Rems-Murr-Kreis

Weshalb Elektro-Roller bei Fachkräftemangel gute Dienste leisten können: Ansichten eines Unternehmensberaters

Hand Attracting Human Figures With Horseshoe Magnet
Was macht einen Arbeitgeber attraktiv? © Pixabay / Andrey Popov

Ohne Moos nix los. Mit Moos allein gewinnt man aber nicht die guten Leute. Elektro-Roller könnten bei akutem Fachkräftemangel gute Dienste leisten.

Prof. Horst-Richard Jekel berichtet Erstaunliches von einem seiner Kunden, einem Bäcker: Der Mann fand keine Auszubildenden. Teig kneten, während alle anderen schlafen, das reizt nicht jeden. Und wer ohne Auto nachts um drei in die Backstube muss, bleibt mangels Busverbindung vielleicht lieber liegen.

Also stellte der Bäcker einem Azubi einen Elektro-Roller zur Verfügung. Auf den e-Roller druckte er sein Firmen-Emblem. Daraufhin erreichten den Bäcker Bewerbungen in nie zuvor gekannter Zahl.

Der Elektro-Roller-Coup gelingt via Symbolkraft: Für eine gewisse Haltung steht das Gefährt, der e-Roller drückt Wertschätzung aus, und der Bäcker-Azubi hat nächtens Spaß statt ein Mobilitätsproblem.

„Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch“

Prof. Jekel gehört der viel gescholtenen Alte-weiße-Männer-Fraktion an, doch er passt nicht ins Raster: „Die jungen Leute spüren, dass das, was ein Teil der Älteren sagt, nicht mehr glaubwürdig ist.“ Christian Lindners Aussage, man müsse Klimafragen den Profis überlassen, treibt Jekel die Zornesröte ins Gesicht. „Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch“, stellt der 58-Jährige trocken fest, und der Bäckerlehrling wie auch der Elektro-Roller spielen dabei eine nicht ganz unerhebliche Rolle: Ohne Klimaschutz werden weder Politik noch Wirtschaft vom Fleck kommen. Ob ein Unternehmen klimafreundlich agiert oder nicht, darauf achten junge Jobsuchende heute.

„Was können wir tun, um gute Leute zu gewinnen und zu binden?“ – mit dieser Frage ist Jekel als Coach und Trainer von Führungskräften bei der
SPPC-Group recht häufig konfrontiert. Aus dem Strauß an Antworten ragt eine heraus: Klimaschutz und Arbeitgeber-Attraktivität lassen sich in idealer Weise kombinieren. Wer zudem glaubwürdig agiert, authentisch auftritt, klar kommuniziert, transparent handelt und Vertrauen nicht verspielt, hat die besseren Chancen auf dem in diversen Branchen heiß umkämpften Fachkräftemarkt.

Heiß ersehnt: Wertschätzung und Anerkennung

Beispiel Gesundheitswesen: Seit Jahren herrscht Personalmangel in Kliniken und Praxen; die Pandemie hat den Lichtkegel der Aufmerksamkeit neu ausgerichtet auf diesen Punkt. Die Homepage der Rems-Murr-Kliniken gibt den Blick frei auf ein wahres Eldorado für Jobsuchende in diesem Segment – nur sind das leider viel zu wenige. Anlässlich des Tages der Pflege am 12. Mai haben die Rems-Murr-Kliniken ein Video gedreht, in welchem Mitarbeitende zu Wort kommen. Sie sprechen auch von angemessenem Gehalt, für das die Politik sich einsetzen sollte – doch viel häufiger kommen in den Statements Begriffe wie „Wertschätzung“ und „Anerkennung“ vor. Ließe sich die Arbeit auf mehr Schultern verteilen, bliebe folglich mehr Zeit für die Patienten, wäre das ein Ausdruck von eben jener ersehnten Wertschätzung, wie sinngemäß Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Melanie Schifke oder die Krankenschwester und Praxisanleiterin Christina Hausch im Video betonen. Altenpflegerin Anna Soltysiak-Wojda wünscht sich schlicht, „dass ich meinen Beruf zu 120 Prozent ausführen kann“. Das Größte sei es für sie, wenn beispielsweise ein Patient nach einem Schlaganfall wieder zu sprechen beginnt.

Sinnstiftendes Tun steht weit oben auf der Prioritätenliste: Vielleicht ist das etwas, das sich verändert hat im Lauf der Jahre. Vielleicht führt der Wandel, dessen Schubkraft sich niemand entziehen kann, zu einer Neubewertung von Arbeit, die sich nicht allein an Zahlen festmacht.

"Wir Deutsche sind Bedenkenträger ohne Ende"

Horst-Richard Jekel würde sich wünschen, dass sich mehr Arbeitgeber auf längst Bekanntes besinnen: Menschen möchten etwas bewirken, Dinge voranbringen, sich weiterentwickeln, lernen, in Balance leben und arbeiten. Das Werben um Menschen mit Ideen wird Kreativität erfordern; von einem „War for Talents“, einem Krieg um Talente, ist nicht erst seit gestern die Rede. Im Fachkräftemonitor der Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg klaffen rote und blaue Linien in der Vorausschau bis 2030 immer weiter auseinander: Blau steht für Fachkräfteangebot, Rot für die Nachfrage nach Fachkräften, und der Raum dazwischen beschreibt die wachsende Lücke.

Weites Feld: Gehaltsumwandlung

Würden nun jede Menge Arbeitgeber den Alltag ihrer Beschäftigten mittels Elektro-Rollern oder gleich Elektro-Autos erleichtern, wär’ die Welt nicht gerettet. Horst-Richard Jekel hält die Idee dennoch für eine interessante, zumal sich das Thema „Gehaltsumwandlung“ in allerlei Richtungen denken lässt: Gib deinen Beschäftigten etwas, das Nutzen bringt, den Alltag erleichtert, sich in den Klimaschutz-Mix einfügt – und lass sie vor allem selbst unter mehreren Angeboten auswählen, was individuell für sie passt. Elektrofahrzeuge wären nur eins von vielen möglichen Beispielen.

Nichts ist so beständig wie der Wandel - nur dass er sich immer schneller vollzieht. Nicht nur deshalb hofft Horst-Richard Jekel auf einen „mind-change“, eine Veränderung der Geisteshaltung hin zum Besseren: „Wir Deutsche sind Bedenkenträger ohne Ende. Das müssen wir ändern.“

Ohne Moos nix los. Mit Moos allein gewinnt man aber nicht die guten Leute. Elektro-Roller könnten bei akutem Fachkräftemangel gute Dienste leisten.

Prof. Horst-Richard Jekel berichtet Erstaunliches von einem seiner Kunden, einem Bäcker: Der Mann fand keine Auszubildenden. Teig kneten, während alle anderen schlafen, das reizt nicht jeden. Und wer ohne Auto nachts um drei in die Backstube muss, bleibt mangels Busverbindung vielleicht lieber liegen.

Also stellte der Bäcker einem

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