Rems-Murr-Kreis

Wasserstoff-Strategie im Rems-Murr-Kreis: Technologie der Zukunft oder Irrweg?

Wasserstoff kehrmaschine
Wasserstoff tanken – das nächste große Ding? © Benjamin Büttner

Es ist ein spektakuläres Projekt, ein Vorstoß in die technologische Zukunft, den Landkreis und Stadt da wagen: Wasserstoffbusse für Waiblingen, nebst Wasserstoffherstellung und Wasserstofftankstelle! Ein bahnbrechender Beitrag zur Energiewende? So sehen es viele. Es gibt aber auch habhafte Einwände.

Der Wasserstoffplan: Elektrolyseur, Tankstelle, Busse

Man nehme Strom aus erneuerbaren Energien wie Solar- und Windkraft, setze ihn ein, um via Elektrolyse in einem sogenannten Elektrolyseur Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu trennen, und nutze den Wasserstoff dann, um Busse via Brennstoffzellen anzutreiben. Man spricht da von „grünem Wasserstoff“, denn über einen Umweg fließen ja quasi Wind und Sonne in den Tank. Klingt super.

Genau so etwas soll es in Waiblingen geben, das Projekt ist der momentan wichtigste Baustein der sogenannten „Wasserstoffstrategie“ im Rems-Murr-Kreis. Der Testbetrieb soll Ende 2023 starten.

Für die Wasserstoffproduktion – also Bau und Betrieb der Elektrolyse-Anlage – gibt der Bund 5,2 Millionen Zuschuss, die verbleibenden 11,7 Millionen Euro Kosten für eine Laufzeit von zehn Jahren wollen sich Kreis und Stadt teilen.

Die Wasserstoffabnahme ist auch geregelt: Der Kreis will damit über zehn Jahre hinweg 17 Busse betanken, die im ÖPNV-Bereich Waiblingen/Fellbach unterwegs sind. Dafür würde der Landkreis insgesamt weitere 13,87 Millionen Euro einsetzen.

13,87 Millionen Euro – das klingt nach viel, relativiert sich aber deutlich, wenn man bedenkt: Die Menge, die da produziert wird, entspricht 6,3 Millionen Litern Diesel. Solch eine Spritmenge bekäme man für 13,87 Millionen Euro, wenn der Liter 2,20 kosten würde – aber wer glaubt allen Ernstes, dass in zwei, drei, fünf, zehn Jahren Benzin noch so billig zu haben sein wird?

Da die 17 Busse indes wohl nicht alles aufbrauchen, kann man den Rest des Wasserstoffs verkaufen an tankwillige Privatleute mit ihren Lkw und Pkw.

Klingt so weit alles ausgesprochen charmant. Dass aber auch Bedenken gären, hat neulich eine Sitzung im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages offenbart.

„Ich hab da kein so gutes Gefühl“: Bedenken gegen den Wasserstoff

Dr. Ronald Borkowski, Die Linke, fand: Im Vergleich zur batteriebetriebenen E-Mobilität sei die Wasserstoffvariante nur eine „Plan-B-Technik, um es mal vorsichtig auszudrücken“. Und wenn die 17 Busse gar nicht den ganzen Wasserstoff verbrauchen, den die Waiblinger Anlage produziert – wird es überhaupt wirklich genug weitere Kunden für ihn geben? Oder „bieten wir den dann wie Sauerbier an? Ich hab da kein so gutes Gefühl.“

Die Kritik, die Borkowski da eher schüchtern formulierte, kursiert in der Energie-Expertenszene schon lange. Ein gängiges Argument: Auf dem langen Weg von der Stromerzeugung via Solarpanel oder Windrad über die Elektrolyse bis zum Füllstutzen gingen bereits 60 Prozent der eingesetzten Energie verloren – und am Ende könne die Brennstoffzelle obendrein nur einen Teil des ankommenden Wasserstoffs in Antriebsstrom umsetzen. Der Gesamtwirkungsgrad der kompletten Wasserstoffkette sei kläglich im Vergleich zur batteriebetriebenen E-Mobilität.

„Mit dem grünen Strom, der für den Betrieb eines Wasserstoff-Brennstoffzellen-Fahrzeugs benötigt wird, können mindestens vier gleichwertige Fahrzeuge mit Batterie betrieben werden“, bringt es Ulf Bossel, einer der bundesweit profiliertesten Kritiker der Wasserstoffwirtschaft, auf den Punkt.

Auch Hermann Scheer zweifelte an der Wasserstoffstrategie

Große Zweifel am Game-Changer-Potenzial des Wasserstoffs im Kampf gegen die Klimakrise hegte auch schon der verstorbene Waiblinger Solarpapst Hermann Scheer (SPD), Träger des Alternativen Nobelpreises. Er schrieb einmal: „Jede Form erneuerbarer Energie ist vorzuziehen, die direkt und ohne den Umweg über Wasserstoff genutzt werden kann.“ Dass erst „die Primärenergie der Sonnenstrahlung oder des Windes in Strom umgewandelt wird“ und danach „mit dem Sekundärenergieträger Strom dann Wasserstoff hergestellt werden muss durch die elektrolytische Trennung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff“ – das fand er zu teuer und zu umständlich.

Vollends unsinnig werde es, wenn dann auch noch der „Tertiärenergieträger Wasserstoff“, damit er kostengünstig und gefahrlos transportiert werden kann, aufwendig runtergekühlt werden müsse, „bis er sich verflüssigt“. Dieses Problem immerhin würde sich in Waiblingen nicht stellen. Elektrolyseur, Tankstelle, Busse: alles schön dicht beieinander.

Wasserstoff: Gut für die Zukunft – aber noch nicht gegenwartstauglich?

Wasserstoff sei eine hervorragende Möglichkeit, um erneuerbare Energien zu speichern, und insofern bedeutend für die Zukunft: Das sagte dieser Tage der Experte Jann Binder vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg bei einem Vortrag in Schwaikheim. Das klänge glatt nach einem vorbehaltlosen Plädoyer für das Waiblinger Projekt – wenn Binder seinem Ja kein gewichtiges Aber hinterhergeschickt hätte: Die Produktion von grünem Wasserstoff ergebe dann Sinn, wenn man dafür überschüssigen Strom aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung habe. Daran aber hapert es immer noch gewaltig. Und deshalb: „Wir brauchen jetzt erst mal Fotovoltaik. Wir haben nicht genug davon!“

Unser fleißiger ZVW-Leserbriefschreiber Reinhard Muth aus Althütte hat das mal noch drastischer ausgedrückt: Wasserstoff sei der „Champagner der Energiewende“. Frei übersetzt: Muth hält es für Verschwendung, Ökostrom für die Wasserstoffproduktion zu verbraten, solange wir noch gar nicht genug Windräder und Solarmodule aufgestellt haben.

Ist das Waiblinger Projekt also ein Irrweg? Moment: Wenn unsere Gesellschaft sich weiterentwickeln will, muss sie auch mit Technologien, deren Zeit vielleicht erst übermorgen reif ist, schon heute praktische Erfahrungen sammeln; insofern ist die Wasserstofftankstelle eben doch ausgesprochen reizvoll.

Wasserstoffpläne fürs Wiesel vor dem Ende

Eine andere Säule der kreisweiten „Wasserstoffstrategie“ ist derweil quasi schon in sich zusammengestürzt: Aus dem Plan, Wasserstoffzüge auf der Wieslauftalbahn-Strecke einzusetzen, wird wohl nichts (dabei wirkte das Ganze mal fast schon wie beschlossene Sache). Eine Konzeptstudie der Hochschule Esslingen dazu ergab eindeutig: Batteriebetriebene Fahrzeuge böten gegenüber der Wasserstoffvariante „erhebliche Kostenvorteile“.

Es ist ein spektakuläres Projekt, ein Vorstoß in die technologische Zukunft, den Landkreis und Stadt da wagen: Wasserstoffbusse für Waiblingen, nebst Wasserstoffherstellung und Wasserstofftankstelle! Ein bahnbrechender Beitrag zur Energiewende? So sehen es viele. Es gibt aber auch habhafte Einwände.

Der Wasserstoffplan: Elektrolyseur, Tankstelle, Busse

Man nehme Strom aus erneuerbaren Energien wie Solar- und Windkraft, setze ihn ein, um via Elektrolyse in einem sogenannten

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