Rems-Murr-Kreis

Weshalb Busse und Bahnen im Rems-Murr-Kreis teurer werden, obwohl weniger Fahrgäste unterwegs sind

knauss
Die Insolvenz des Busunternehmens Knauss hat im vergangenen Jahr  den Omnibusverkehr in und um Schorndorf  ins Wanken gebracht. Die Coronapandemie bringt die Busfirmen zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten © Gabriel Habermann

Die Coronapandemie hat den Höhenflug des Verkehrsverbundes Stuttgart jäh gestoppt. Voller Hoffnungen war der VVS ins Jahr 2020 gegangen, dass dank der Tarifreform 2019 und verbesserter Angebote noch mehr Fahrgäste auf Busse und Bahnen umsteigen. Stattdessen schaut VVS-Geschäftsführer Horst Stammler in ein großes 115-Millionen-Euro-Loch, das Corona in die Kassen des Personennahverkehrs gerissen hat.

Stammler hofft, dass die Rettungsschirme von Bund und Land einen großen Teil des Loches stopfen. Doch womöglich muss der Rems-Murr-Kreis noch ein paar Millionen zuschießen. Vor diesem Hintergrund hat der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages die Fahrpreiserhöhungen im VVS zum 1. April 2021 diskutiert. Manche Kreisrätin mäkelte bloß an Tarifdetails herum, anderen Kreisräten ging’s in der Diskussion ums Große und Ganze – nämlich um die Rettung des Weltklimas.

Der VVS beziffert die Einnahmeausfälle durch Corona mit rund einem Drittel. Dieses Risiko von drei bis vier Millionen Euro für den Kreisetat, betonte Landrat Richard Sigel, sei im kürzlich vorlegten Haushaltsplan noch nicht berücksichtigt. Die Einnahmeausfälle könnten jedoch vor allem bei den Busunternehmen ganz gravierende Folgen haben. Wenn Firmen insolvent gehen und die Busse in den Depots blieben.

Bei der Neuvergabe der Buslinien in den vergangenen Jahren mussten die Unternehmen knapp kalkulieren, um die Aufträge zu ergattern. Für die Fahrgäste sprangen dank des Wettbewerbs bei gleichen Kosten mehr Fahrten in besser ausgestatteten Bussen heraus. Doch aufgrund der Einnahmeausfälle drohen nun Insolvenzen. Sigel rechnet damit, dass der Rems-Murr-Kreis bei einer Neuvergabe der Linienbündel nicht mehr so billig davonkommen würde. Die insolvente Busfirma Knauss in Schorndorf war für den Rems-Murr-Kreis ein warnendes Beispiel, was Pleite und eine Neuvergabe bedeuten.



Der aktuelle Teil-Lockdown wird das Defizit im Verkehrsverband weiter erhöhen, befürchtet VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Denn im November dürften wieder weniger Menschen Busse und Bahnen benutzen, als in den vergangenen Wochen und Monaten. Vor allem der Freizeitverkehr kommt zum Erliegen, wenn sämtliche Sport- und Kulturveranstaltungen ausfallen und Bars und Restaurants geschlossen sind. Ob schon 2021 die Trendwende kommt, ist fraglich. Der VVS plane jedoch eine große Kampagne, „um Fahrgäste zurückzugewinnen“.

Egal ob die Busse mit fünf oder 50 Fahrgästen besetzt sind: Sie fahren. Und das kostet Geld. Die Kostensteigerungen bezifferte Stammler mit 2,66 Prozent, die vom 1. April 2021 an unterschiedlich stark auf den Preis der einzelnen Tickets und Abos umgeschlagen werden. Einzeltickets könnten immer nur um zehn Cent verteuert werden. Das sei auch der Grund, dass 2021 die Erhöhung der Tickets für Kinder prozentual besonders deutlich ausfalle, nachdem es zuvor drei Nullrunden gegeben hatte.

Eine Nullrunde bei den Tariferhöhungen, die ebenfalls im Gespräch war, kam für die Landkreise und die Stadt Stuttgart nicht infrage. Zu teuer. Den Rems-Murr-Kreis hätte sie 1,4 Millionen Euro gekostet,

Linken-Kreisrat Ronald Borkowski kann die rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungen durchaus nachvollziehen. Vor dem Hintergrund der weltweiten Klimakatastrophe müsse aber über diesen Horizont hinausgedacht werden. Schließlich sei der Individualverkehr einer der Hauptverursacher der CO2-Emissionen.

„Die Tarifreform ist gelungen“, lobte SPD-Kreisrat Klaus Riedel den VVS und setzte ein Aber hinterher: „Die nächste Tarifreform muss kommen.“ Die müsse auf einen noch günstigeren Öffentlichen Personennahverkehr hinauslaufen, was die öffentliche Hand vor die Frage stelle: „Was ist uns der ÖPNV wert?“ Die Klimakrise könne nicht bewältigt werden, ohne den Autoverkehr zurückzudrängen und stattdessen Busse und Bahnen zu fördern.

„Ein falsches Signal“

Jochen Haußmann befürwortete für die FDP/FW-Fraktion die Preiserhöhungen. Eine Nullrunde ginge auf Kosten der künftigen Generationen. Stefan Altenberger (Freie Wähler) pflichtete Haußmann bei. „Ein kostenloser Nahverkehr ist nicht zu finanzieren.“ Marie-Luise Schmidt von den Grünen hielt indes die Tariferhöhung „für ein falsches Signal zur falschen Zeit“. Mit Blick auf die überproportionale Erhöhung der Kindertickets sagte sie, dass sie vor allem Familien treffe.

Der Umwelt- und Verkehrsausschuss votierte mehrheitlich, wie von der Verwaltung vorgeschlagen, für die VVS-Tariferhöhung um 2,66 Prozent. Dagegen stimmten die Fraktionen von SPD und Grünen sowie die Gruppe Die Linke/ÖDP.

Die Coronapandemie hat den Höhenflug des Verkehrsverbundes Stuttgart jäh gestoppt. Voller Hoffnungen war der VVS ins Jahr 2020 gegangen, dass dank der Tarifreform 2019 und verbesserter Angebote noch mehr Fahrgäste auf Busse und Bahnen umsteigen. Stattdessen schaut VVS-Geschäftsführer Horst Stammler in ein großes 115-Millionen-Euro-Loch, das Corona in die Kassen des Personennahverkehrs gerissen hat.

Stammler hofft, dass die Rettungsschirme von Bund und Land einen großen Teil des Loches

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