-Netz und ganz Baden-Württemberg.

Offen zeigt sich das Landratsamt Rems-Murr übrigens gegenüber einem 9-Euro-Ticket oder Ähnlichem. „Die Landkreisverwaltung würde aufgrund der allgemein positiven Erfahrungen ein Nachfolgeprodukt ausdrücklich begrüßen.“ Es sei für die Landkreisverwaltung aber verwunderlich, dass die Diskussion über ein Nachfolgeprodukt erst nach der Probephase geführt wird. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass man offensichtlich ohne konkrete und belastbare Konzepte in den zuständigen Ministerien mit dem 9-Euro-Ticket-Versuch gestartet ist.“

In die Kasse des Kreises will Landrat Richard Sigel aller Begeisterung fürs Billigticket zum Trotz nicht wirtschaften: „Die Finanzierung für ein solches Nachfolgeprodukt müsste aus Sicht der Landkreisverwaltung aber vollumfänglich vom Bund und den Ländern übernommen werden.“

Der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages tagt am Montag, 19. September, um 14.30 Uhr im Bürgerzentrum Waiblingen. Die Sitzung ist öffentlich.

Neuauflage des 9-Euro-Tickets? Bus- und Bahnfahren im Nahverkehr deutschlandweit für 49 oder 69 Euro im Monat? Aus der Traum. Die Debatte, wie viel Tickets für Busse und Bahnen kosten dürfen, wird in dieser Woche hart auf dem Boden der Realität aufschlagen. Für neun Euro gibt es ab 1. Januar 2023 am Fahrscheinautomaten nicht einmal mehr ein Tagesticket für drei VVS-Zonen. Dieses kostet künftig 9,60 statt wie bisher neun Euro.

An diesem Montag (19.9.) beschließen die Kreisräte im

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