Rems-Murr-Kreis

Warum frisst sich Corona so durchs Land? Wie steht der Rems-Murr-Kreis im Vergleich zu anderen Kreisen da?

corona-5174671_1920 - rot-Logo-ohne Text Kopie
Corona im Rems-Murr-Kreis (Symbolbild). © Montage Fotolia/Habermann

Warum haben manche Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg weit über 200 oder sogar 300 Corona-Infizierte je 100.000 Einwohner und andere viel weniger? Stecken Ballungszentren das Umland mit an? Liegt es an der Effizienz der Kontakte-Nachverfolgung? Ist die Einstellung der Bevölkerung maßgeblich? Oder sind gar Superspreader-Ereignisse schuld? Und was ist mit dem Rems-Murr-Kreis? Begeben wir uns auf die Suche nach Antworten.

Im Sommer war die Welt fast wieder in Ordnung. Die Sieben-Tage-Inzidenzen von Corona-Infizierten je 100.000 Einwohner flauten im Juni und Juli ab. Dann schien es, Reiserückkehrer würden die Zahlen Ende August und September zwar ein wenig nach oben treiben. Dennoch hörten sich für viele die Mahnungen der Experten, dass uns eine krasse zweite Welle im Herbst und Winter bevorstehe, wie aus der Zeit gefallener Pastoren-Sermon an.

Erst Ende Oktober ging es merklich nach oben mit den Infektionszahlen. Am 24. September lag die Sieben-Tage-Inzidenz auf ganz Baden-Württemberg betrachtet bei durchschnittlichen 12 und am 5. Oktober bei immer noch geradezu läppisch anmutenden 16. Erst am 27. Oktober begann das Landesgesundheitsamt aus aktuellem Anlass in seinen Statistiken sich wieder eingehender mit den Inzidenzen zu befassen. Über 35 je 100.000 Einwohner (Ü35) lagen damals fünf Kreise, in den Ü50-Bereich waren schon 26 gelangt. Zwölf Kreise hatten die Ü100-Grenze überschritten. Der Rems-Murr-Kreis lag bei 89.

Der November war der Monat der rasanten Anstiege. Am 3. Dezember überschritten die ersten drei Kreise die Ü200 (Landkreis Calw, Stadtkreis Mannheim, Stadtkreis Pforzheim). 30 Kreise waren Ü100, die anderen elf Kreise Ü50. Im Rems-Murr-Kreis betrug die Inzidenz schon 159. Der Stadtkreis Pforzheim hatte den Inzidenzwert 271 erreicht. Die kritische Lage zwang die Landesregierung zu ihrer Hotspotkreis-Strategie: Jeder Kreis, der an drei Tagen hintereinander auf eine Ü200-Inzidenz kommen würde, sollte verschärfende Maßnahmen ergreifen.

Die weitere Entwicklung ist in groben Zügen hinlänglich bekannt. Doch betrachtet man ab da die krasse Dynamik der Pandemie in verschiedenen Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg, so scheint es trotzdem jetzt, Mitte Dezember, da der landesweite Inzidenzen-Durchschnitt bei 191 (16.12.) liegt, immer noch Inseln der Glückseligen zu geben. Ist diese Behauptung nach näherer Betrachtung haltbar?

Gibt es Inseln der Glückseligen in Baden-Württemberg?

In den einzelnen Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs gibt es natürlich auch jetzt weiterhin kleine Kommunen mit nur wenig bis gar keinen positiv Getesteten in Quarantäne, die in den Statistiken auftauchen. Im Rems-Murr-Kreis zum Beispiel Althütte oder Kaisersbach. In einer Pandemie heißt es aber: Mitgegangen, mitgefangen. Der Lockdown seit Mittwoch (16.12.) gilt für alle, denn bei zu großer Mobilität und zu vielen Kontakten hat es das Virus leichter, es auch noch bis in das hinterste Dorf zu schaffen.

Der Landkreis Sigmaringen dümpelte Ende Oktober noch bei einer Inzidenz zwischen 60 und 53 herum, hatte dann bis Anfang November Anstiege auf über 90, fiel Ende November aber auf sage und schreibe unter 50 zurück. In den Nachbarkreisen Schwarzwald-Baar (Villingen-Schwenningen) und Tuttlingen gingen die Inzidenzen-Kurven indes längst steil nach oben und hatten die Ü200-Grenze überschritten.

Der Sigmaringer Kreis-Pressesprecher Tobias Kolbeck sagte damals dieser Zeitung: „Auch bei uns ist das Infektionsgeschehen diffus. Es ist womöglich nur eine Frage der Zeit, bis die noch dynamischere Entwicklung der Nachbarn zu uns herüberschwappt. Da langt ja manchmal ein kleiner Funke.“

Und siehe da von 47 am 3. Dezember ging es im Landkreis Sigmaringen mit der Inzidenz "hoch" auf 133 am 16. Dezember. Sicherlich noch ein verhältnismäßig geringer Wert im Zuge dieses Corona-Winters. Eine Insel der Glückseligen sei der Landkreis Sigmaringen aber trotzdem nicht, so der stellvertretende Kreis-Pressesprecher Fabian Oswald heute (17.12.). Das Gesundheitsamt und die Ärzteschaft hätten trotzdem alle Hände voll zu tun, und die fast 40 Covid-19-Todesfälle seien 40 zuviel. 35 davon waren während der ersten Pandemie-Welle bis Ende Mai im Landkreis Sigmaringen zu beklagen.

Auch der benachbarte Landkreis Konstanz und der Bodenseekreis sind, was die Inzidenzen-Entwicklung angeht, vergleichsweise langsam unterwegs.

Der Bodenseekreis war erst am 12. November Ü100. Die dortige Inzidenz sank zum 7. Dezember sogar auf 73 und lag jetzt am 16. Dezember bei 143.

Der LK Konstanz hatte zwar mit 140 am 9. November vorerst eine Spitze erreicht. Am 16. Dezember lag die Inzidenz im Landkreis Konstanz jedoch bei „niedrigen“ 122.

Liegt es an der Effizienz der Kontakte-Nachverfolgung?

Sorgt die Bodensee-Luft für eine bessere Auflösung der virenbelasteten Aerosole? „Schön wär’s“, entgegnet Marlene Pellhammer, Pressesprecherin des LK Konstanz. „Es ist wirklich schwierig, zu sagen, woran es liegt. Wir glauben aber, dass die konsequente Kontakte-Nachverfolgung eine Facette ist, die dazu geführt, dass die Inzidenz-Entwicklung bei uns im Vergleich zu anderen Kreisen nicht so drastisch verlaufen ist bislang. Wir hatten vor einigen Wochen nur mal vier, fünf Tage, wo wir aufgrund der Masse etwas nachgehinkt sind bei der Kontakte-Nachverfolgung. Ansonsten läuft das wieder sehr sehr gut.“ Als Insel der Glückseligen sei aber der LK Konstanz trotzdem nicht zu bezeichnen. „Es ist eine Pandemie. Da stecken wir alle im Land drin. Und die Situation kann sich jederzeit dramatisch ändern“, so Marlene Pellhammer.

Je mehr Infizierte es gibt und je höher die Inzidenz steigt, desto größer wird auch die nötige Kraftanstrengung, um der Kontakte-Nachverfolgung Herr zu bleiben. Rund 60 Mitarbeiter des Konstanzer Landratsamtes beziehungsweise Gesundheitsamtes seien mit Unterstützung durch Zollbeamte derzeit mit der Kontakte-Nachverfolgung beschäftigt. Der Landkreis Konstanz habe rund 280.000 Einwohner (ein Drittel entfallen auf die Stadt). Damit kommt ein Kontakte-Nachverfolger auf 4666 Einwohner.

Kann man den LK Konstanz diesbezüglich mit dem Rems-Murr-Kreis vergleichen? Laut Statistischem Landesamt hat unser Landkreis 427.248 Einwohner. „Bei der Kontakte-Nachverfolgung übererfüllen wir in Zusammenarbeit mit den Kommunen die Vorgaben des Landes regelmäßig“, erläuterte Stefan Hein, Leiter des Corona-Krisenstabes im Landratsamt. Vorgegeben sind mindestens fünf Personen je 20.000 Einwohner. „Im Landratsamt helfen aber seit Wochen viel mehr Mitarbeiter aus vielen anderen Amtsbereichen dem Gesundheitsamt und auch viel mehr Mitarbeiter der Kommunen bei der Kontakte-Nachverfolgung. Zum Teil sechs, sieben oder acht in einem Ort, je nach Infektionslage“, sagt Hein. Ein Vergleich anzustrengen, sei deshalb kaum zielführend. Viel wichtiger sei der Blick auf die unterschiedlichen Bevölkerungsdichten, die Siedlungs- und Altersstrukturen und die Zahl der Einrichtungen mit Risikogruppen, findet Hein.

Ist die Einstellung der Bevölkerung maßgeblich?

„Woran unsere verhältnismäßig geringe Inzidenz liegt, ist schwer zu sagen“, sagt der Pressesprecher des Landkreises Sigmaringen, Fabian Oswald. „Es könnte aber sein, dass die Menschen vom Frühjahr gelernt haben, wo der Landkreis Sigmaringen einer der am schlimmsten betroffenen Kreise des Landes gewesen ist, mit einer Inzidenz von 252 Anfang April. Jetzt im Herbst und Winter waren und sind die Menschen womöglich sensibilisiert und disziplinierter, was die Einhaltung der Regeln und den Schutz der Risikogruppen angeht.“

Im Gegensatz dazu hatte sich im Nachbar-Landkreis Ende November der Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck öffentlich dahingehend geäußert, dass „die bisherigen Appelle, persönliche Kontakte drastisch einzuschränken, leider nicht überall auf fruchtbaren Boden gefallen“ seien. Nunmehr müsse nochmals verstärkt vor und in Super- und Baumärkten die Einhaltung der Corona-Auflagen kontrolliert werden. Da lag die Inzidenz in der Kreisstadt Tuttlingen bei über 300.

Freilich könnte es auch an der ländlichen Struktur des Kreises Sigmaringen liegen: „Wir haben nicht so viele große Einkaufsstraßen oder Einkaufszentren (wie etwa in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald-Baar-Kreis, Anm. d. Red.), und die Besiedlungsdichte ist auch nicht hoch“, sagt Oswald, der jedoch zu bedenken gibt, dass auch andere ländlichere Kreis trotzdem hohe Inzidenzzahlen hätten. Über Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen in benachbarten Kreisen sei also letztlich nur zu mutmaßen.

Sind Superspreader-Ereignisse schuld?

In den Pressestellen des Schwarzwald-Baar-Kreises und des Landkreises Tuttlingen sieht man keine eindeutigen Gründe für die dauerhaft hohe Verbreitungswucht des Coronavirus und die damit einhergehenden hohen Inzidenzen.

Ja, die Reiserückkehrer seien ein Problem gewesen. Und ja, es habe auch einzelne Superspreader-Ereignisse gegeben, etwa zwei Veranstaltungen einer Freikirche mit rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Schwenningen Ende Oktober. Über 80 Infektionen waren die Folge. Die Kontakte-Nachverfolgung gestaltete sich als äußerst schwierig, weil die Teilnehmerlisten teils unzureichend oder unleserlich geführt worden waren. Das städtische Ordnungsamt prüft immer noch (Stand: 17.12.), inwieweit auch sonstiges Fehlverhalten vorgelegen haben und bewiesen werden könnte und ob eventuell Bußgelder ausgesprochen werden können, bestätigte Pressesprecherin Oxana Brunner.

Der Tuttlinger Oberbürgermeister ist zudem Ende November ins öffentliche Gespräch mit den Verantwortlichen der muslimischen Moscheevereine getreten und appellierte an diese: „Unter den Infizierten waren zuletzt sehr viele türkische Mitbürger. Sie erreichen die Mitglieder Ihrer Community selber am besten.“ Die Moscheevereine wie Ditib und IGMG (Milli Görüs) gaben den Appell, die AHA-Regeln und Corona-Vorschriften gewissenhafter einzuhalten, per Videobotschaften an ihre Mitglieder weiter.

Allerdings ist die dynamische Entwicklung nicht nur mit Reiserückkehrern oder tatsächlichen oder mutmaßlichen Superspreader-Veranstaltungen religiöser Gruppen zu erklären, sagte Heike Frank, Pressesprecherin des Schwarzwald-Baar-Kreis-Landratsamtes: „Die Lage ist ehrlich gesagt sehr diffus.“

Manche Ballungszentren stecken das Umland mit an

In manchen Fällen scheint es so, dass Ballungszentren das Umland quasi mit anstecken. Die traurigen Inzidenz-Spitzenreiter Baden-Württembergs sind die Stadtkreise Pforzheim (348) und Heilbronn (349). Beide haben sehr wahrscheinlich für eine dynamischere Pandemie-Ausbreitung auch im Umland gesorgt.

Während die Inzidenzen im SK Heilbronn am 6. Dezember mit 279,6 zum dritten Mal in Folge Ü200 war und der SK Hotspotkreis wurde, ging im LK Heilbronn die Inzidenz zum ersten Mal auf Ü190, machte dann aber bis zum 9. Dezember den gewaltigen Sprung auf 298,6. Am 16. Dezember lagen die Inzidenzen im SK Heilbronn bei 349 und im LK Heilbronn bei etwas beruhigten, aber immer noch hohen 214.

Im SK Pforzheim und dem Enzkreis lief und läuft es ähnlich ab: Der SK hatte schon am 3. Dezember eine Inzidenz von 222, der Enzkreis „nur“ eine von 187. Am 7. Dezember war der SK Pforzheim schon zum zweiten Mal in Folge Ü300 und der Enzkreis zum ersten Mal Ü200. Das Umland des Ballungszentrums wurde dann auch in diesem Fall zum Hotspot. Am 16. Dezember hatte der SK Pforzheim eine Inzidenz von 348 und der Enzkreis eine von 316!

Bei anderen Ballungszentren ist das Umland „infizierter“

Es gibt gleichwohl Ballungszentren, die salopp gesagt nicht so ansteckend sind wie Heilbronn oder Pforzheim. Im Stadtkreis Stuttgart stöhnte man zwar zu Beginn der zweiten Corona-Welle unter den Belastungen und holte sich zwecks Infizierten-Kontakte-Nachverfolgung die Bundeswehr zur Hilfe. Die Inzidenzen in Stuttgart entwickelten sich im Vergleich zu den Umlandkreisen aber nicht so schnell: von 136 am 3. Dezember auf 171 am 16. Dezember.

Dies, während die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis schon am 3. Dezember auf 170 hochgegangen war und am 16. Dezember bei 226 lag.

Im Landkreis Ludwigsburg lagen die Inzidenzen an diesen beiden Tagen bei 119 und 165.

Im Landkreis Böblingen bei 118 und 151.

Im Landkreis Esslingen bei 161 und 186.

Muster sind da irgendwie nicht zu erkennen. Die Gründe, warum der Ballungsraum schlechthin, nämlich Stuttgart, und der Landkreis Ludwigsburg immer noch niedrigere Inzidenzen haben als der Rems-Murr-Kreis oder der Landkreis Böblingen, sind schleierhaft.

Im interkommunalen Vergleich innerhalb des Rems-Murr-Kreises deutet es jedoch zumindest darauf hin, dass Kommunen, in denen es S-Bahn-Stationen gibt, mehr Infizierte aufweisen. Aber das ist auch nur eine mutmaßende Deutung.

Leider ist die Corona-Lage landesweit tatsächlich diffus. Der Lockdown scheint deshalb um so mehr nötig gewesen zu sein.

Warum haben manche Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg weit über 200 oder sogar 300 Corona-Infizierte je 100.000 Einwohner und andere viel weniger? Stecken Ballungszentren das Umland mit an? Liegt es an der Effizienz der Kontakte-Nachverfolgung? Ist die Einstellung der Bevölkerung maßgeblich? Oder sind gar Superspreader-Ereignisse schuld? Und was ist mit dem Rems-Murr-Kreis? Begeben wir uns auf die Suche nach Antworten.

Im Sommer war die Welt fast wieder in Ordnung. Die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper