Rems-Murr-Kreis

Wer den Mund aufmacht, stirbt: Wofür Waiblinger Amnesty-Engagierte kämpfen

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Evi Probst und Thomas Grau von der Waiblinger Amnesty-International-Gruppe. © Gabriel Habermann

In Deutschland könne man nicht alles sagen, ohne gleich als dies oder das zu gelten: Stimmt das? Kommt drauf an, wen man fragt.

In Russland sitzt jedenfalls die Künstlerin "Aleksandra Skochilenko" hinter Gittern, ohne etwas gesagt zu haben. Sie entfernte Preisschilder auf Nudelpackungen und klebte Antikriegs-Slogans darauf. "Sofort und bedingungslos" sei sie freizulassen, heißt es in einem Schreiben, das die Menschenrechtsorganisation Amnesty International aufgesetzt hat. Der Empfänger: Melnik Viktor Dmitrievich, "Prosecutor of St. Petersburg". Jede Bürgerin, jeder Bürger kann den Brief unterschreiben und sicher sein: Amnesty wird die Briefe verschicken. Packenweise. Mag sein, der Prosecutor of St. Petersburg bekommt sie nie zu sehen oder wirft sie alle gleich weg. Oder aber, die Kampagne hat Erfolg - es wäre nicht die erste. 

Unter wie viele Briefe dieser Art Thomas Grau und Evi Probst bereits ihre Unterschrift gesetzt haben, hat kein Mensch je erzählt. Die beiden engagieren sich seit ewigen Zeiten schon in der Waiblinger Amnesty-Gruppe, und diesen Herbst liegt ihnen besonders der Briefmarathon am Herzen. Eine "beispiellose Welle weltweiten Protests und globaler Solidarität mit den Betroffenen" will die Menschenrechtsorganisation damit lostreten. Weil es Länder gibt auf dieser Erde, da kann man zwar alles sagen. Nur muss man dann mit Schikanen rechnen - oder mit Haft, Folter, Tod. 

Mitmenschen zum Mitdenken anregen

"Wer schweigt, macht sich mitschuldig", findet Thomas Grau. Deshalb schweigt er nicht, und an Infoständen regt der 57-jährige Schreiner, der in der beruflichen Bildung tätig ist, Mitmenschen zum Mitdenken an: Möchten Sie für Menschenrechte eintreten, einfach nur mit Ihrer Unterschrift?

Die Leute fragen ihn dann oft, berichtet Thomas Grau, ob er denn wirklich glaube, das nütze irgendwas. Als ob sich irgendein Diktator dieser Welt von Papierstapeln aus Deutschland oder von E-Mail-Fluten erboster Fremder beeindrucken ließe.

Amnesty International führt Buch über Erfolge, das versteht sich von selbst. Atena Daemi beispielsweise kam frei. Die Iranerin hatte öffentlich gefordert, die Todesstrafe müsse abgeschafft werden. Sie wurde mehrmals zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, berichtet Amnesty, und ebenso langjährig ließ die Organisation in ihrem Bemühen nicht nach, sich für die Freilassung der Menschenrechtsverteidigerin einzusetzen. Im Januar 2022 setzte man Atena Daemi auf freien Fuß.

Während des Briefmarathons 2021 unterzeichneten ungezählte Bürgerinnen und Bürger Schreiben, in welchen die Freilassung Bernardo Caal Xols gefordert war. Der Gewerkschafter war laut Amnesty zu sieben Jahren Haft verurteilt worden,  weil er sich für die Rechte der indigenen Maya Q'eqchi' in Guatemala eingesetzt hatte.  Bernardo Caal Xol konnte im März 2022 das Gefängnis verlassen.

Unterstützerbriefe per Mausklick verschicken

Der 2022er-Briefmarathon endet am 22. Dezember, doch im Grunde ist dieses Datum gar nicht so wichtig. Das ganze Jahr kann, wer auf diesem Weg seine Wertschätzung für Menschenrechte ausdrücken will, Petitionen unterzeichnen, Briefe schreiben, Tweets versenden. Unter "urgent actions" - dringende Maßnahmen - listet Amnesty eine Reihe von Fällen auf, die schnelles Handeln erfordern. Es geht beispielsweise um den Menschenrechtler Huang Qi, der in China in Haft sitzt und dort Informationen der Menschenrechtsorganisation zufolge keine angemessene medizinische Versorgung erhält. Oder um den minderjährigen Yasin Shahbakhsh, der im Iran misshandelt werde. Ein Unterstützerbrief lässt sich mit wenigen Mausklicks verschicken.

Manchmal melden sich Angehörige oder die Betroffenen selbst, sofern das möglich ist, und bedanken sich für all die Solidaritätsbekundungen - oder man lernt jemanden, für dessen Rechte man als Amnesty-Engagierter eingetreten war, unverhofft persönlich kennen. Die Waiblinger Gruppe hatte sich, berichten Evi Probst und Thomas Grau,  gezielt und intensiv über längere Zeit für eine Frau aus Usbekistan eingesetzt. Jahre später konnte man bei der Palm-Preis-Verleihung in Schorndorf von Angesicht zu Angesicht miteinander reden. Das war dann schon erhebend, als die Menschenrechtlerin erzählte, sie habe all die Zeit gewusst, da gibt es eine Amnesty-Gruppe in einer Stadt namens Waiblingen - die setzt sich für mich ein. 

Treff: Immer montags abends im Schwanen

Zum harten Kern der Waiblinger Amnesty-International-Gruppe zählen außer Evi Probst und Thomas Grau noch eine Reihe weiterer Personen. Immer montags um 20 Uhr treffen sich alle im Schwanen in Waiblingen, tauschen sich aus, besprechen Aktionen oder Vorhaben im Zusammenhang mit einem langfristig angelegten Engagement für eine Friedensgemeinde in Kolumbien. Wer neu dazukommen möchte, sei jederzeit willkommen, so Evi Probst und Thomas Grau: bitte vorher am besten eine Mail schreiben an kontakt@amnesty-waiblingen.de, nicht dass ausgerechnet am auserwählten Montag kein Treffen stattfindet.

Wer sich ganz unverbindlich über die Arbeit von Amnesty informieren oder direkt einen der Unterstützer-Briefe unterschreiben möchte, kann auch diesen Samstag, 10. Dezember, beim Amnesty-Stand auf dem Waiblinger Weihnachtsmarkt vorbeischauen. In der Marktgasse in Waiblingen treffen Interessierte auf kundige Leute, die zu Menschenrechtsfragen und mehr Auskunft geben können. Man kann sich auch erst mal nur in eine Liste eintragen, erhält dann regelmäßig vorgefertigte Unterstützer-Briefe - und kann dann immer noch entscheiden, ob man sie unterschreiben und abschicken will.

"Ich bewundere die Menschen im Iran"

Evi Probst und Thomas Grau machen sich als jahrzehntelang Engagierte keine Sorgen mehr darüber, ob sie aufgrund ihrer Unterschriften auf irgendwelchen Listen landen könnten, auf welchen niemand gern auftaucht. Die 54-jährige Waiblingerin sieht sich selbst "überhaupt nicht in Gefahr", wie sie sagt - und verweist auf Frauen und Männer, die unglaublichen Mut beweisen: "Ich bewundere die Menschen im Iran. Sie riskieren ihr Leben, um ihre Meinung kundzutun."

Ihnen und allen, die das wagen, ist der Tag der Menschenrechte gewidmet. Nicht ohne Grund ist Amnesty in Waiblingen und in vielen anderen Städten ausgerechnet am 10. Dezember besonders präsent. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte im Jahr 1948 den 10. Dezember auserwählt, um die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu verkünden.

Das Bewusstsein für die Bedeutung der Menschenrechte ist gewachsen, diesen Eindruck hat Evi Probst seit längerem schon gewonnen. Die Diskussionen um die WM in Katar haben dazu beigetragen, und seit mitten in Europa Krieg herrscht, machen sich womöglich mehr Menschen über diese Themen Gedanken. 

In Deutschland könne man nicht alles sagen, ohne gleich als dies oder das zu gelten: Stimmt das? Kommt drauf an, wen man fragt.

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In Russland sitzt jedenfalls die Künstlerin "Aleksandra Skochilenko" hinter Gittern, ohne etwas gesagt zu haben. Sie entfernte Preisschilder auf Nudelpackungen und klebte Antikriegs-Slogans darauf. "Sofort und bedingungslos" sei sie freizulassen, heißt es in einem Schreiben, das die Menschenrechtsorganisation Amnesty International aufgesetzt hat.

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