Rems-Murr-Kreis

Was war da los? Kalksturm im Winnender Wald

Wald kalken
Hier bläst der große Unimog das Kalk-Holzasche-Gemisch zwischen die Bäume. Solch ein Gefährt gibt es übrigens nicht von der Stange: Dienstleister Lukas Schmidt aus der Oberpfalz hat selbst getüftelt. © ALEXANDRA PALMIZI

Nein, von Einsamkeit und absoluter Ruhe im Winnender Wald kann zumindest in der Nähe vom Schelmenholz wirklich niemand reden. Da tummeln sich die Leute. Aber was diese Tage im Forst hinter der Forchenwaldstraße los ist, das hat noch nie gesehene Qualitäten: Da fährt ein Fünf-Achser-Laster den schmalen Waldweg lang, dass rechts und links kein Platz mehr ist. Und dann kommt dieser Unimog. Ein riesiger Aufbau hinten drauf: Ladefläche und, ja was? Ein Föhn?

Ein Schwall Luft bläst fein vermahlenen Kalk in die Bäume

Tatsächlich, das Riesenteil funktioniert wie ein Haartrockner, sagt Jürgen Baumann vom Forstamt Rems-Murr. Ein Schwall Luft, Sturmstärke, bläst nämlich in die Bäume. Mit nimmt der Strom ganz fein vermahlenen Kalk, gemischt mit Holzasche. Der Wald soll klimafest, stark und vital gemacht werden.

Im Juli schon war das Kreisforstamt unterwegs, um den Wald zu kalken. Damals flog ein Hubschrauber übers unwegsame Gelände. Jetzt sind die Flächen dran, die befahrbar sind. Na ja, mehr oder weniger. Das riesige Geländefahrzeug kann natürlich nicht zwischen die Bäume. Der Unimog bleibt auf den Waldwegen und Rückegassen, die so ungefähr alle 40 bis 50 Meter durch die Flächen schneiden. Das reicht: Der Föhn bläst den Kalk bis zu 60 Meter weit.

Wer mit einem Windhauch Staub abbekommt, dem knirscht es zwischen den Zähnen. Ansonsten ist das Ganze in keiner Weise gefährlich. Nicht mal der zarte Regenwurm nimmt Schaden: Der Kalk, ein Kalziumcarbonat mit Magnesium, ist, anders als Löschkalk, nicht ätzend. Und auf einen Quadratmeter werden höchstens 300 Gramm verteilt. Das ist gerade mal eine Handvoll. Das Reh, das im Unterholz ruht, wird sich sowieso rechtzeitig hinwegbegeben – der Unimog ist laut und langsam.

Nach einem genauen Raster: Das Forstamt hat Bodenproben gezogen

Bevor der Kalksturm im Wald entfacht wird, ist schon viel Vorarbeit geleistet worden: Das Forstamt hat die Böden beprobt. Und so wird nach der Analyse auch differenziert – hier, im Schelmenholz, kommen eben nicht nur 3,1 Tonnen Kalk auf den Hektar, sondern zusätzlich wehen noch 1,3 Tonnen Holzasche durch die Bäume. Die bringt die Nährstoffe wieder zurück, die durch Baumschlag dem Wald entzogen wurden. Phosphor, Kali und Kalzium zum Beispiel. Eine Düngung aber im Sinne eines Leistungsbeschleunigers ist die Mischung nicht. Das ist im Wald nicht erwünscht.

Wozu das Ganze, das in diesem Jahr eine halbe Million Euro im Wald verstreut? Der Waldboden, sagt Jürgen Baumann, speichert Schadstoffe aus den letzten hundert Jahren. Schwefelsäure zum Beispiel. Die ist zusammen mit dem sauren Regen bekanntgeworden, der vor vielen Jahren fürs Waldsterben verantwortlich gemacht wurde. Im Boden tut sie genauso wenig Gutes. Mit der Kalkung soll der Boden wieder dem Zustand angenähert werden, den er vor der Industrialisierung mal hatte. Gekalkt wird alle zehn bis 15 Jahre und in diesem Jahr war das Forstamt auch schon bei Sulzbach, Murrhardt, Allmersbach und Rudersberg. Kirchberg kommt noch dran.

Durch den Kalk kann der Boden das Wasser besser speichern

Die Kalkung, sagt Jürgen Baumann, schützt den Wald auch vor den Hitzesommern, denen in den letzten drei Jahren so viele Bäume zum Opfer gefallen sind. Vor allem die beliebten, uralten Buchen. Zum einen kann gekalkter Boden das Wasser besser halten. Zum zweiten können die Bäume dank des Kalks die Verdunstung des Wassers, das wegen des gesunkenen Grundwasserspiegels ein so rares Gut geworden ist, besser regeln. Die Bäume können dann nämlich die feinen Verdunstungsritzen auf der Blattunterseite besser schließen und verlieren weniger Feuchtigkeit. Feuchtbiotope oder Magerwiesen werden im Übrigen beim Kalken sorgsam ausgespart.

90 Prozent der Nettokosten bekommen die Städte und Gemeinden von der EU ersetzt. Und auch Privatwaldbesitzer würden gefördert. Und vom Forstamt diesbezüglich bestens beraten. Doch die meisten wollen nicht. Jürgen Baumann bedauert’s.

Nein, von Einsamkeit und absoluter Ruhe im Winnender Wald kann zumindest in der Nähe vom Schelmenholz wirklich niemand reden. Da tummeln sich die Leute. Aber was diese Tage im Forst hinter der Forchenwaldstraße los ist, das hat noch nie gesehene Qualitäten: Da fährt ein Fünf-Achser-Laster den schmalen Waldweg lang, dass rechts und links kein Platz mehr ist. Und dann kommt dieser Unimog. Ein riesiger Aufbau hinten drauf: Ladefläche und, ja was? Ein Föhn?

Ein Schwall Luft bläst fein

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