Rems-Murr-Kreis

Warum sich die Situation der Obdachlosen im Rems-Murr-Kreis über Weihnachten zuspitzt

obdachloser
Eine Parkbank als Heimstätte? Die Coronapandemie verschlimmert die Lage der Wohnungslosen, © Bernhardt

Sie haben keine Wohnung. Auf der Straße wohnen dürfen sie auch nicht. Die Coronapandemie und die Ausgangssperre haben die Not der Obdachlosen im Rems-Murr-Kreis verstärkt.

Wo bleiben die Obdachlosen, die auf der Straße leben, bei der coronabedingten Ausgangssperre?

„Uns sind als ambulante Wohnungslosenhilfe für den Rems-Murr-Kreis aktuell keine wohnungslosen Menschen bekannt, die draußen schlafen“, sagt Anton Heiser von der Erlacher Höhe. Er leitet die Abteilung ambulante Hilfen Rems-Murr. Trotzdem könne sich die Situation immer wieder ändern: „Wichtig ist, dass sich die Obdachlosen an die Kommune wenden, in der sie sich aktuell aufhalten.“ Nur dann könnten sie ordnungsrechtlich in einer Obdachlosenunterkunft untergebracht werden. „Wenn diese geschlossen wäre, muss die Polizei notunterbringen“, sagt Anton Heiser.

In Schorndorf, Waiblingen, Weinstadt, Fellbach und Welzheim sind keine Obdachlosen bekannt, die auf der Straße leben müssen, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung aus den Rathäusern. Sollten der Stadt Schorndorf Wohnungslose gemeldet werden, „versuchen wir aktiv mit Hilfe des Landratsamtes und der Caritas, auf diese Personen zuzugehen“, sagt Jörn Rieg von der Stadtverwaltung. „Wir bieten dann ein Bett in einer unserer Obdachlosenunterkünfte an.“

Die Erlacher Höhe rät Betroffenen wie besorgten Bürgern, in akuten Notlagen über die Notrufnummer 112 direkt den Rettungsdienst einzuschalten. „Leider hat es in der ersten Pandemiephase teils drastische Strafen für Personen gegeben, die sich im Freien aufhielten und kontrolliert wurden“, ergänzt Wolfgang Sartorius, der Leiter der Erlacher Höhe. Dies sei bundesweit beobachtet worden. „Diese Praxis kritisieren wir auf das Schärfste und hoffen, dass die Gerichte mit Augenmaß urteilen werden, wo es zu Verfahren kommt.“ Die Erlacher Höhe nennt es „per se unmöglich, wenn jemand ohne Wohnung sich notgedrungen auf der Straße aufhält und dann dafür belangt wird.“ Konkrete Beispiele kenne die Erlacher Höhe aus dem Ländle, zum Beispiel aus Stuttgart und Freudenstadt.

Gibt es genügend Notunterkünfte in den Städten und Gemeinden?

„Die Gemeinden sind verpflichtet, das Leben der Menschen, die sich in ihrem Wirkungskreis aufhalten, zu schützen“, weist Anton Heiser auf die Rechtslage hin. Das hieße, Obdachlose zum Schutz gegen Wind und Wetter unterzubringen – unabhängig von einer Platzzahl. Diese Verpflichtung nehmen die Städte und Gemeinden nach Ansicht der Erlacher Höhe auch ernst. Allerdings seien die Standards in den Obdachlosenunterkünften sehr unterschiedlich „und oftmals sehr einfach und nicht attraktiv“. So würden auch Mehrbettzimmer angeboten. Im Vordergrund stehe der Schutz gegen Wind und Wetter, das heißt Aufenthalts- und Schlafmöglichkeit sowie sanitäre Anlagen.

Die Stadt Welzheim stellt in einer Notunterkunft elf Zimmer für 34 Personen zur Verfügung. Momentan seien dort zehn Leute. Weinstadt hat zwei Unterkünfte in Schnait und Großheppach. Darüber hinaus werden einzelne Zimmer Obdachlosen zur Verfügung gestellt.

Waiblingen unterhält keine zentrale Unterbringung, sondern bringt Obdachlose nach Möglichkeit dezentral in Wohnraum aus dem städtischen Bestand unter. In Einzelfällen aber auch in Pensionen. Gleiches gilt für Schorndorf, wo es keine Notschlafstellen gibt, wohl aber vier Obdachlosenunterkünft emit insgesamt 82 Plätzen. „Hier sind sofort verfügbare Plätze vorhanden.“

Fellbach ist bestrebt, beispielsweise durch Zwangsräumungen von Obdachlosigkeit bedrohte Personen und Familien möglichst schnell in Notquartieren oder leerstehenden Wohnungen unterzubringen. Diese Notunterkünfte seien zunächst auf sechs Monate befristet.

Was machen Obdachlose, die partout in keine Notunterkunft wollen?

„Ich vermute, sie leben dann draußen, ohne ,sichtbar’ zu sein“, sagt Anton Heiser von der Erlacher Höhe. Er kenne jedoch niemand, der aktuell zwischen Rems und Murr „Platte macht“. Sie gingen eher in Großstädte wie Stuttgart, wo es „bessere“ und „wärmere“ Plätze gebe und mehr Menschen, die ähnlich leben, oft auch mit Hunden.

Oliver Conradt, der Leiter der Abteilung für Ordnungswesen bei der Stadt Waiblingen, verweist in solchen Fällen auf die Fachberatung der Erlacher Höhe. „Lehnen Betroffenen eine Unterbringung durch die Stadt generell ab, ist dies zu respektieren.“

Wie sieht es an Weihnachten und Neujahr aus?

Die Stadt Waiblingen werde auch in dieser Zeit eine Unterbringung gewährleisten, versichert Oliver Conradt. Mit einer Pension seien bereits Absprachen für Notfälle in den nächsten zwei Wochen getroffen worden, sofern in den städtischen Unterkünften nichts frei ist.

Die Stadt Schorndorf bietet wie in den Jahren zuvor einen Bereitschaftsdienst an, der Obdachlose an Weihnachten und Neujahr unterbringt.

In den Wohnheimen der Erlacher Höhe in Backnang darf weder Weihnachten noch Neujahr gefeiert werden. Im Haus Karla und Haus Friedrichstraße werden die Bewohner/-innen jedoch in ihren Wohngemeinschaften, also den Haushalten mit vier, fünf Personen, gemeinsam kochen. „Wir stellen ihnen dafür eine finanzielle Beteiligung für ein ,Festessen’ zur Verfügung“, sagt Anton Heißer. „Mehr dürfen wir aktuell nicht machen, sind aber natürlich für sie täglich erreichbar, auch persönlich.“

Für externe Hilfesuchende ist die Erlacher Höhe telefonisch oder nach Voranmeldung jeweils zwischen 17 und 18 Uhr täglich erreichbar, auch am Weihnachtsabend oder zu Silvester.

Ist Weihnachten für Obdachlose etwas Besonderes?

„Weihnachten hat in der Wohnungslosenhilfe einen hohen Stellenwert“, sagt Wolfgang Sartorius. „An diesen Tagen vermissen wohnungslose Menschen besonders schmerzlich, was sie oft nicht mehr haben: tragfähige Beziehungen und Familie unter einem sicheren Dach.“ Deshalb werde bei er Erlacher Höhe an vielen Orten in den Einrichtungen in ganz verschiedener Weise gefeiert. Heiser weist darauf hin, dass die Einrichtungen sich auch für alleinstehende Menschen öffnen, wie etwa bei „Weihnachten mit Herz“ in Calw, wo in manchen Jahren 200 Gäste gekommen seien. „Nun ist dies alles in diesem Pandemiejahr leider nicht möglich. Das bedauern wir sehr, sehen aber zugleich, dass die Kontaktvermeidung erste Priorität hat, als richtig an und tragen das mit“, sagt Wolfgang Sartorius.

Welche Hygienemaßnahmen werden in den Notunterkünften getroffen?

Die Schnelltests seien am Anlaufen, sagt Anton Heiser: Testmaterial müsse zur Verfügung gestellt werden, Testpersonal ausgebildet und eingesetzt werden können. Die Erlacher Höhe hat am vergangenen Sonntag ihren Wohnheimen eine asymptomische Testung bei allen Bewohnern und Mitarbeitenden auf freiwilliger Basis durchgeführt, bei etwa 30 bis 40 Personen. Die Erlacher Höhe habe darüber hinaus eine ärztliche Praxis vor Ort, die sowohl die Einrichtung in Backnang, als auch sozial benachteiligte Menschen unterstützt. So seien schnelle Absprachen möglich, um Bewohner zeitnah mit einem Test oder Schnelltest versorgen zu können.

In Schorndorf wurden in den Sammelunterkünften Desinfektionsspender aufgestellt und Masken bereitgelegt. Über einzelne Hygienemaßnahmen hinaus hat die Stadt Weinstadt die Belegung so weit entzerrt, dass nicht zu viele Personen in einem Zimmer untergebracht sind.

Die Erlacher Höhe hält es jedoch generell für schwierig, in den Obdachlosenunterkünften Hygienemaßnahmen umzusetzen. Es liege in der Verantwortung der Kommunen, als Ortspolizeibehörden sicherzustellen, dass auch in Obdächern die Corona-Verordnung und der Infektionsschutz umgesetzt werden.

Wie ist die Situation von Obdachlosen ganz generell in Coronazeiten und jetzt im Lockdown?

„Schwierig.“ Anton Heiser genügt ein Wort, um die Lage zu beschreiben. Behörden seien schwer zu erreichen oder gar nicht, zumal einige Rathäuser bereits seit vergangener Woche geschlossen und nur über Call-Center erreichbar seien. „Man braucht viel Geduld und Internetkapazitäten auf dem Smartphone“, sagt Heiser. Die Erlacher Höhe sieht sich als diakonische Einrichtung gefordert, die Wege per Mail und Telefonat zu ebenen, um die Anliegen und die Anträge der Betroffenen zeitnah umsetzen zu können.

Für die Menschen ist der Lockdown hart: Sie seien empfindlicher, einsamer, psychisch instabiler und deutlich gereizter geworden, stellt Heiser fest. „Sie wollen endlich wieder ,normal’ leben, nicht skypen oder telefonieren, sondern direkte Kontakte und die Berater persönlich treffen.“ Das betreffe hauptsächlich die aufsuchende Arbeit, bei der Erlacher Höhe etwa 70 Personen. Sie werden in ihren Mietwohnungen betreut, um den Wohnungsverlust zu verhindern.

Auch die Mittagstische, das EH-Mobil oder Beratungen in kirchlichen Räumen befinden sich im Lockdown: „Keine günstigen Mittagessen, kein Erleben von Gemeinschaft und Geselligkeit, dafür Isolation und Vereinsamung, das belastet die betroffenen Menschen und das belastet auch uns als Helfende.“ Als positiv wertet die Erlacher Höhe indes die „hohe Sensibilisierung der Bevölkerung“. Es gebe viele Anfragen, wie sie die Erlacher Höhe als sozialer Träger unterstützen oder was sie direkt den Betroffenen zukommen lassen können. „Wir bekommen materielle Geschenke zur Weitergabe, Geldspenden zur Weitergabe, viel Zuspruch und Anteilnahme für die Menschen in Not.“

Sind Obdachlose bereits positiv auf das Coronavirus getestet worden?

Weder in den Notunterkünften der Stadt Schorndorf noch in Welzheim, Weinstadt oder Waiblingen sind nach Auskunft der Rathäuser Covid-19-Infektionen aufgetreten.

Und auch nicht bei der Erlacher Höhe, verweist Wolfgang Sartorius auf die Reihentestungen im Auftrag des Landratsamts am Wochenende in der Wohnungslosenhilfe. Er bedankt sich beim Landratsamt und beim Roten Kreuz, die diese Tests ermöglicht haben. „Gott sei Dank“, so Sartorius, „ist bisher bei der Erlacher Höhe niemand an Covid-19 gestorben. Es ist ein ganz sehnlicher Wunsch, dass dies so bleibt.“

Wie ist die Lage auf der Erlacher Höhe?

Die Arbeit sei durch die Coronamaßnahmen eingeschränkt, etwa im Hinblick auf Gruppenangebote, bedauert Sartorius. „Viele Angebote wie zum Beispiel Tagesstätten, Mittagstische können derzeit nicht offen gehalten werden.“ Es sei spürbar, dass die Leute bei den Beratungen Angst haben, sich anzustecken, und deshalb Kontakte vermeiden. „Und leider erleben wir nach wir vor auch einzelne Personen, die quer denken, Corona für irreal und für eine böse Erfindung halten, mit der Bill Gates oder sonst wer die Welt und uns alle knechten will. Auch das macht unseren Mitarbeitenden das Arbeiten manchmal schwer.“

Sie haben keine Wohnung. Auf der Straße wohnen dürfen sie auch nicht. Die Coronapandemie und die Ausgangssperre haben die Not der Obdachlosen im Rems-Murr-Kreis verstärkt.

Wo bleiben die Obdachlosen, die auf der Straße leben, bei der coronabedingten Ausgangssperre?

„Uns sind als ambulante Wohnungslosenhilfe für den Rems-Murr-Kreis aktuell keine wohnungslosen Menschen bekannt, die draußen schlafen“, sagt Anton Heiser von der Erlacher Höhe. Er leitet

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