Rems-Murr-Kreis

Wer möchte einen Zweitimpftermin vorziehen und wie groß ist das Impfschwänzer-Problem im Rems-Murr-Kreis?

Kärcher Impft
Symbolbild. © Benjamin Büttner

Empörte Zeitgenossen schleudern zurzeit all ihre Missbilligung jenen entgegen, die ohne abzusagen ihren Impftermin nicht wahrnehmen. Für sie wurde eigens ein neues Schimpfwort kreiert: Impfschwänzer.

Fehlverhalten dieser Art eignet sich bestens für mediale Entrüstungsstürme, über potenzielle Bußgelder für Schwänzer lässt sich herrlich streiten – doch das eigentliche Problem liegt ganz woanders: „Es werden gerade leider nur sehr wenige Termine gebucht – das treibt uns mehr um als abgesagte Termine“, so Landratsamtssprecherin Martina Keck – sprich: Im Kreisimpfzentrum bleibt man zurzeit in großem Stil auf Impfdosen sitzen, weil sie keiner haben will. Binnen kürzester Zeit hat sich die Lage komplett gedreht – bei gleichbleibendem Ergebnis: Im Impfzentrum in der Rundsporthalle könnten sehr viel mehr Menschen eine Impfung erhalten. Bisher klappte das nicht, weil der Impfstoff nicht für alle Impfwilligen reichte. Jetzt klappt es nicht, weil es für die mittlerweile mehr als genügend freien Termine nicht genügend Interessenten gibt. Was nur teilweise stimmt: Bei dieser Zeitung meldeten sich nicht wenige verärgerte Menschen, die gern einen der freien Termine für ihre Zweitimpfung genutzt hätten, weil der Ursprungstermin nicht passte oder sie ihn gern vorgezogen hätten. Allein – das wurde abgelehnt. Zusatztermine seien nur für Erstimpfungen gedacht, hieß es.

Unterdessen würden viele Leute ihren zweiten Impftermin gern umbuchen – doch das System lässt das nicht zu (es gibt aber andere Wege, siehe unten). Woraufhin der eine oder die andere offenbar anderweitig einen Zweittermin organisiert – und jenen im Impfzentrum abzusagen vergisst oder schlicht nicht herausfindet, wie die Absage online funktioniert. Eine Leserin dieser Zeitung bezahlte gar eine Taxifahrt, weil ihr Auto am Impftag nicht anspringen wollte und sie auf die Schnelle keine Terminverschiebung organisieren konnte.

Wie sagt man einen Impftermin korrekt ab?

Wer das Portal „Impfterminservice“ fürs Buchen der Termine genutzt hat, findet in der Bestätigungsmail einen Hinweis: „Wenn Sie einen Termin nicht wahrnehmen können, klicken Sie hier und sagen Sie diesen ab.“ Also: An der entsprechenden Stelle klicken, dann „absagen“ wählen und prüfen, ob eine Bestätigung der Absage erfolgt ist. Wer einen Erstimpftermin absagen möchte, muss laut Sozialministerium den bisherigen Termin stornieren und dann einen neuen buchen; eine Umbuchungsfunktion für Ersttermine existiert momentan nicht. Bei Zweitterminen sieht es anders aus – siehe unten.

Die Stiko hat ihre Empfehlungen zu den Abständen zwischen Erst- und Zweitimpfung kürzlich geändert: Wie lauten die neuen Empfehlungen?

Seit kurzem empfiehlt die Stiko kürzere Abstände zwischen Erst- und Zweittermin. Wer bei der Erstimpfung Astrazeneca erhalten hat, kann nach frühestens vier Wochen bei der zweiten Impfung einen anderen Impfstoff erhalten (mRNA, etwa Biontech). Wird eine Zweitimpfung mit Astrazeneca gewünscht, beträgt der Impfabstand neun bis zwölf Wochen. Beim Impfstoff von Biontech/Pfizer kann die Zweitimpfung nach mindestens drei Wochen stattfinden, beim Impfstoff von Moderna nach mindestens vier Wochen.

Wenn deshalb nun Erstgeimpfte ihren Zweitimpftermin vorziehen wollen – wie gehen sie vor?

Bereits gebuchte Zweitimpftermine, die in der Zeit ab dem 19. Juli liegen, können dezentral vor Ort im Impfzentrum vorgezogen werden, verspricht Sozialminister Manne Lucha per Pressemitteilung.

Bereits gebuchte Zweitimpftermine für Astrazeneca sowie für Biontech/Pfizer oder Moderna, die in der Zeit bis einschließlich 18. Juli liegen, bleiben bestehen und können nicht umgebucht oder vorgezogen werden. Grund ist laut Sozialministerium, dass mRNA-Impfstoffe (Biontech und Moderna) nur begrenzt zur Verfügung stehen und laut Ministerium „gebuchte Termine in jedem Fall Vorrang haben“.

Wie handhabt das Kreisimpfzentrum Waiblingen das Vorziehen von Zweitterminen konkret?

Dazu gibt es in Kürze genaue Informationen. Das Sozialministerium hat die neuen Regeln erst diesen Dienstag veröffentlicht. Jetzt brauchen die Impfzentren etwas Zeit, um ihre Abläufe entsprechend anzupassen.

Und wenn man aus anderen Gründen einen Zweittermin umbuchen will?

Menschen, die bereits eine erste Impfung erhalten haben und aus triftigem Grund, wie etwa einer Erkrankung, Krankenhausaufenthalt oder Quarantäne zum Zweittermin verhindert sind, können sich per E-Mail an zweittermin-impfen@sm.bwl.de wenden. Diese Personen müssen laut einem Sprecher des Sozialministeriums zwingend den Termin der Erstimpfung, den Impfstoff mit Chargennummer sowie den Vermittlungscode des Zweittermins nennen. Impfstoff und Chargennummer sind im Impfbuch vermerkt. Alle Daten sind in ein Formular einzutragen, das auf den Internetseiten des baden-württembergischen Sozialministeriums zu finden ist. Dort nach den Impf-FAQ (häufig gestellte Fragen) suchen, dort die Frage „Wie bekomme ich den Termin für die Zweitimpfung?“ anklicken. Das Formular ausfüllen (online möglich) und an die oben genannte Mail-Adresse schicken.

Kommt es oft vor, dass Leute zum Impftermin einfach nicht erscheinen?

„Ein gewisses Maß an Absagen von oder Nichterscheinen bei Impfterminen, etwa aufgrund von Krankheit der Angemeldeten oder aufgrund anderweitiger terminlicher Gründe, ist gängig“, teilt ein Sprecher des Sozialministeriums mit. Dies kam von Anfang an vor – sowohl bei Erst- als auch bei Zweitimpfungen und über alle Impfstoffe hinweg. Bei den Zweitimpfterminen melden die Impfzentren inzwischen vermehrt, dass Menschen diese ohne Absage ausfallen lassen. Womöglich basiert dies auf der laut dem Sprecher falschen Annahme, bereits durch eine Impfung ausreichend geschützt zu sein.

Wie groß ist dieses Problem im Waiblinger Impfzentrum?

Das ist kein wirklich großes Thema im Kreisimpfzentrum Waiblingen, teilt Landratsamtssprecherin Martina Keck mit: „Es sind deutlich weniger als fünf Prozent, die nicht zum vereinbarten Termin kommen.

Werden Impfdosen unbrauchbar, weil Leute einfach nicht zum Termin erscheinen?

Nein, denn es werden laut Martina Keck zu Beginn nur für circa 80 Prozent der Termine auch die Spritzen aufgezogen. Im Laufe des Tages werden dann nur noch so viele aufbereitet, wie auch tatsächlich Personen anwesend sind.

Wenn man zum Beispiel wegen Krankheit den Zweitimpftermin verpasst hat – macht es Sinn, diesen später noch nachzuholen?

Ja. Auch wenn der von der Ständigen Impfkommission empfohlene Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung überschritten wurde, wirkt die Zweitimpfung immer noch „und ist immer noch genauso wichtig“, betont der Ministeriumssprecher: „Daher lohnt es sich in jedem Fall, den Zweitimpftermin nachzuholen.“

Wie viele Personen werden aktuell im Kreisimpfzentrum in Waiblingen geimpft?

Die Zahl schwankt stark zwischen 370 und 1100 pro Tag. In der laufenden Woche sind 4006 Termine für Erst- und Zweitimpfungen geplant, das ergibt im Schnitt 570 Impfungen pro Tag.

Damit ist das Kreisimpfzentrum bei weitem nicht ausgelastet: Möglich wären in Waiblingen theoretisch bis zu 1500 Impfungen pro Tag.

Empörte Zeitgenossen schleudern zurzeit all ihre Missbilligung jenen entgegen, die ohne abzusagen ihren Impftermin nicht wahrnehmen. Für sie wurde eigens ein neues Schimpfwort kreiert: Impfschwänzer.

Fehlverhalten dieser Art eignet sich bestens für mediale Entrüstungsstürme, über potenzielle Bußgelder für Schwänzer lässt sich herrlich streiten – doch das eigentliche Problem liegt ganz woanders: „Es werden gerade leider nur sehr wenige Termine gebucht – das treibt uns mehr um als

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