Rems-Murr-Kreis

Wer soll das bloß alles bezahlen? Gewerkschaft ruft zur Kundgebung auf

Warnstreik
Das Foto ist im Herbst 2020 bei einem Warnstreik am Rems-Murr-Klinikum Winnenden entstanden. © ALEXANDRA PALMIZI

Es gibt Geld wie Dreck auf der Welt, es haben nur die falschen Leute: Von Heiner Geißler ist mehr geblieben als nur dieser Satz. Der 2017 verstorbene frühere CDU-Bundesminister, Schlichter im S-21-Streit und streitbare Kämpfer für eine Abkehr vom sturen Starren auf Gewinnmaximierung würde den Satz heute vermutlich wiederholen.

Es gibt Geld wie Dreck im Rems-Murr-Kreis: Diesen Schluss könnte ziehen, wer die jüngsten Pressekonferenzen der Kreissparkasse Waiblingen oder der Volksbank Stuttgart verfolgte: Bürger/-innen sparen, was das Zeug hält. Die Konten laufen voll, Banken verdienen prächtig, allerdings: Wer angesichts einer Inflationsrate von aktuell fast fünf Prozent das Geld auf irgendwelchen Tagesgeldkonten bunkert, könnte genauso gut Scheine unter der Dusche zerreißen.

Teuerung: Betrachtet aus verschiedenen Blickwinkeln

Um Teuerung geht es auch DGB-Gewerkschaften, doch aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus. Rems-Murr-Gewerkschafter/-innen rufen für diesen Samstagvormittag zu einer Kundgebung vorm Waiblinger Rathaus auf, und sie wollen über Geld sprechen: Ein Zeichen sei zu setzen „gegen stetige Teuerung und für soziale Gerechtigkeit“.

Von höheren Löhnen ist nicht die Rede in der Ankündigung der Kundgebung. Vielmehr beklagt der DGB-Kreisvorsitzende Matthias Fuchs darin, die anhaltend hohe Inflation sei „für viele Kolleginnen und Kollegen eine immense und bald nicht mehr tragbare Belastung“. Eine „Schmerzgrenze“ sei erreicht, zumal die Menschen ohnehin schon „zahlreiche Ungerechtigkeiten“ erleben, die zu „Frustration, Wut und Ängsten führen“.

Gewerkschaften können aber Preise für Blumenkohl und Gas nicht beeinflussen. Löhne unterdessen schon.

"Natürlich" darf es keine weiteren Kostenbelastungen geben

Ebenso vorsorglich wie gebetsmühlenartig stellte jüngst bei einer Pressekonferenz der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr deren Vorsitzender Dr. Michael Prochaska klar, „natürlich“ dürfe es „keine weiteren Kostenbelastungen für die Unternehmen“ geben. „Unbedingt“ müsse ein weiterer Anstieg der Lohnzusatzkosten vermieden werden.

Und unter allen, wirklich allen Umständen muss eine Lohn-Preis-Spirale verhindert werden: Diese Drohkulisse stellt die Arbeitgeber-Schar gern auch noch in den Raum. Unsicherheit und Angst eignen sich ohnehin immer, Drohkulissen zu mehr Standhaftigkeit zu verhelfen.

Soziale Gerechtigkeit fordern unterdessen Gewerkschaften, und genau das werden sie diesen Samstag in Waiblingen wieder tun.

Soziale Gerechtigkeit. Was ist das und wer braucht das?

Alle, weil alle profitieren, wenn die unteren Einkommensgruppen nicht abgehängt sind.

Im Rems-Murr-Kreis liegt das Lohnniveau höher

Etwa jede fünfte Person arbeitet in Deutschland im Niedriglohnsektor, der 7,8 Millionen Jobs umfasst. Diese Zahl hat das Statistische Bundesamt jüngst veröffentlicht, bezogen auf April 2021. Niedriglohn und Mindestlohn sind nicht dasselbe, denn die Niedriglohnschwelle hängt vom mittleren Verdienst in einer Region ab. Im Rems-Murr-Kreis liegt das Lohnniveau knapp sechs Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. Rund 17 Prozent aller Beschäftigten im Rems-Murr-Kreis haben mit einer Anhebung des Mindestlohns von 9,60 auf zwölf Euro mehr Geld in der Tasche: Diese Zahlen hat jüngst die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Region Stuttgart veröffentlicht.

Zwölf Euro Mindestlohn vom 1. Oktober an

Der Mindestlohn ist jetzt zum Januar auf 9,82 Euro angestiegen, und die versprochene Erhöhung auf zwölf Euro soll zum 1. Oktober wirksam werden. Kaum war das Datum veröffentlicht, kam, was kommen musste: Arbeitgeberverbände sprachen von einem „schweren Schlag“, beklagten staatlichen Eingriff in die Tarifautonomie und drohten mit Jobverlagerungen ins Ausland.

Zugleich halten sie die Hände auf, sobald’s irgendwo „Förderung“ genannte Staatsgelder abzugreifen gibt und verweisen auf existenzbedrohenden Fachkräftemangel.

Unterdessen beklagen DGB-Gewerkschaften im Aufruf zur Kundgebung den hohen Anteil unsicherer und niedrig entlohnter Arbeit in einem Umfeld der „Rekordbeschäftigung“ . Für Jüngere wie Ältere gelte „die Stabilität und Verlässlichkeit der alten Arbeitswelt nicht mehr“.

Dem wird niemand widersprechen.

Stabil und verlässlich liefern unterdessen die bekannten Akteure ihre Forderungen nach Entlastung – für Wirtschaft oder Bürger/-innen, je nachdem, welchem Lager sie angehören.

Wer unterdessen Genaueres zum Thema Inflationsrate wissen möchte, ist beim Statistischen Bundesamt an der richtigen Adresse:

Im Dezember hatte die Inflationsrate in Deutschland mit 5,3 Prozent den höchsten Wert seit fast 30 Jahren erreicht. Im Vergleich zum Dezember stiegen die Verbraucherpreise im Januar um 0,4 Prozent.

Enormer Preisanstieg bei leichtem Heizöl

Ein genauerer Blick auf die Kennzahl offenbart, in welchen Segmenten die Preise besonders heftig gestiegen sind. Laut Statistischem Bundesamt erhöhten sich die Kraftstoffpreise binnen Jahresfrist (Januar 2021 auf Januar 2022) um fast ein Viertel, die Preise für Haushaltsenergie um rund 18 Prozent. Sogar um etwas mehr als die Hälfte stiegen im Vergleich zu Januar vor einem Jahr die Preise für leichtes Heizöl. Erdgas wurde im selben Zeitraum fast ein Drittel teurer; Strom kostete elf Prozent mehr.

Der Preisanstieg hat mehrere Gründe: Lieferengpässe, der Anstieg der CO2-Abgabe und gestiegene Netzentgelte beim Strom nennt das Statistische Bundesamt beispielhaft. Zwar ist die EEG-Umlage von 6,5 Cent auf 3,7 Cent pro Kilowattstunde Strom zurückgegangen, doch die preistreibenden Faktoren wogen schwerer.

Preise für frisches Gemüse haben besonders stark angezogen

Wer Strickpullover zur Unterstützung der Heizung einsetzt und ganz wenig Strom verbraucht, sieht sich einer erträglichen Teuerung ausgesetzt: Ohne Berücksichtigung der Energie hätte die Inflationsrate im Januar 2022 bei 3,2 Prozent gelegen, ohne Energie und Nahrungsmittel bei 2,9 Prozent, erläutert das Statistische Bundesamt.

Der Preisanstieg bei Lebensmitteln belief sich im Januar verglichen mit dem Vorjahresmonat auf fünf Prozent. Besonders die Preise für frisches Gemüse haben angezogen, und zwar um acht Prozent. Molkereiprodukte und Butter sind etwa sechs Prozent teurer geworden.

Auf den Internetseiten des Statistischen Bundesamtes können Bürger/-innen die Teuerungsraten aufgeschlüsselt nach „Güterarten“ wie Elektrogeräte, Pauschal-Reisen oder Nettokaltmiete abrufen und den Verlauf mit jenem des Verbraucherpreisindex’ vergleichen. Im Vergleich zu 2015 sind demnach Elektrogeräte günstiger geworden, während die Teuerung bei Autos oder Restaurantbesuchen über dem Mittel liegt. Wer’s noch genauer wissen möchte, nutzt ein weiteres Tool des Bundesamts: Die persönliche Inflationsrate spuckt das Programm, entsprechend gefüttert mit Daten, auf Wunsch sogar auch noch aus.

Es gibt Geld wie Dreck auf der Welt, es haben nur die falschen Leute: Von Heiner Geißler ist mehr geblieben als nur dieser Satz. Der 2017 verstorbene frühere CDU-Bundesminister, Schlichter im S-21-Streit und streitbare Kämpfer für eine Abkehr vom sturen Starren auf Gewinnmaximierung würde den Satz heute vermutlich wiederholen.

Es gibt Geld wie Dreck im Rems-Murr-Kreis: Diesen Schluss könnte ziehen, wer die jüngsten Pressekonferenzen der Kreissparkasse Waiblingen oder der Volksbank

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