Rems-Murr-Kreis

Welche Rolle spielt die britische Corona-Mutante? Befeuert sie die Inzidenz-Entwicklung und die Fallsterblichkeit?

Corona Mutation
Virologen sprechen von Varianten und nicht, wie der Volksmund, von Mutanten, denn allein die britische Variante birgt 17 Mutationen. © Pixabay

Studien und Erfahrungen aus Großbritannien weisen der britischen Corona-Mutante eine stärkere Verbreitungskraft als der Ursprungsvariante von Sars-CoV2 zu. „Sie ist noch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als die zuvor zirkulierenden Varianten und weist eine höhere Reproduktionszahl auf", so das RKI. Auch gebe es  Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit in allen Altersgruppen einhergeht. Ist dies alles auch für Baden-Württemberg zu belegen? Jein, weil statistische Angaben zu Corona-Mutanten besser nur mit Vorsicht zu betrachten sind. Warum?

Ein ausführlicher Fragenkatalog dieser Zeitung vom 10. März an alle 44 Stadt- und Landkreise Baden-Württembergs blieb bis vergangenen Montag zu einem Drittel komplett unbeantwortet, und die Hälfte der Antworten blieb leider ungenau. Aus vielen Pressestellen der Landratsämter und Gesundheitsämter hört man Folgendes: Man sei im Tagesgeschäft rettungslos überbelastet und schon mit der Kontakte-Nachverfolgung, Quarantäne-Anordnungen und dem Infektions-Meldewesen mehr als beschäftigt. So könne man umfangreiche Presseanfragen zur Coronavirus-Varianten gar nicht mehr beantworten.

Hinzu kommt: Obwohl die Landesregierung versprochen habe, dass von Anfang Februar an alle positiven PCR-Proben sequenziert, also genetisch auf Corona-Varianten untersucht werden, fände ein solches „Screening“ immer noch nicht flächendeckend statt. Die Sequenzierung sei aufwendig und teuer, auch die Labore kämen nicht damit hinterher. So könne es mitunter sogar sein, dass nach einem Ausbruch in einer Einrichtung von zum Beispiel 15 positiven PCR-Test-Proben nur acht sequenziert würden. Wenn dabei acht Coronavarianten-Nachweise herauskommen, spare man sich die restlichen sieben Sequenzierungen einfach, gehe aber davon aus, dass alle 15 Varianteninfektionen seien. Und positive Test-Proben von Einzelpersonen, die keinem Ausbruchsgeschehen zugeordnet werden können, die sequenziere man erst gar nicht. Es sei denn, das jeweilige Gesundheitsamt verlangt dies ausdrücklich.

Demnach sind alle statistischen Angaben mit Vorsicht zu genießen. Das Landesgesundheitsamt betont wohl auch deshalb regelmäßig in seinen Tagesberichten: Der Datensatz zu Corona-Varianten unterliege starken Verzerrungen, „da er gezielte Untersuchungen von Proben beinhaltet für den Verdacht auf Vorliegen einer VOC-(Variant of Concern)-Variante, die Anlass zur Sorge gibt“. Es lassen sich trotzdem untrügliche Spuren der Verbreitung der Corona-Mutanten entdecken und Rückschlüsse ziehen darauf, welche Rolle sie spielen.

Wie verbreitet sind die Corona-Mutanten mittlerweile im Land?

Virologen sprechen von Varianten und nicht von Mutanten, denn allein die britische Variante birgt 17 Mutationen.

Von Ende Dezember bis Sonntag wurden dem Landesgesundheitsamt (LGA) bislang insgesamt 16 702 Fälle mit Hinweisen auf das Vorliegen von VOC aus allen 44 Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs übermittelt. Bei 14 963 Fällen liegen Informationen zum Variantentyp vor, hierunter

  • 14 565 B.1.1.7 (britisch),
  • 369 B1.351 (südafrikanisch) und
  • 13 Fälle mit Verdacht auf B1.1.28 P1 (brasilianisch).

Seit 28. Dezember wurden insgesamt 1107 Ausbrüche mit 4893 Virusvarianten-Fällen an das LGA übermittelt hierunter 30 Ausbrüche in Pflegeheimen mit 165 Virusvarianten-Fällen, 23 Ausbrüche in Schulen mit insgesamt 116 Virusvarianten-Fällen und 89 Ausbrüche in Kindertagesstätten mit insgesamt 668 Virusvarianten-Fällen.

Aus den Angaben des LGA und den Rückmeldungen aus den Gesundheitsämtern von zwei Dritteln der 44 Kreise ergeben sich mehrere Schlussfolgerungen:

  • Die VOC machten gemäß der wie gesagt ungenauen Datenlage landesweit in der Kalenderwoche 10 (8. bis 14. März) bereits angeblich fast 68 Prozent der Corona-Infektionen aus. Tendenz steigend. Womöglich ist ihr Anteil längst größer.
  • Mit weitem Vorsprung am verbreitetsten ist die britische Variante.
  • Von den Virusvarianten-Ausbrüchen betroffen waren zu Beginn Altenpflegeheime, Sammelunterkünfte, Betriebe und zuletzt zunehmend aber auch Kindergärten und Schulen.

Wie ist die Lage im Rems-Murr-Kreis?

Im Rems-Murr-Kreis wurde bislang ausschließlich die britische Mutante nachgewiesen. Die entdeckten Ansteckungen und ihr Anteil an Neuinfektionen:

  • 6. bis 26. Februar: 505 Infektionen, davon 120 mit der GB-Variante (23,8 %).
  • 27. Februar bis 4. März: 165 Infektionen, davon 67 mit der GB-Variante (40,6 %).
  • 5. bis 10. März: 155 Infektionen, davon 88 mit Varianten (56,8 %).
  • 11. bis 17. März: 255 Infektionen, davon 133 mit der GB-Variante (52 %).

Coronavarianten-Ausbrüche in Einrichtungen hat es laut Juliane Jastram von der Pressestelle des Landratsamtes seit Februar auch schon im Rems-Murr-Kreis gegeben. Im Moment sei aber keiner der größeren Ausbrüche derzeit mehr aktiv.

  • In der Asylbewerber-Anschluss-Unterbringung in Kirchberg an der Murr: Dort waren zwei Familien betroffen und elf Personen mussten in Quarantäne.
  • In der Schorndorfer Fröbelschule: Lehrkräfte und Schülerschaft betroffen. Die Schule war deshalb geschlossen, sie ist aber bereits wieder geöffnet.
  • In der Kita Bangertstraße in Waiblingen-Neustadt: Kinder und Erzieherinnen betroffen, Einrichtung war geschlossen, sie ist aber bereits wieder geöffnet.
  • In der Grundschule Unterweissach: drei Schüler infiziert, entsprechende Klassen sind in Quarantäne.
  • Ansonsten gab es auch in mehreren anderen Schulen und Kitas im Rems-Murr-Kreis kleinere Coronavarianten-Ausbrüche und Verdachtsfälle, jedoch mussten lediglich einzelne Personen oder Klassen in Quarantäne. Um keine Panik bei den Eltern und Kindern zu schüren, wollen weder Landratsamt noch Schulamt die Namen der Einrichtungen nennen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Mutanten-Verbreitung und höherer Fallsterblichkeit?

Studien und Erfahrungen aus Großbritannien weisen der britischen Coronamutante eine stärkere Verbreitungskraft als der Ursprungsvariante von Sars-CoV2 zu. „Sie ist noch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als die zuvor zirkulierenden Varianten und weist eine höhere Reproduktionszahl auf, so dass ihre Ausbreitung schwerer einzudämmen ist. Es gibt Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit in allen Altersgruppen einhergeht“, teilt das Robert-Koch-Institut mit.

Die angeblich höhere Fallsterblichkeit ist für Baden-Württemberg jedoch (noch) nicht zu belegen. Die wenigstens der befragten 44 Stadt- und Landkreise konnten dazu etwas sagen.

Zwölf amtlich bekannte Covid-19-Sterbefälle hat es im Rems-Murr-Kreis in der Zeit 10. Februar bis 18. März gegeben, bei nur einem Verstorbenen gab es einen Virusvarianten-Nachweis (britische Variante): Im Landkreis Lörrach lag bei sieben von 18 Todesfällen im Zeitraum 23. Januar bis 18. März ein Virusvarianten-Nachweis vor, im Stadtkreis Stuttgart nur in einem Todesfall seit 30. Dezember: Der oder die Verstorbene war 79 Jahre alt, hatte Vorerkrankungen und sich die südafrikanische Corona-Variante eingefangen.

Das Beispiel Land- und Stadtkreis Karlsruhe zeigt jedoch, dass auch Menschen ab dem Alter von 45 tödlichen Krankheitsverläufen anheimfallen können: Hier wurden seit Anfang des Jahres zehn Todesfälle von Covid-19-Erkrankten bekannt, die sich die britische Variante eingefangen hatten. Ihre Geburtsjahre: 1926, 1928, 1932, 1932, 1939, 1940, 1959, 1975, 1982, 1984.

Und wie steht es um die Verbreitungsgeschwindigkeit der Mutanten? Lässt sich diese anhand der Inzidenz-Entwicklungen ersehen?

Ein Blick auf einige ausgewählte der 44 Stadt- und Landkreise offenbart, dass eine höhere Inzidenz auch höchstwahrscheinlich auf einen hohen Variantenanteil und größere Varianten-Ausbrüche in Einrichtungen hindeutet (Stand: Sonntag, 21. März):

  • Landkreis Böblingen: Inzidenz 59, Corona-Variantenanteil 43,9% vom 15. bis 19. März, derzeit ein Heim mit einem Ausbruchsgeschehen mit Nachweis einer britischen Mutation.
  • Landkreis Biberach: Inzidenz 75, Corona-Variantenanteil 60%, aktuell keine größeren Ausbrüche.
  • Enzkreis und Stadtkreis Pforzheim: Inzidenz 55 und 82, Corona-Variantenanteil in der KW10 79%, in der KW11 aber nur 29%, derzeit insgesamt 1113 Menschen als Kontaktperson 1 registriert. Wegen Ausbrüchen sind zwei Schulen und eine Kita geschlossen.
  • Alb-Donau-Kreis und Stadtkreis Ulm: Inzidenz 101 und 59, Corona-Variantenanteil 52%, aktuell kleinere Varianten-Ausbrüche in Schulen, Kitas, Betrieben.
  • Landkreis Emmendingen, Inzidenz 108, Corona-Variantenanteil in der KW10: 79%. Betroffen waren Altenpflegeheime und zuletzt zunehmend Kindergärten und Grundschulen. 416 Personen befinden sich in Quarantäne, bedingt vor allem durch Schulen und Kitas.
  • Landkreis Esslingen: Inzidenz 114, Corona-Variantenanteil schätzungsweise 58%; aktuell sind mindestens 357 Fälle mit bestätigter Virusvariante aktiv. Ausbrüche in Kitas, Schulen, Unternehmen, Arbeiterunterkünften, Kliniken.
  • Da in Mannheim (Inzidenz 145, Corona-Variantenanteil: KW8 54%, KW9 51%, KW10 40%) in Kitas verstärkt Anhäufungen von Corona-Fällen festgestellt worden seien und hierbei auch gehäuft Mutationen nachgewiesen wurden, hat die Stadt eine Schließung aller Kitas bis zum 1. April verfügt, „um das Infektionsgeschehen zu bremsen“, so die Mitteilung.

Studien und Erfahrungen aus Großbritannien weisen der britischen Corona-Mutante eine stärkere Verbreitungskraft als der Ursprungsvariante von Sars-CoV2 zu. „Sie ist noch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als die zuvor zirkulierenden Varianten und weist eine höhere Reproduktionszahl auf", so das RKI. Auch gebe es  Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit in allen Altersgruppen einhergeht. Ist dies alles auch für Baden-Württemberg zu belegen? Jein, weil

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