Rems-Murr-Kreis

Wer hat an Pfingsten 1979 eine junge Frau getötet, die im Rems-Murr-Kreis zur Prostitution gezwungen wurde?

Prostituiertenmord
Artikel in der Waiblinger Kreiszeitung vom 16. Juni 1979. © Alexandra Palmizi

Sie hing an einem Apfelbaum nahe Rohrbronn. Die junge Frau hatte sich nicht selbst dort erhängt. Der Mord an der 25-jährigen Prostituierten ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Frau starb an Pfingsten 1979.

Mord verjährt nicht. Die jetzt wiedergewählte Schorndorfer Landtagsabgeordnete Petra Häffner (Grüne) drang bereits vor der Wahl in einem Antrag darauf, länger zurückliegende, nicht geklärte Vermisstenfälle und Tötungsdelikte konsequent und systematisch neu aufzurollen: Häffner und andere Landtagsabgeordnete verweisen in ihrem Antrag auf eine „dauerhafte rechtsstaatliche und moralische Verpflichtung“, die alten Fälle aus den Schubladen zu holen.

2011 gründete die Polizei eine Ermittlungsgruppe für den Mordfall in Rohrbronn. Laut Polizei-Pressesprecher Rudolf Biehlmaier wurde die Sache seinerzeit „umfassend aufgearbeitet. Die Tat konnte jedoch trotz sehr aufwendiger und umfangreicher Ermittlungen bislang nicht geklärt werden.“

Damals fand ein Spaziergänger die Leiche der Frau am Morgen des Pfingstsonntag, 3. Juni 1979. Die Frau habe sich mit einem Elektrokabel erhängt, hieß es zunächst. Man lag falsch mit dieser Vermutung, das ergab spätestens die Obduktion zweifelsfrei. Die Frau starb eines gewaltsamen Todes.

Identifizierung anhand der Fingerabdrücke

Ihre Identität zu klären war nicht schwierig: Die Frau hatte Monate vor der Tat bei der Polizei Anzeige gegen ihre Zuhälter erstattet. Anlässlich dessen registrierte die Polizei die Fingerabdrücke der Frau, anhand derer man sie dann identifizierte.

In einem Zeitungsbericht vom 9. Juni 1979 heißt es, die 25-Jährige aus Nürtingen habe „von Männerbekanntschaften gelebt“ und „zweifelhaften Umgang“ gehabt. Diese Formulierungen werfen auch ein Schlaglicht auf das Frauenbild von damals. In Wahrheit war die 25-Jährige zur Prostitution gezwungen, von ihrem Zuhälter drangsaliert und misshandelt worden. Das geht aus der Aktenzeichen-XY-Sendung vom 3. Oktober 1980 hervor, in welcher die Waiblinger Kripo um Hinweise bittet. 3000 Mark Belohnung wurden versprochen für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, wie es standardmäßig heißt. Genützt hat’s nichts.

Von einer „besonders primitiven Form der Prostitution“ spricht Eduard Zimmermann in jener Aktenzeichen-XY-Sendung. Es geht um Gastarbeitersiedlungen mit ihren „oft bedrückenden Verhältnissen“. Dorthin brachte der Zuhälter der Frau die 25-Jährige regelmäßig; „sein weißer Sportwagen ist in den Barackensiedlungen gut bekannt.“ 20 bis 30 Kunden habe der Zuhälter an einem Abend zu ihr geschickt. Einnahmen zwischen 400 bis 600 Mark kamen jeweils zusammen – wovon die junge Frau 20 Mark behalten durfte, wie es im Film weiter heißt.

"Denen passiert ja doch nichts"

Im August 1978 zeigte die Frau ihre Peiniger an. Später wird es heißen, diese beiden Zuhälter kämen als Täter nicht in Frage – was nicht heißen muss, „dass sie an dem Mord völlig unbeteiligt sind“, wie Eduard Zimmermann anmerkt. Einem der beiden gelang es damals, die junge Frau zur Rücknahme ihrer Anzeige zu bewegen. Später bestätigte sie ihre ersten Angaben dann aber doch und sagte erneut gegen die Männer aus. „Denen passiert ja doch nichts“, lässt die Regie die junge Schauspielerin sagen, die in Aktzeichen XY die Vorgeschichte des Falles nachspielt.

Die junge Frau versucht, so wird es im Film dargestellt, dem Sumpf zu entkommen und ein anderes Leben zu beginnen. Sie zieht zurück zu ihren Eltern nach Nürtingen, mit denen sie als 15-jährige Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen war. Ihre Abende verbringt sie in Kneipen – auch den letzten Abend ihres Lebens. Zuletzt wird sie gegen 24 Uhr am 2. Juni 1979 im Wirtshaus „Zum Trollinger“ in Großheppach in Begleitung eines jungen Mannes gesehen. Einer Kellnerin zufolge hielten sich die beiden öfters zusammen dort auf. Ein Phantombild vom Begleiter der Frau wird später veröffentlicht. In einem entsprechenden Zeitungsbericht wird der Mann beschrieben: 30 bis 35 Jahre alt, „abgearbeitete Hände“, buschige Augenbrauen, ungepflegte Erscheinung, unrasiert und ungekämmt, auffällig gebeugte Gangart mit eingezogenem Genick. Er soll schwäbisch/badischen Dialekt sprechen. Er rauche und trinke nicht, beschränke sich meist auf Cola.

Bekannter wird mittels Phantombild gesucht

Der Mann wird nicht gefunden; das Phantombild wird fast anderthalb Jahre später in der Aktenzeichen-XY-Sendung erneut gezeigt. Die Sendung endet mit einem Kameraschwenk auf einen Autoschlüssel, den Ermittler in der Kosmetiktasche der Getöteten fanden. Die Frau besaß selbst keinen Führerschein.

Was bleibt, sind alte Fotos, abgedruckt in den Zeitungen von damals: ein Bild vom weißen Blouson der Frau, den sie trug, als man sie erhängt fand. Und ein Foto von ihrer Sandale, ein dunkelbeiger, hinten offener Schuh, zweiteilig geflochten mit Korksohle, Sohlenstärke zwei Zentimeter, Absatzhöhe zehn Zentimeter. Der zweite Schuh tauchte wenige Zeit später auf; eine Großheppacherin hatte den Schuh auf der Straße vor ihrem Haus gefunden, sich zunächst nichts dabei gedacht und die Sandale dann weggeworfen.

Arbeitsgruppe beim Landeskriminalamt

Der Fall ist einer von Hunderten „cold cases“, wie die nicht-geklärten Altfälle im Fachjargon genannt werden. Das baden-württembergische Innenministerium schreibt in seiner Antwort auf Petra Häffners Anfrage von 339 Tötungsdelikten, die ab 1. Januar 2000 im Land als ungeklärt erfasst sind. Das Landeskriminalamt habe im Mai 2019 die Arbeitsgruppe „Cold Case“ eingerichtet mit dem Ziel, „die derzeitige Verfahrensweise im Land zu erheben, fachlich zu bewerten sowie Optimierungsvorschläge zu entwickeln.“ Mit den Fällen direkt betraut sind die regionalen Polizeipräsidien; laut Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier sind die Fälle festen Sachbearbeitern, so genannten „Fallpaten“ zugewiesen „und werden regelmäßig entsprechend überprüft“.

Unterdessen nimmt Petra Häffner in ihrer Anfrage auch Bezug auf die NSU-Morde. Sie fragt, ob „eine Nachbewertung von Tötungsdelikten und weiteren szenetypischen Delikten wie Brand- oder Sprengstoffanschlägen, Gewaltdelikten oder sonstigen Straftaten stattgefunden hat, die bisher gegebenenfalls fälschlich nicht der politisch motivierten Kriminalität Rechts zugeordnet waren.“ Antwort des Innenministeriums: „In keinem der über 300 aus Baden-Württemberg gemeldeten Fälle konnte eine rechtsextreme Motivation oder ein Zusammenhang zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ festgestellt werden.“

Fall wird 2011 erneut aufgerollt

Zurück zum Mord an der 25-Jährigen: Offenbar hat der Fall seinerzeit in Rohrbronn nicht so viel Aufsehen erregt, wie man erwarten könnte, berichtet ein Zeitzeuge. Der Fundort der Leiche gehörte zu einem Grundstück, das niemandem aus dem Ort gehörte. Die Frau stammte nicht aus der näheren Umgebung; „da haben wir nicht viel mitgekriegt“, zitiert der Zeitzeuge Rohrbronner Bürger, die sich zwar noch an den Fall erinnern – mehr aber auch nicht.

Googelt man den Namen der getöteten Frau, stößt man auf allerlei Auflistungen ungeklärter Mordfälle. Ein Foto von der Frau, das die Polizei damals im Zuge der Ermittlungen an die Öffentlichkeit gegeben hatte, taucht ebenfalls auf. Die Frau war etwa 1,75 Meter groß, schlank und hatte dunkelbraune, lockige Haare.

Welche Erkenntnisse dazu geführt haben, dass der Fall 2011 neu aufgerollt wurde, dazu gibt es momentan keine Angaben der Polizei. Unterdessen gelingt es Ermittlern immer wieder, selbst Jahrzehnte nach einem Mord noch den Täter zu ermitteln. Eine Schlüsselrolle spielt die DNA-Analyse. Seit rund 30 Jahren kann man anhand von Spuren, die ein Täter hinterlassen hat, auf dessen Identität schließen. Ein Datenabgleich führt immer mal wieder Jahrzehnte nach einem Mord auf die richtige Spur, etwa weil ein Täter wegen eines anderen Delikts neu in der Datenbank erfasst wird. Vor einem Jahr wurde in Hamburg ein damals 69-Jähriger festgenommen, dem die Ermittler nach einer erneuten Auswertung von DNA-Daten auf die Spur gekommen waren. Es ging um den Mord an einer 35-jährigen Frau aus Sindelfingen, die im Sommer 1995 erstochen worden war. Am Stuttgarter Landgericht begann der Prozess gegen den Mann im Herbst 2020; das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. 27 Jahre nach dem Mord an einer damals 16-jährigen Schülerin in Dortmund ist Anfang 2021 ein Mann zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Eine DNA-Spur hatte den Ermittlern neue Anhaltspunkte geliefert.

Ebenfalls nicht geklärt: Mord in Schmiden 1996

Ein weiterer Altfall aus dem Rems-Murr-Kreis durchläuft aktuell eine „intensive Prüfung“, wie Rudolf Biehlmaier weiter mitteilt. Es geht um einen Mord am 21. September 1996 in Fellbach-Schmiden. Die Soko Walter kümmerte sich damals um den Fall, konnte die Tat aber nicht aufklären. Sollte die aktuelle „intensive Prüfung“ des Falles zu entsprechenden Erkenntnissen führen, „werden die Ermittlungen wieder aufgenommen“.

Sie hing an einem Apfelbaum nahe Rohrbronn. Die junge Frau hatte sich nicht selbst dort erhängt. Der Mord an der 25-jährigen Prostituierten ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Frau starb an Pfingsten 1979.

Mord verjährt nicht. Die jetzt wiedergewählte Schorndorfer Landtagsabgeordnete Petra Häffner (Grüne) drang bereits vor der Wahl in einem Antrag darauf, länger zurückliegende, nicht geklärte Vermisstenfälle und Tötungsdelikte konsequent und systematisch neu aufzurollen: Häffner und

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