Rems-Murr-Kreis

Was Kultur wirklich wert ist: Der Fall Schorndorf

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IDLES
Meine Güte, wie uns das fehlt - Konzerte, bei denen der Punk abgeht, hier zum Beispiel in der Schorndorfer Manufaktur. © Gaby Schneider
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Manufaktur
Schorndorfer Kulturschaffende am Krisentisch (von links): Bärbel Roenick-Stegmüller und Hans-Dieter März vom Kulturforum, Ute Assef und Soran Assef vom Figurentheater Phoenix), Milo Tadic und Andrea Kostka von der Manufaktur. Im blauen T-Shirt: ZVW-Redakteur Mathias Schwardt. © Benjamin Büttner

Vordergründig geht es nur ums Geld. Wegen der Coronakrise sind in Schorndorf auch bei der Kultur Kürzungen geplant. Logisch, dass die Betroffenen, Manufaktur und Kulturforum, dagegen ankämpfen. Doch dahinter steckt mehr. Es geht um die Frage, welche Bedeutung Kultur für die Gesellschaft hat, gerade in Zeiten der Not.

Man kann es sich einfach machen und sagen: Die Kommunen sind wegen Corona in finanzieller Schieflage, also müssen sie sparen. Die Schorndorfer Stadtverwaltung und der Gemeinderat haben in der Haushaltsstrukturkommission jüngst ein Paket von rund 150 Einzelposten geschnürt, um im Jahr 2021 drei bis 3,5 Millionen Euro der laufenden Kosten zu reduzieren. Ermöglicht werden soll das durch Steuererhöhungen und höhere Eintrittspreise unter anderem für Bäder sowie durch zahlreiche Kürzungen.

Kultur-Zuschüsse erst erhöht und jetzt wieder gekürzt?

Was die Kultur angeht, gibt es in Schorndorf aber eine Besonderheit. Erst im vergangenen Jahr beschloss der Gemeinderat die Erhöhung der Zuschüsse für Kultureinrichtungen für 2020 bis 2022. Für die Manu gab’s zehn Prozent mehr (jetzt insgesamt 220 000 Euro), für das Kulturforum sieben (inklusive Galerie jetzt 359 000 Euro) und für das kleine Figurentheater Phoenix ein Plus von rund 8,5 Prozent (jetzt 74 000 Euro). Nun aber soll’s laut Plänen im kommenden Jahr bei den beiden Vereinen, die auch Festangestellte beschäftigen, schon wieder abwärtsgehen.

Angedacht ist eine Kürzung bei der Manu um fünf Prozent. Doch dabei bliebe es nicht, ärgert sich Geschäftsführerin Andrea Kostka. Denn der Club erhält für jeden Euro der Stadt noch zusätzlich 50 Cent vom Land. Somit betrügen die Gesamteinbußen also 7,5 Prozent.

Schlimmer noch träfe es das Kulturforum, rechnet die Vorsitzende Bärbel Roenick-Stegmüller vor. Weil es gleich von mehreren Punkten betroffen wäre, würden die Kürzungen knapp 14 Prozent ausmachen. „Damit wäre bei uns in der Summe deutlich mehr zurückgenommen, als wir bei der Erhöhung der Zuschüsse 2019 bekommen haben.“

Kritik: Bislang kein Dialog mit den Gemeinderäten

Entscheiden über das Sparpaket wird der Schorndorfer Gemeinderat am 21. Juli. Die Zeit bis dahin wollen die Verantwortlichen von Manufaktur, Kulturforum und Phoenix, das nicht von Kürzungen betroffen wäre, sich aber solidarisch zeigt, nutzen, um die Einschnitte bei der Kultur noch zu verhindern. Dafür suchen sie den Dialog mit den Räten. Denn der habe bislang nicht stattgefunden, bemängelt etwa Soran Assef, der das Phoenix zusammen mit seiner Frau Ute leitet.

Was den Betroffenen sauer aufstößt, ist, dass der Wert von Kultur nur rein monetär gemessen werde. „Sie hat aber nichts zu tun mit Wirtschaftszyklen“, stellt Milo Tadic, Vorsitzender des Manu-Vereins, klar. „Kultur ist wie Sauerstoff. Den brauchst du als Gesellschaft.“

Gerade in der Coronazeit habe doch jeder am erfahren, was es bedeutet, wenn es plötzlich keine kulturellen Veranstaltungen mehr gibt, fügt Geschäftsführerin Kostka hinzu. Das Stichwort für Soran Assef: „Kreativität wird einfach wenig honoriert. Wir arbeiten mit der wichtigsten Ressource, die es gibt: der Fantasie.“

Schorndorf als Leuchtturm der Kultur - wirklich?

Dabei habe er Schorndorf in der Tat als den vielgelobten Leuchtturm der Kultur kennengelernt, sagt Tadic. Es seien hervorragende Entscheidungen für die Unabhängigkeit von Künstlern und Einrichtungen getroffen worden. Doch jetzt „kommt mir das vor wie fortlaufendes Controlling“. Das sei stadtpolitisch fatal und kulturpolitisch zu kurzfristig gedacht.

Aber ist das nicht zu dick aufgetragen? Die Kultur in Schorndorf soll ja nicht abgeschafft werden. Wenn überall gekürzt wird, warum nicht auch bei der Kultur? Natürlich haben die Kritiker solche Fragen erwartet - und kontern mit Argumenten aus dem Ökonomie-Lehrbuch. Politik müsse verlässlich sein, betont Tadic. Als ordentliche Kaufleute „kalkulieren wir mit den Zuschüssen“. Das werde nun untergraben.

So ein Kulturbetrieb sei ja ein Gesamtpaket, erläutert Bärbel Roenick-Stegmüller vom Kulturforum. Sicher, es gibt derzeit keine Veranstaltungen. „Aber die Fixkosten bleiben.“ So verlange die Stadt Schorndorf anders etwa als Waiblingen und Stuttgart trotz des Ausfalls dieselbe Miete für die Räumlichkeiten wie vor Corona. Auch andere finanzielle Unterstützung gebe es nicht.

Somit „gehen die Kürzungen zulasten des Budgets für Veranstaltungen und Ausstellungen“. Und das wiederum sei schlecht für die Künstler, so die Phoenix-Chefs. Auch sie selbst bräuchten Auftrittsorte. Ute Assef: „Wir sind Bühnenkünstler und Produzenten, uns sind schon 40 Prozent Einnahmen weggefallen.“

Ausfall größerer Veranstaltungen führt zu weiteren Einbußen

Dabei gehe es in der Kultur ja nicht zuvorderst um kommerzielle Gesichtspunkte, so Tadic. Den Programmstart im Manu-Biergarten sieht er wegen der positiven Rückmeldungen als großen Erfolg – obwohl wegen Corona nur 99 Zuschauerplätze zur Verfügung standen.

Das Ziel sei weiterhin, Veranstaltungen zu stemmen. Das Problem ist laut Kostka nur, dass größere Events wie Discos nicht so bald möglich sind und es somit weitere finanzielle Einbußen gibt.

Bärbel Roenick-Stegmüller kritisiert als ehemalige Gemeinderätin, dass am 21. Juli über ein Sparpaket von 150 Posten abgestimmt werden soll. Die Gemeinderäte, alles Ehrenamtliche, seien überfordert. Wer habe schon die Zeit, so viele Punkte zu überblicken und zu diskutieren? Darin liege aber auch eine Strategie der Stadtverwaltung, um die Pläne durchzubekommen.

Beim Blick auf den Wert der Kultur ist Tadic noch eines sehr wichtig: Bund und Land hätten die Zeichen der Zeit durchaus erkannt. Städte und Gemeinden bekämen vom Bund 50 Prozent der wegen Corona entgangenen Gewerbesteuereinnahmen zurück. „Aber mit der klaren Ansage, die kommunale Kultur zu fördern.“ Und das passt, so die Schorndorfer, nicht mit Zuschusskürzungen zusammen.

Vordergründig geht es nur ums Geld. Wegen der Coronakrise sind in Schorndorf auch bei der Kultur Kürzungen geplant. Logisch, dass die Betroffenen, Manufaktur und Kulturforum, dagegen ankämpfen. Doch dahinter steckt mehr. Es geht um die Frage, welche Bedeutung Kultur für die Gesellschaft hat, gerade in Zeiten der Not.

Man kann es sich einfach machen und sagen: Die Kommunen sind wegen Corona in finanzieller Schieflage, also müssen sie sparen. Die Schorndorfer Stadtverwaltung und der

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