Rems-Murr-Kreis

Wie Corona die Berufsausbildung verändert: Kreative Lösungen gefragt

Berufswahl_Elektrotechniker[1]
Elektrotechnik: Ein Ausbildungsfeld unter vielen. © Handwerkskammer Region Stuttgart

Geschlossene Berufsschulen, teilweise geschlossene Betriebe und Home-Office-Pflicht: Die Corona-Pandemie beeinträchtigt auch die duale Berufsausbildung. Die Azubis mussten viele Monate im Home-Schooling Theorie büffeln und die Betriebe die fehlende Kontakte mit Gästen und Kunden kompensieren. Nicht zuletzt gibt es weniger Ausbildungsstellen.

Vor allem 2020 (Stand 31.7.) wurden laut IHK Rems-Murr mit 869 neuen Ausbildungsverträgen deutlich weniger Ausbildungsverträge geschlossen als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres, als 1152 neue Ausbildungsverträge verzeichnet worden waren. Vom Vor-Corona-Niveau sei man immer noch weit entfernt, dennoch stabilisiere sich die Lage in diesem Jahr mit einem Plus von knapp drei Prozent leicht, sagt Markus Beier, Leitender Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. Auch die Handwerkskammer Region Stuttgart registriert nach 2020 einen Aufwärtstrend.

Zurückhaltung in manchen Branchen

Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Branchen, sagt Gerd Kistenfeger, Pressesprecher der Handwerkskammer Region Stuttgart. Friseure und Augenoptiker seien von den Lockdowns stark betroffen gewesen und diese Branchen sowie der KFZ-Bereich entsprechend noch etwas zurückhaltend, was die Vergabe von Ausbildungsplätzen angehe. „Wir stellen bei den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen einen starken Rückgang um elf Prozent fest“, sagt Markus Beier. Besonders betroffen seien außerdem Metall- und Elektrotechnik, wozu beispielsweise Berufe wie Mechatroniker, Industriemechaniker oder Elektroniker zählen. „Seit Beginn der Pandemie sind hier die Vertragszahlen teilweise um bis zu 50 Prozent zurückgegangen“, so Beier. Andererseits verzeichne die IHK-Bezirkskammer aber auch steigende Zahlen in den besonders vom Lockdown betroffenen Branchen wie dem Handel oder der Hotellerie und Gastronomie. „Zulegt haben im Vergleich zum Vorjahr auch die Verträge in den IT- und Lagerberufen sowie bei den Fachkräften für Schutz und Sicherheit.“

Home-Schooling und Trainings im Betrieb

Die Pandemie wirkt sich nicht nur auf die Zahl der Ausbildungsverträge, sondern vor allem auch auf die Ausbildung in Theorie und Praxis aus. „In den vom Lockdown betroffenen Branchen wie der Gastronomie, in weiten Teilen des stationären Handels, der Reisebranche oder auch der Veranstaltungswirtschaft wurde der Ausbildungsalltag deutlich eingeschränkt“, sagt Beier. Corona habe die Ausbildung aber nicht unmöglich gemacht. Die Betriebe hätten kreative Wege gefunden, die Ausbildung sinnvoll und rechtskonform durchzuführen. Einige Betriebe hätten beispielsweise das Home-Schooling in den Betrieb verlagert, so dass für die Auszubildenden ein geregelten Tag im Büroraum und mit einem Firmen-Notebook gesichert war.

„Vielen Azubis wurden beispielsweise Zugänge zu E-Learning-Plattformen ermöglicht oder es fanden innerbetriebliche Azubi-Trainings statt“, nennt Markus Beier Beispiele aus der Praxis. Auch hätten Azubi und Ausbilder teilweise gemeinsam alternative Angebote auf den Weg gebracht und beispielsweise einen To-go- oder Lieferservice eingerichtet. „Ausbildungsinhalte, die klassischerweise nur im Zusammenspiel mit Gästen, Kunden oder Lieferanten vermittelt werden, konnten so anderweitig vermittelt und nach dem Lockdown nachgeschärft werden.“ Bei den meisten Azubis könne deshalb das ursprüngliche Ende der Ausbildung beibehalten werden, ohne Abstriche in der Qualität. Die Ausbildungszeit habe nur in sehr wenigen Fällen verlängert werden müssen.

Defizite sind entstanden

Das beurteilt Michael Fehrmann, Leiter der Abteilung Metall an der Gewerblichen Schule Waiblingen, ähnlich. „Die Wissensvermittlung war während des Lockdowns nicht so beeinträchtigt. Wir haben die Schüler auf unterschiedlichen digitalen Kanälen angesprochen und die meisten auch gut erreicht. Mit unserem Erziehungsauftrag sind wir aber an unsere Grenzen gekommen.“ Das betreffe die Schüler, die etwas mehr Führung brauchten, so der Lehrer. Online könne man weniger gut kontrollieren, ob Bücher an der richtigen Stelle aufgeschlagen seien und die Schüler dem Unterricht folgten. Im Klassenzimmer falle so etwas sofort auf.

Fehrmann ist sicher, dass während der Schulschließungen Defizite entstanden sind, vor allem die Möglichkeit, das vorher theoretisch erlernte Wissen in den Laboren der Schule in die Praxis umzusetzen, fehle. Diese Lücken könne man ausgleichen, eine weitere längere Schulschließung hält er allerdings für problematisch. „Präsenzunterricht ist durch nichts zu toppen und ich hoffe sehr, dass es nach den Sommerferien in Präsenz weitergehen kann.“ Das sehe auch die Mehrheit der Schüler so, ergab eine Umfrage an der gewerblichen Schule im Mai. Die meisten Schüler hätten dabei angegeben, der Präsenzunterricht sei nicht nur abwechslungsreicher, sondern sie lernten auch mehr und könnten sich in der Klassengemeinschaft besser motivieren.

Mehr Abbrecher im Handwerk

Fehlende Motivation könnte auch ein Grund sein, die Ausbildung nicht zu beenden. Die Handwerkskammer Region Stuttgart verzeichnete zum Stichtag 31. Juli in den Jahren 2020 und 2021 mehr Azubis, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, als 2019. „Die Gründe hierfür können vielfältig sein, sind aber sicher zum Teil auch coronabedingt“, sagt Kistenfeger. Bei der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr ist die Abbruchquote konstant geblieben. „Pandemiebedingte Kündigungen von Auszubildenden spielen zum Glück kaum eine Rolle“, sagt Markus Beier.

Geschlossene Berufsschulen, teilweise geschlossene Betriebe und Home-Office-Pflicht: Die Corona-Pandemie beeinträchtigt auch die duale Berufsausbildung. Die Azubis mussten viele Monate im Home-Schooling Theorie büffeln und die Betriebe die fehlende Kontakte mit Gästen und Kunden kompensieren. Nicht zuletzt gibt es weniger Ausbildungsstellen.

Vor allem 2020 (Stand 31.7.) wurden laut IHK Rems-Murr mit 869 neuen Ausbildungsverträgen deutlich weniger Ausbildungsverträge geschlossen als

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper