Rems-Murr-Kreis

Warum die Corona-Krise unsere Kinder dick macht

Schüleressen extern
Das soll lecker sein? Wirklich? © Gabriel Habermann

Du bist zu fett. Mach’ halt mal was.

Wer hat beim Anblick heftigst übergewichtiger Menschen schon mal so was gedacht? Nur: So einfach ist es halt nicht.

Mit schnellen Urteilen war noch nie jemandem geholfen, weshalb das Kommunale Suchthilfenetzwerk Rems-Murr kürzlich fast 70 Menschen vor ihren jeweiligen Bildschirmen versammelte: Infos über starkes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sind unter Fachleuten sehr gefragt zurzeit. Chips und Schokolade trösten für ein paar Sekunden, und Trost war nötig in all den Monaten allein zu Haus'.

„Mach’ halt mal was“: Man ahnt es schon, Appelle dieser Art laufen ins Leere. Dr. Lena Herzer, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und am Olgahospital in Stuttgart mit der Betreuung adipöser Kinder und Jugendlicher betraut, verweist aufs große Ganze: Wenn alle in der Familie eingebunden sind, dann lassen sich die Dinge zum Besseren wenden. Angesprochen fühlen darf sich auch die Großmutter, die ihren Lieblingsenkel an mehreren Tagen die Woche betreut, Süßkram als Liebesbeweis einsetzt und mit der fettigen Gabe die Mahnung verbindet: Sag’s nicht deiner Mutter. Die schimpft sonst.

Ziel Nummer eins: Nicht mehr weiter zunehmen

Eltern übergewichtiger Kinder bemerken oft gar nicht, so Lena Herzer, dass zu viele Kilos die Kleinen belasten – schlicht deshalb, weil sie vielfach selbst eine viel zu große Last mit sich schleppen. Es müssen alle mit ins Boot, und um starkes Übergewicht auf Dauer loszuwerden, braucht es ein ganzes Team, so Herzer: Am Olgäle kümmern sich Fachfrauen und -männer aus der Ernährungsberatung, der Psychologie, der Physiotherapie und der Medizin um Betroffene. Sie alle gehen am Abend zufrieden nach Hause, sofern Ziel Nummer eins ihrer Klient/-innen erreicht ist: Gewicht halten. Nicht mehr weiter zunehmen.

Es folgen dann Schritte, die Zeit brauchen, und Diäten zählen dazu nicht. „Kinder sollen keine Diäten machen“, stellt Lena Herzer klipp und klar fest, und auch vom zurzeit ziemlich angesagten Intervallfasten rät die Medizinerin Kindern und Jugendlichen ab. Sie sollen vielmehr ein Gefühl dafür entwickeln, was eine passende Portion ist und „natürlich essen“ lernen, sprich: ausgewogene Mischkost genießen.

Schrittzahlmesser am Handy

Das Handy kann helfen, weil das Handy sowieso zum Leben gehört wie Herzschlag und Atem. Ein Schrittzahlmesser lässt sich am Smartphone installieren, und solch ein Tool verspricht schnelle Erfolgserlebnisse. Schau her, heute hab ich schon 4000 Schritte geschafft. Morgen mach' ich 1000 mehr.

Im Vortrag nennt Lena Herzer zwar all die offiziellen Empfehlungen, doch dass Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, ist nun mal nichts Neues. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Fünf- bis 17-Jährigen, sich insgesamt eine Stunde pro Tag moderat zu bewegen, sprich, zu Fuß zur Schule zu gehen oder wo auch immer hin. Sich dreimal pro Woche zusätzlich „sportlich verausgaben“ – das wär’ schon gut.

Was an Bewegungszeiten fehlt, wächst im Übermaß an Bildschirmzeiten: Drei- bis Sechsjährige sollten maximal eine halbe Stunde pro Tag auf Bildschirme starren, weniger wär’ besser. Die empfohlene Bildschirmzeit für Kinder unter drei Jahren: Null. Komma. Null.

Sehr viel Werbung für ungesunde Produkte

Von außen sehen sich Familien von allerlei Widrigkeiten bedrängt, das darf man auch mal nicht vergessen. Eine davon: Werbung für Kinderlebensmittel, die weder gut für Kinder, noch ein Mittel zum Leben sind – doch bestens zum Fettwerden taugen. „Dass Werbung für ungesunde Lebensmittel deren Konsum begünstigt und die kindliche Ernährung ungünstig verändert, ist durch zahlreiche Studien wissenschaftlich belegt“, schreibt Dr. Tobias Effertz von der Universität Hamburg. Ein paar zentrale Ergebnisse aus einer Studie zu „Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel“:

  • Ein mediennutzendes Kind im Alter von drei bis 13 Jahren sieht in Deutschland durchschnittlich pro Tag rund 15 Lebensmittelwerbungen für ungesunde Produkte
  • Von der gesamten Lebensmittelwerbung, die Kinder im TV und im Internet sehen, betreffen 92 Prozent ungesunde Produkte
  • Knapp 67 Prozent der im Zuge der Studie untersuchten Videos auf Youtube, Werbung für ungesunde Lebensmittel betreffend, kamen von Influencern, also Personen, deren Videos und Beiträge sehr viele Menschen sehen, die einen entsprechend großen Einfluss haben und deshalb für Werbetreibende als Vermittler ihrer Botschaften höchst interessant und umworben sind.

Was oft vergessen wird: Adipositas ist eine Krankheit

Ein Bündnis aus Wissenschaftlern, Kinderärzten und dem AOK-Bundesverband forderte im März 2021 angesichts dieser Zahlen, an Kinder gerichtetes Marketing für ungesunde Produkte in allen Medienarten zu untersagen – wie es in vielen Ländern bereits Standard sei.

Auf Fakten anderer Art weist unterdessen Lena Herzer hin: Es macht einen erheblichen Unterschied, ob Menschen eine bestimmte Kalorienzahl in Form von hoch verarbeiteten Fertigprodukten zu sich nehmen oder sie dieselbe Energiemenge aus frisch zubereiteten Lebensmitteln beziehen. Frisches – auch das lässt sich leicht erahnen, ist besser.

Noch ein Fakt für alle, die auf der Straße und in Klassenzimmern über Dicke schlimmer lästern als Marius Müller-Westernhagen es in seinem unsäglichen Song namens „Dicke“ einst tat: Adipositas ist eine Krankheit.

Du bist zu fett. Mach’ halt mal was.

Wer hat beim Anblick heftigst übergewichtiger Menschen schon mal so was gedacht? Nur: So einfach ist es halt nicht.

Mit schnellen Urteilen war noch nie jemandem geholfen, weshalb das Kommunale Suchthilfenetzwerk Rems-Murr kürzlich fast 70 Menschen vor ihren jeweiligen Bildschirmen versammelte: Infos über starkes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sind unter Fachleuten sehr gefragt zurzeit. Chips und Schokolade trösten für ein paar

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