Rems-Murr-Kreis

Wein-Tourismus auch im Remstal: Worauf es wirklich ankommt

Wein
Symbolfoto. © ZVW/Gabriel Habermann

Was kann das Remstal von einem kleinen Dorf mit spektakulärer Kneipendichte namens Sasbachwalden lernen? Und was von Kirchheim am Neckar mit seinen Steillagen? Impulse zum Nachdenken liefert der baden-württembergische Weintourismus-Preis, der jetzt im Rommelshäuser Weingut Wilhelm Kern (mehr zu ihm hier) verliehen wurde.

Zum Beispiel Sasbachwalden: Wein-Tourismus, Ausbaustufe

Sasbachwalden ist ein dem Trinkgenuss und der Geselligkeit weit überdurchschnittlich zugeneigtes Dorf: Der etwa 30 Kilometer südwestlich von Baden-Baden gelegene Flecken hat zwar nur rund 2600 Einwohner, aber „20 ortsansässige gastronomische Betriebe“, wie es auf Wikipedia heißt. Das macht eine Wirtschaft pro 130 Leute. Hinzu kommen die Genossenschaft „Alde Gott“, zu der sich 380 Winzer zusammengeschlossen haben, das Weingut Königsrain und das Klostergut Schelzberg. Weinbau und Tourismus: Das sind die Haupterwerbszweige der Sasbachwaldener.

Jetzt haben sie bei einer kleinen Feier im Hof des Weinguts Kern einen der beiden Weintourismus-Preise Baden-Württemberg 2022 erhalten: für ihr neuestes Projekt, einen Weinkunstweg. Er schnürt auf drei Kilometern an Kunstwerken vorbei durch die Weinberge und führt zu einem speziellen Brunnen: Ein Fass mit Zapfhahn ist ins Mauerwerk eingelassen; wenn man aufdreht, ergießt sich ins Becken – oder noch besser in eine bereitgehaltene Flasche – kein Wasser, sondern Wein.

Zum Beispiel Kirchheim/Neckar: Wein-Tourismus, Steillage

Der andere Preisträger ist die „Weinjagd“ in Kirchheim am Neckar, eine Art Schatzsuche durch die Weinberge: Rätsel lösen, Codes knacken und am Ende einen Rosé, einen Weißen und einen Roten finden – Titel: „Rettet Rosa, Regina und Roberto!“

Tatsächlich geht es hier um Rettung. Die Kirchheimer Steillagen zu bewirtschaften, frisst enorm viel Zeit, Aufwand und Ertrag stehen in einem fatalen Verhältnis. Eigentümer gaben auf, Pächter standen nicht Schlange – die faszinierende Kulturlandschaft drohte vor die Hunde zu gehen.

Doch die Kirchheimer fanden einen Ausweg: Ein hauptamtliches Wengerter-Team arbeitet hier jetzt mit ehrenamtlicher Hilfe – und unter kommunaler Obhut! Lisa Riecker, Weinjagd-Erlebnisführerin, erzählt: Die Steillagen seien „für mich Heimat. Schon als Kind war ich da immer. Es liegt mir super am Herzen, dass man das erhält“.

Wein, Tourismus und die Suche nach dem „Unique Selling Point“

So. Und was lernen die Remstäler daraus? Vielleicht gar nicht so viel Neues. Ausgewiesene Weinorte haben wir ja auch. Aber die Preisverleihung machte zumindest mal wieder deutlich: Wein und Tourismus gehören heute zusammen wie Piggeldy und Frederick, Lennon und McCartney, Essig und Öl. Sie brauchen einander. Zu zweit sind sie viel besser als jeder für sich.

Wer Wein anbaut und verkauft, muss sein Gebiet ins Gespräch bringen und im Gespräch halten; es hilft, wenn die Gegend als touristisch attraktiv gilt. Für eine Region aber, die nicht mit der tiefsten Schlucht, dem höchsten Berg, dem größten Dom prahlen darf, kann der Wein, wie es im Wichtigwichtig-Jargon der Wirtschaftsexperten heißt, ein „USP“ sein. Unique Selling Point. Auf Deutsch: Alleinstellungsmerkmal. Etwas, das nicht alle haben.

„Absolut essenziell“ ist dabei „Zusammenarbeit“, sagt Andreas Braun von der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg. Gastronomen, Winzer, Künstler, Heimatforscher, Museumsleitungen, Gemeindeverwaltungen – sowohl in Sasbachwalden als auch in Kirchheim sind solche gemischten Teams am Werk.

Im Prinzip macht der Remstal Tourismus e. V. es auch nicht anders. Zitat aus der Homepage: „Unser Tourismusverein besteht aus rund 250 Mitgliedern unterschiedlichster Branchen und Zielsetzungen. Aber ein gemeinsames Ziel hält diesen Verbund zusammen: das Remstal zwischen Remseck und Essingen mit seiner attraktiven Vielfalt aus Weinbau, Gastronomie, Hotellerie und Freizeitwirtschaft überregional noch bekannter zu machen und die Wertschöpfung für alle zu erhöhen.“

Ist also das, was sich von Sasbachwalden und Kirchheim lernen ließe, im Grunde sowieso längst sattsam bekannt? Mag sein. Die Siegerbeispiele lehren aber auch: Es muss immer weitergehen. Es gilt, permanent zu arbeiten an der Schärfung des eigenen Profils. Denn was gestern noch als innovativ galt, ist heute schon ein alter Hut.

Wein und noch was dazu: Inflationäre Tendenzen

Googeln wir zum Beispiel mal das Wort „Weinwanderweg“: Unmassen Treffer! Von Fellbach über Beutelsbach bis Grunbach. Vom Schwarzwald bis zum Heilbronner Land. Vom konservativ formulierten Weinweg-Sachsen-Slogan („Auf jeder Etappe ein guter Tropfen“) bis zum enthemmt werbewahnsinnigen Zeichensetzungsmanierismus beim Weinweg Franken: „Wein.Schöner.Land!“

„Wein und Genuss“ von Mannheim bis Bammental. „Wein und Schokolade“ von Leipzig bis Hamburg. „Wein und Architektur“ vom Remstal bis zur Mosel. Wein- und Kulturtage Bottwartal, Wein- und Kulturzentrum Meersburg, Wein- und Kulturbar Dresden, Wein- und Kulturverein Kämpfelbach, Wein- und Kulturfreunde Merzig ... Patrick Rapp, Staatssekretär im Landesministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus, sagte in Rommelshausen: „Wir müssen fast aufpassen, dass wir nicht zu viel anbieten.“ Andererseits: So viel man auch hat, es geht immer noch mehr. Siehe Sasbachwalden.

Was kann das Remstal von einem kleinen Dorf mit spektakulärer Kneipendichte namens Sasbachwalden lernen? Und was von Kirchheim am Neckar mit seinen Steillagen? Impulse zum Nachdenken liefert der baden-württembergische Weintourismus-Preis, der jetzt im Rommelshäuser Weingut Wilhelm Kern (mehr zu ihm hier) verliehen wurde.

Zum Beispiel Sasbachwalden: Wein-Tourismus, Ausbaustufe

Sasbachwalden ist ein dem Trinkgenuss und der Geselligkeit weit überdurchschnittlich zugeneigtes

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