Rems-Murr-Kreis

Welche Rolle die Rems-Murr-Kandidaten im  Stuttgarter OB-Wahlkampf spielen - und gespielt haben

Wahlplakat Nopper
Frank Nopper ist sich schon ziemlich sicher, am 29. November von Backnang nach Stuttgart gewählt zu werden. © Benjamin Büttner

Nein, über die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart von 1996 mag Rainer Brechtken nicht reden. Und auch aus dem aktuellen OB-Wahlkampf hält sich der 75-Jährige als „Elder Statesman“ klug heraus. Was sich jedoch derzeit in Stuttgart abspielt, erinnert frappierend an die Wahlkämpfe von 1996 und 2004. Damals spielten zwei Remstäler eine entscheidende Rolle. Rainer Brechtken 1996 und Boris Palmer 2004 wurden zu Steigbügelhaltern des CDU-Kandidaten Wolfgang Schuster. Und 2020 mischt wieder einer aus dem Rems-Murr-Kreis im Stuttgarter Ränkespiel mit. Am Sonntag in einer Woche könnte der Backnanger Frank Nopper der lachende Dritte sein, weil sich Grüne, Sozialdemokraten und Linke nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen konnten.

Nopper schwebt auf Wolke sieben

Seit dem Wahlabend vor zwei Wochen ist dem Backnanger Oberbürgermeister und CDU-Kreisrat anzumerken, dass er Morgenluft wittert. 31,8 Prozent im ersten Wahlgang sind zwar kein fantastisches Ergebnis – waren aber genug, um das zersplitterte gegnerische Lager in arge Nöte zu bringen und Nopper in gehobene Stimmung zu versetzen. Die zeigte sich letzten Montag in einer Diskussion mit seinen Konkurrenten Hannes Rockenbauch und Marian Schreier. Kein Vergleich zu seinem verkrampften Auftritt in der großen Podiumsrunde zwei Wochen zuvor - zu erleben war ein ungewohnt fahriger, sich ans Mikrofon klammernder Frank Nopper.

Dank des Hochgefühls, im zweiten Wahlgang am 29. November als Favorit ins Rennen zu gehen, war Nopper der Nopper, wie wir ihn aus dem Kreistag und seinen sonstigen Auftritten im Rems-Murr-Kreis kennen. Ein Politiker, der vor Selbstbewusstsein birst und gern Attacke reitet. Typisch Nopper war seine Antwort auf die Frage, worauf er sich als Oberbürgermeister am meisten freue: „Das Volksfest.“ Seine Chancen stehen gut, im September 2021 auf dem Wasen nicht nur von unten zuschauen zu müssen, sondern auf der Bühne selbst den Holzhammer für den traditionellen Fassanstich schwingen zu dürfen.

Dass Wolfgang Schuster 1997 seinen ersten Cannstatter Wasen eröffnen durfte, hatte er nicht zuletzt dem Schorndorfer Rainer Brechtken zu verdanken. Erinnern wir uns. Wie heute gab es 1996 eine strukturelle Mehrheit links von der Mitte. Im ersten Wahlgang hatte der blasse CDU-Kandidat Wolfgang Schuster mit 35 Prozent die Nase vorn, dahinter ging der Grüne Rezzo Schlauch mit 30 Prozent über die Ziellinie und der spät in den Wahlkampf gestartete Landtagsabgeordnete Brechtken folgte abgeschlagen mit 22 Prozent auf Rang drei.

1996: Brechtken bleibt drin

Es war ein einfaches Rechenexempel. Wenn Brechtken zurückzieht und Schlauch empfiehlt ... Unser Redaktionsmitglied Peter Schwarz beschrieb die Lage anschaulich so: „Doch nun hebt ein Grummeln und Granteln an in der Führungsetage der SPD: Wie sieht das denn aus, wenn wir einem Alternativen in den Sattel helfen? Wir, die stolzen Sozis, Juniorpartner der Ökos? Schreckliche Schmach! Obendrein fühlt sich Brechtken der politischen Linie Schlauchs nicht nahe. Der Grüne wettert zum Beispiel gegen ein umstrittenes Bahnprojekt namens „Stuttgart 21“. Brechtken dagegen plädiert für den Tiefbahnhof, da ist er ganz bei CDU-Schuster.“

Der Ränkespiele im Hintergrund aber nicht genug. Aus dem Nichts tauchte ein weiterer OB-Kandidat mit SPD-Parteibuch auf, der Pforzheimer Oberbürgermeister Joachim Becker. Brechtken ließ sich von Becker nicht beirren und trat als treuer Parteisoldat erneut an. Zumal sich eben die politischen Gemeinsamkeiten mit dem Grünen Schlauch in engen Grenzen hielten. Ein großes Thema 1996 war die Verlagerung der Messe auf die Fildern – Brechtken war vehement dafür, die Grünen dagegen.

Das Wahlergebnis war sowohl für Becker mit drei Prozent wie auch für Brechtken (13 Prozent) ein Fiasko. Rezzo Schlauch, der von 1998 an in der rot-grünen Bundesregierung Karriere machen sollte, schaffte 39 Prozent und musste sich Schuster geschlagen geben (43 Prozent).

Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte zweimal, wusste Karl Marx: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Und so kam es, dass sich 2004 bei der Wiederwahl von Wolfgang Schuster die Grünen die Retourkutsche leisteten und Schuster den Chefsessel im Rathaus sicherten, obwohl ihn im ersten Wahlgang lediglich 43 Prozent der Wähler für den besten OB hielten. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Kumpf machte sich mit ihren 33 Prozent Hoffnungen, aus dem Bundestag ins Rathaus wechseln zu können.

Wenn, ja wenn Boris Palmer (21 Prozent) zurückzöge und seinen Wählern Kumpf ans Herz legte. In Berlin regierte (noch) eine Koalition aus SPD und Grünen. Der Remstäler erklärte tatsächlich: „Ich mache mich nicht durch eine aussichtslose Kandidatur im zweiten Wahlgang wie vor acht Jahren der SPD-Kandidat zum Kasper.“ Palmer setzte jedoch auf die Karte Schuster. „Ich rufe nicht zur Wahl von Herrn Schuster auf, aber meine Präferenz ist klar.“ Der hatte ihm nämlich versprochen, den Weg für eine Befragung der Stadtbürgerschaft freizumachen, sollte Stuttgart 21 deutlich teurer werden als geplant. Doch auf Schusters Wort war kein Verlass. S 21 wurde viel, viel kostspieliger. Als es mit einem Bürgerentscheid ernst wurde, hatte Schuster das Versprechen glatt vergessen. Ach ja, Palmers Winkelzug sicherte Schuster mit 52,3 Prozent die Wiederwahl.

Was passiert, wenn sich Geschichte ein drittes Mal zu wiederholen droht? Wir mutmaßen: Die Menschheit ist klüger geworden und hat von Tragödie und Farce die Nase voll. 2012 hatte ja auch niemand aus dem Rems-Murr-Kreis die Finger im Spiel. SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm zog, mit 15 Prozent klar abgeschlagen, ihre Kandidatur zugunsten des Grünen Fritz Kuhn (36,5 Prozent) zurück, um den von CDU, FDP und Freien Wählern unterstützten Sebastian Turner (34,5 Prozent) zu verhindern. Kuhn war dank SPD-Stimmen OB.

2020: Vorteil Nopper

Auf eine zweite Amtszeit hatte Fritz Kuhn keine Lust mehr. Und so scheint sich 2020 die Konstellation von 1996 in doppelter Hinsicht zu wiederholen. Erstens ist sich das sogenannte öko-soziale Lager nicht grün, und zweitens spielen die Sozialdemokraten erneut ihr eigenes Stück aus dem Tollhaus. Zu eins: Obwohl die vier Kandidaten des „öko-sozialen“ Lagers – Veronika Kienzle (Grüne, 17,2 Prozent), Marian Schreier („unabhängig“, aber mit SPD-Parteibuch, 15 Prozent), Hannes Rockenbauch (SÖS, 14 Prozent) und Martin Körner (fast zehn Prozent) – den CDU-Kandidaten Frank Nopper (31,8 Prozent) klar distanzierten, kann sich das Quartett nicht auf eine oder einen Gegenkandidaten einigen. Marian Schreier, mit einem für sein Alter überbordendes Selbstbewusstsein gesegnet, erklärt, er trete an – komme was wolle.

Zu zwei: Schreier brachte die Stuttgarter SPD in eine arge Zwickmühle. Soll sie den 30-Jährigen unterstützen, gegen den sie unlängst noch ein Parteiausschlussverfahren angestrengt hatte?

Und so kommt's, dass drei Kandidaten das Rennen unter sich ausmachen. Mit Vorteil für Frank Nopper. Wie nah sich Nopper dem Chefsessel im Stuttgarter Rathaus fühlt, ist bei jedem Auftritt zu spüren. Ihm, der die Große Kreisstadt Backnang zur „Murr-Metromopole“ adelte, wird für Nesenbach-City noch größere Worte finden.

Nein, über die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart von 1996 mag Rainer Brechtken nicht reden. Und auch aus dem aktuellen OB-Wahlkampf hält sich der 75-Jährige als „Elder Statesman“ klug heraus. Was sich jedoch derzeit in Stuttgart abspielt, erinnert frappierend an die Wahlkämpfe von 1996 und 2004. Damals spielten zwei Remstäler eine entscheidende Rolle. Rainer Brechtken 1996 und Boris Palmer 2004 wurden zu Steigbügelhaltern des CDU-Kandidaten Wolfgang Schuster. Und 2020 mischt wieder einer

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