Rems-Murr-Kreis

Was bewegt Wladimir Putin? Wovor hat er Angst? Michael Blume liefert Antworten

Wladimir Putin mit Kyrill I.
Schulterschluss: Wladimir Putin und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill bei einem gemeinsamen Auftritt im Jahr 2013. © Alexander Zemlianichenko

Was bewegt Putin? Welche Rolle spielt Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche? Hat dieser Krieg auch eine judenfeindliche Eintrübung? Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, liefert Antworten über den Aggressor und seinen religiösen Verbündeten. Er unterhielt sich darüber im Facebook-Live-Talk mit Christian Gehring, dem CDU-Landtagsabgeordneten aus Rommelshausen.

Der Tisch und das Selfie: Worum es in diesem Krieg geht

Der Inszenierung dürfen wir glauben, ihre Botschaft ist glasklar. So lächerlich aus der Zeit gefallen, wie herübergeweht aus dem 19. Jahrhundert, uns die Szenerie anmuten mag – es ist kein Zufall, wenn wir dieser Tage Wladimir Putin am einen Ende eines albern langen Tisches sitzen sehen und seine mit Orden behangenen Unterlinge am anderen. So allgewaltig ist der Imperator, sagt das Bild, dass selbst die hochrangigsten Untergebenen möglichst weit weg von ihm aneinanderglucken wie verängstigte Mäuschen. Wer nicht sehen will, dass sich hier ein durch und durch antidemokratischer Machtanspruch ausdrückt, muss mit vorsätzlicher Blindheit geschlagen sein.

Ebenso klar ist die Bildsprache von Wolodymyr Selenskyj, dem demokratisch gewählten ukrainischen Präsidenten: Er pflegt vor der Kulisse Kiews die jedem jungen, urbanen, liberalen Menschen selbstverständlich geläufige Optik des Selfies. Ich bin einer von euch, ein Kind von Facebook und Instagram, ein Kind der Moderne.

Putins Angriffskrieg, legt Michael Blume nahe, ist auch eine Abwehrschlacht; die imperiale Logik hält die Stellung gegen die Liberalisierung in der Nachbarschaft.

Und Religion ist Putin dabei nichts als Verfügungsmasse.

Putin, der Antisemitismus und die scheinbaren Widersprüche

Die Ahnen der ukrainischen Juden von heute lebten im deutschsprachigen Raum; während der Zeit der „Kreuzzüge und Pestpogrome“ mussten viele von ihnen nach Osteuropa fliehen. Die jüdische Minderheit in der Ukraine – es sind die „Nachfahren von Leuten, die aus Deutschland vertrieben worden sind“. Putins Haltung zum Judentum mutet vorderhand widersprüchlich an.

Einerseits, berichtet Blume, hält sich der Imperator mit Ramsan Kadyrow, dem folternden und mordenden Beherrscher der tschetschenischen Sub-Republik, einen „absoluten Antisemiten“ als Verbündeten, der „alles Jüdische hasst“; einerseits stößt Putin in diesem Krieg auch 120 jüdische Waisenkinder in Todesgefahr, die aus Odessa, einer Stadt mit reicher jüdischer Tradition, grandios festgehalten in den Erzählungen Isaak Babels, evakuiert werden mussten nach Deutschland; einerseits setzt Putin Selenskyj auf die Todesliste, einen Mann aus jüdischer Familie.

Andererseits stellt derselbe Putin die „völlig bizarre“ Behauptung auf, es gehe in diesem Krieg, der nicht so genannt werden darf, um die „Entnazifizierung“ der Ukraine.

Wie passt das zusammen?

Die scheinbaren Widersprüche lösen sich in Luft auf, wenn man begreift: Putin „spielt mit Antisemitismus“, wenn es ihm nützt; Putin triggert die Erinnerung an den Weltkriegskampf gegen die Nazis, wenn es ihm zupasskommt. Imperiale Machtlogik.

Putin und der Patriarch: Vereint in ihrer Homophobie

Christian Gehring ist kirchenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion – er verweist auf die „widerwärtige Rolle“, die Kyrill I. spielt, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Kyrill bezeichnet die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“ und nennt den Ukraine-Überfall einen „Kampf, der keine physische, sondern eine metaphysische Bedeutung hat“; ein heiliger, ein himmlischer Krieg also.

Dass Putin und der Patriarch Seit’ an Seite stehen, enthüllt viel über beider Antriebskräfte. In einer Predigt hat Kyrill unlängst die „liberalen Werte“ gegeißelt, die in der Ukraine um sich greifen. Dort würden „Gay-Pride“-Demonstration abgehalten, „schwule Paraden“, um sich bei den westlichen Ländern anzubiedern und in ihren „Club aufgenommen zu werden“. Die Vielfalt sexueller Identitäten ist offenbar auch für Putin der Inbegriff westlich liberaler Dekadenz: Per Gesetz hat er Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen verboten und homosexuelle Aktivisten zu „ausländischen Agenten“ erklärt.

Ein Kampf gegen die Moderne

„Die russische Bevölkerung schrumpft“, sagt Blume, die Geburtenrate ist niedrig. Die Alten merken, dass ihnen „die Felle davonschwimmen“, viele Jüngere wandern aus.

Auch der Historiker Karl Schlögel, ein formidabler Kenner Osteuropas, hat auf diesen Mechanismus hingewiesen: Russland habe „nie den Schritt gemacht, sich neu aufzustellen“ und „zu modernisieren“; das sei „die Verantwortung Putins, er hat den offenen Raum zerstört, die Vertikale der Macht gestärkt“. Folge: „Millionen junger, tüchtiger und gebildeter Leute“ verließen das Land. „Noch nie“ habe es in Russland „so einen Exodus von Kreativität gegeben wie in den letzten 20 Jahren“.

Putins Bedrohung ist nicht die Nato. Die Bedrohung für ihn wie für Kyrill liegt darin, dass in der Ukraine eine – bislang noch sehr unvollkommene, fragile – Demokratisierung weiter voranschreiten könnte und zum Vorbild vieler junger Russen werden könnte. Eine „moderne Gesellschaft vor der eigenen Haustür“, das ist „Putins Angst“, sagt Michael Blume, und „die teilt Kyrill“. Sie führten einen „verzweifelten Kampf gegen Demokratisierung und Modernisierung“.

Putin werde ihn verlieren, glaubt Michael Blume. Aber vorher könne er „unfassbar Schaden anrichten“.

Was bewegt Putin? Welche Rolle spielt Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche? Hat dieser Krieg auch eine judenfeindliche Eintrübung? Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, liefert Antworten über den Aggressor und seinen religiösen Verbündeten. Er unterhielt sich darüber im Facebook-Live-Talk mit Christian Gehring, dem CDU-Landtagsabgeordneten aus Rommelshausen.

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