Rems-Murr-Kreis

Wenn es zu Hause Schläge setzt und Schlimmeres: Wie das Jugendamt vorgeht und welche Hilfen es gibt

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Andrea Bubeck und Erhard Keicher vom sozialen Dienst des Kreisjugendamts. © Ralph Steinemann Pressefoto

Nie schätzt eine(r) allein die Situation ein. Im Jugendamt beraten Teams nach Fällen von häuslicher Gewalt, wie man weiter vorgehen wird. Ist ein Kind akut gefährdet und muss deshalb sofort etwas passieren – oder handelt es sich um eine „unklare Situation“, und man wird zunächst mit allen Beteiligten, auch mit den Kindern, reden? Diese Ausgangssituationen sind klar zu unterscheiden, erklärt Erhard Keicher vom sozialen Dienst des Jugendamtes Rems-Murr.

Die Fachleute vom Jugendamt sind nicht zu beneiden um die Aufgabe, diese Einschätzungen vornehmen zu müssen. Sie könnten sich irren. Sollte etwas passieren, womit sie nicht gerechnet hatten, wird es heißen: Warum habt ihr nicht!

Dass man sich manchmal auf schmalem Grat bewegt, muss aushalten, wer sich für eine Aufgabe wie diese entschieden hat. Doch jagt im Jugendamt auch nicht eine dramatische Abwägungsrunde die nächste: Ruhig und mit viel Erfahrung im Rücken betrachtet man die Dinge und schaut, was am besten passt in welchem Fall.

Das Jugendamt setzt auf Zusammenarbeit mit den Eltern, auf Gespräche, Angebote, Unterstützung. Der soziale Dienst sieht sich als „Vermittler, Berater und Wächter“, sagt Andrea Bubeck, die in der Backnanger Dienststelle des Jugendamts arbeitet. „An erster Stelle steht das Kindeswohl“, das ist ganz klar. Von welcher Art Hilfe eine gewaltbelastete Familie am meisten profitiert, das herauszufinden ist die knifflige Aufgabe.

Ein Angebotskasten mit vielen verschiedenen Bausteinen

Als Vermittler agiert der soziale Dienst, weil Fachleute wie Andrea Bubeck und Erhard Keicher natürlich sämtliche Unterstützungsangebote kennen und Kontakte vermitteln können, sei es zur Opferberatung, zum Antiaggressionstraining, zur Suchthilfe. Das Jugendamt kann auch Sozialpädagogen vermitteln, die dann ein paar Stunden in der Woche bei Alltagsdingen helfen, Erziehungsfragen klären – einfach tun, was grade ansteht. Jugendliche können einen Erziehungsbeistand erhalten, Kinder werden, sofern es passt, in Nachmittagsgruppen vermittelt, die von pädagogischem Fachpersonal geleitet sind: Der Angebotskasten ist mit verschiedensten Bausteinen gefüllt.

„Unser Wunsch ist immer, in die Kooperation zu gehen“, betont Erhard Keicher. Meistens klappt das auch – „manchmal nicht“. Jetzt kommt die Wächterfunktion ins Spiel, und „im Zweifelsfall können wir Druck aufbauen“. Verweigern sich Eltern jeder Art der Hilfe und Zusammenarbeit und lässt sich Kinderschutz nicht auf andere Weise durchsetzen, wird das Jugendamt sich ans Familiengericht wenden. Das Gericht kann Entscheidungen treffen, die dem Willen der Eltern widersprechen. So weit kommt es nur selten.

Die Polizei kann nur für den Moment eingreifen

Manchmal sind es die Kinder, die den Notruf absetzen. Die Polizei kommt. Sie kann nur für den Moment eingreifen, einen gewalttätigen Partner für kurze Zeit aus der Wohnung verweisen – doch damit ist das Problem nicht behoben. Leben Kinder im Haushalt, wird die Polizei eine Meldung ans Jugendamt schicken. Mit beiden Eltern sprechen und auch mit dem Kind – das folgt als Nächstes, sofern das Amt den Fall als „unklare Situation“ bewertet hat. Jetzt kommt es sehr darauf an, welcher Eindruck sich aus den Gesprächen ergibt. Fachleute wie Andrea Bubeck oder Erhard Keicher werden die Eltern um eine Entbindung von der Schweigepflicht bitten, sofern sie Anhaltspunkte haben, dass weitere Nachfragen übers Befinden des Kindes etwa in der Kinderarztpraxis, im Kindergarten oder in der Schule angezeigt sind.

Meist handelt es sich nicht nur um einmalige Vorfälle

Es kommt nie wieder vor: Das versprechen Beteiligte oftmals, nachdem ein Streit in einer Familie eskaliert und es zu Gewaltszenen gekommen ist. „Häufig handelt es sich nicht um einen einmaligen Vorfall, auch wenn Familien es so darstellen“, sagt Erhard Keicher. Vor allem um der Kinder willen muss die Gewalt aufhören. Sie bekommen das mit, auch wenn Eltern sich lange einreden, die Kleinen hätten doch geschlafen und nichts bemerkt. Doch, sie bemerken viel, viel mehr, als die meisten sich vorstellen können. Jüngere Kinder, die Zeuge von Gewalt sind, empfinden gar, das ist in der Hirnforschung nachgewiesen, den Schmerz so real, als sei er ihnen selbst zugefügt worden. Gewalt in der Familie ist für Kinder „wahnsinnig belastend“, sagt Erhard Keicher: „Es wirkt sich für die Kinder viel stärker aus, als die Eltern wahrhaben wollen.“

Auf Konflikte oder Stress mit Schlägen zu reagieren, „das ist erlernt, davon gehen wir aus“, erklärt Keicher. Im Umkehrschluss bedeutet das: Eine erlernte Verhaltensweise lässt sich verändern, eine andere Reaktion lässt sich trainieren. Um Trainings dieser Art kümmert sich die Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr.

Steht eine Trennung an, sind eine Menge Fragen zu klären

Vieles hängt davon ab, ob eine Trennung ansteht oder nicht. Ist das der Fall, sind eine Vielzahl von Fragen zu klären. „Was braucht das Kind jetzt“, an dieser Sichtweise orientiert sich Andrea Bubeck an erster Stelle. Sie wird versuchen, zur Klärung strittiger Fragen „zwischen den Eltern zu vermitteln“, damit sie im besten Fall trotz all der Probleme bereit sind, ihre Elternrolle weiterhin bestmöglich auszufüllen.

Die Frage des Umgangs mit den eigenen Kindern ist eine sensible nach Gewaltvorfällen. Täter und Täterinnen (die es auch gibt, nur in weitaus geringerer Zahl) haben grundsätzlich Anspruch, ihr Kind sehen zu dürfen. Aus Erhard Keichers Sicht besteht keine Basis für Kontakte zum Kind, solange ein Täter nicht klar die Verantwortung für sein Tun übernimmt. Als „Brücke“ könnte begleiteter Umgang infrage kommen, das heißt, bei den Treffen sind neutrale Dritte dabei, die das Wohl des Kindes im Auge haben.

Wie oft schon das Wohl von Kindern während des ersten und jetzt während des zweiten (Teil-)Lockdowns hinter verschlossenen Türen mit Füßen getreten wurde, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hat, weiß niemand. „Ich hatte schon den Eindruck, dass es zeitweise mehr geworden ist“, sagt Andrea Bubeck, und Erhard Keicher spricht von einer veränderten aktuellen Situation, verglichen mit der Lage im Frühjahr: Die Dinge spitzen sich aus seiner Sicht im Moment zu.

„In den allermeisten Fällen kann man was bewirken“

Mehr als sonst sind Frauen, die jetzt überhaupt keinen Freiraum mehr haben, weil sie zu Hause ständig unter Beobachtung stehen, aufs Umfeld angewiesen, um aus der Situation herauszukommen. Nachbarn sollen bei Vorfällen die Polizei rufen, „das ist wichtig und sinnvoll und kann unter Umständen lebensrettend sein“, sagt Erhard Keicher.

Das Jugendamt und sämtliche Beratungsstellen sind auch während coronabedingter Einschränkungen im Dienst, erreichbar und arbeitsfähig. Wo möglich, wird man auf telefonische oder Video-Beratung zurückgreifen, doch der soziale Dienst geht auch vor Ort – und, so Erhard Keicher: „In den allermeisten Fällen kann man was bewirken.“

Nie schätzt eine(r) allein die Situation ein. Im Jugendamt beraten Teams nach Fällen von häuslicher Gewalt, wie man weiter vorgehen wird. Ist ein Kind akut gefährdet und muss deshalb sofort etwas passieren – oder handelt es sich um eine „unklare Situation“, und man wird zunächst mit allen Beteiligten, auch mit den Kindern, reden? Diese Ausgangssituationen sind klar zu unterscheiden, erklärt Erhard Keicher vom sozialen Dienst des Jugendamtes Rems-Murr.

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