Rems-Murr-Kreis

Wie die Corona-Pandemie den Markt für Lehrstellen durcheinanderbringt

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In Einzelhandel sind noch Ausbildungsstellen frei. Foto: contrastwerkstatt - Fotolia © siehe Bildtext

Die Coronapandemie rüttelt den Lehrstellenmarkt durcheinander. Viele Jugendliche sich verunsichert. Mehr als 1100 junge Leute haben im Rems-Murr-Kreis noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Die Berufsberatung, das Handwerk und die Industrie- und Handelskammer können den Frust nachvollziehen. Junge Leute sollten die Flinte jedoch nicht ins Korn werfen. Wie groß sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz in letzter Minute?

Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. Was hat Corona beim Ausbildungsstellenmarkt im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Annette Schanbacher: „Der Ausbildungsmarkt ist im Moment nur schwer einschätzbar“, sagt die Leiterin der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Waiblingen.. „Wir bemerken sehr stark, dass die Jugendlichen verunsichert sind und sich noch weniger als in den Jahren zuvor zutrauen.“ Dies bedeutet auch, dass die jungen Menschen keine Bewerbung verschicken, weil sie denken, es gibt keine Ausbildungsstellen. Tatsächlich haben aber die Jugendlichen noch gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wenn es nicht im Rems-Murr-Kreis klappt, dann aber in der angrenzenden Region

Markus Beier: Die Bewerbungsphase habe sich bedingt durch den Lockdown in den Monaten April bis Juni sowohl für Ausbildungsunternehmen wie auch für Bewerberinnen und Bewerber deutlich nach hinten verschoben, sagt der Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. Seien normalerweise bis zu den Sommerferien die meisten Ausbildungsverhältnisse unter Dach und Fach, sei dieses Jahr noch viel Bewegung auf dem Ausbildungsmarkt. „Viele Unternehmen haben noch freie Ausbildungsplätze und genauso sind noch viele Schulabgänger auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle.“

Der wirtschaftliche Schock durch Corona und den Lockdown hinterlasse Spuren auf dem Ausbildungsmarkt, räumt Beier ein: „Wenn man nur die Zahl der eingetragenen Ausbildungsverhältnisse zum Stichtag 31. Juli betrachtet, liegen wir in diesem Jahr aktuell rund 24 Prozent unter dem Vorjahreswert.“ Beier erwartet, dass das Minus Ende des Jahres kleiner ausfallen dürfte.

Julia Häcker: Der Ausbildungsmarkt im Handwerk der Region Stuttgart zeigt sich stabil, sagt die Pressesprecherin der Handwerkskammer Region Stuttgart. Trotz der Corona-Pandemie seien viele Handwerksunternehmen bereit, junge Menschen auszubilden. Viele der offenen Ausbildungsstellen konnten bereits besetzt werden - so zeigt die Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Region Stuttgart, in die Betriebe freiwillig ihre noch offenen Lehrstellen eintragen können, Ende Juli deutlich weniger freie Ausbildungsplätze als im Vorjahr

Wie schaut es aktuell mit unbesetzten Lehrstellen und suchenden Bewerbern aus?

Annette: Schanbacher: „Ob wir alle Jugendlichen erreicht haben, die eine Ausbildungsstelle suchen, ist unklar.“ Häufig sei der Kontakt zur Berufsberatung in der Vergangenheit erst nach den Halbjahreszeugnissen zustande gekommen. „Da wir seit Mitte März nicht mehr an den Schulen waren, ist zu befürchten, dass es Jugendliche gibt, die keinen Plan haben.“ Viele versuchen wahrscheinlich, an den Beruflichen Schulen unterzukommen, sagt Schanbacher aus langjähriger Erfahrung.



Seit Berichtsjahrbeginn 2019/20 wurden 2620 Ausbildungsstellen gemeldet, davon waren im Juli noch 968 Ausbildungsstellen unbesetzt. In der Region Stuttgart fänden Jugendliche noch 5608 freie Ausbildungsplätze. Dem gegenüber stehen im Rems-Murr-Kreis 1125 Bewerber, die noch ohne Ausbildungsplatz und ohne Alternative sind. Im Berichtsjahr 2019/2020 waren insgesamt 2714 junge Menschen für eine Ausbildungsstelle gemeldet.

Markus Beier: Die IHK-Lehrstellenbörse verzeichnet derzeit für den Rems-Murr-Kreis knapp 140 freie Ausbildungsstellen in IHK-Berufen, davon jeweils rund die Hälfte für dieses und nächstes Jahr. Da nicht jedes Unternehmen in der IHK-Lehrstellenbörse inseriert, würden es effektiv deutlich mehr sein. „Über unser Projekt ,Azubi gesucht’ sind wir intensiv dabei, bislang noch unversorgte Bewerberinnen und Bewerber in Ausbildung zu vermitteln.“ Die schulischen Leistungen und die Anforderungen im Traumberuf passen bei manchen Bewerbern nicht zusammen. Wer aber bei der Suche eine gewisse Bereitschaft und Flexibilität mitbringt, auch einen anderen als den Wunschberuf zu erlernen, habe gute Chancen auf eine erfolgreiche Vermittlung.

Julia Häcker: „Der Fachkräftebedarf im Handwerk ist nach wie vor groß, weshalb Betriebe nach wie vor Handwerkernachwuchs suchen. Vor allem im Lebensmittelhandwerk sowie in den Bau-Berufen ist der Bedarf groß.“

In der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer zeichnen sich folgende Berufe als Spitzenreiter ab: Elektroniker (50 Plätze), Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (41 Plätze), Frisör (35 Plätze) und Maler und Lackierer (23 Plätze).

Spiegeln sich die wirtschaftlichen Probleme in der Autoindustrie und im Maschinenbau bereits in der Ausbildungsbereitschaft wider?

Markus Beier: „Definitiv ja.“ Die Unternehmen im Zuliefererbereich und im Maschinenbau, die von der Automobilindustrie abhängig sind, spüren nach wie vor ein schwieriges Branchenumfeld und eine verhaltene Entwicklung des Auftragseingangs. Auch Kurzarbeit ist in diesen Betrieben nach wie vor häufig, davon sind oft auch Azubis und Ausbilder betroffen. „Wir hören allerdings auch, dass die Firmen zwar aktuell zögern, weitere Ausbildungsplätze zu besetzen, dass dies aber bei einer spürbaren Erholung bis in den Spätherbst hinein nachgeholt werden könnte.“ Dies treffe im Übrigen auch für die Veranstaltungsbranche zu. Einige Unternehmen planen den Beginn der Ausbildung gar auf Februar oder März 2021 zu verschieben, weil sie mit einer Verbesserung der Auftragslage zu diesem Zeitpunkt rechnen.

Annette Schanbacher: „Tatsächlich könnte man vermuten, dass es in diesen Bereichen zu einem Rückgang an Ausbildungsstellen kommt.“ Ganz nachvollziehbar sei es nicht. „Es gibt circa vier Prozent weniger Stellen in dem klassischen Fertigungsbereich, allerdings auch deutlich weniger Bewerber“, weist Schanbacher auf das Minus von knapp sechs Prozent hin. „Von einigen Jugendlichen haben wir gehört, dass es im Bereich der Gastronomie Firmen gibt, die schon geschlossene Ausbildungszusagen zurückziehen.“

Julia Häcker: Die Entwicklungen in der Autoindustrie sowie im Bereich Maschinenbau haben weniger Auswirkung auf das Handwerk, sondern vielmehr auf die Ausbildungsberufe im Bereich der Industrie. Im handwerklichen Kfz-Bereich, der beispielsweise den Bereich der Kraftfahrzeugmechatroniker oder die Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker betrifft, die überwiegend in Autohäusern oder Werkstätten eingesetzt sind, sind die Zahlen stabil.

Muss ein Jugendlicher schon die Flinte ins Korn werfen, wenn er noch keinen Ausbildungsplatz hat?

Julia Häcker: „Nein, auf keinen Fall. Jugendliche können im Handwerk auch noch kurz vor knapp fündig werden.“ Anders als in Großunternehmen mit länger dauernden vorgeschalteten Bewerbungsverfahren reagiere das Handwerk oft flexibel und schnell.

Annette Schanbacher schließt sich der Einschätzung des Handwerks an. Es gebe noch viele offene Ausbildungsstellen. „Vielleicht ist es nicht immer der Traumberuf.“ Die Berufsberatung kenne Alternativberufe und „kann hierbei unterstützen“.

Markus Beier:„Nein, das ist definitiv nicht notwendig.“ Es gibt noch zahlreiche freie Ausbildungsplätze. Bei der Lehrstellensuche ist aber auch Flexibilität gefragt. Wer sich nicht nur auf einen Wunschberuf festlegt, findet sicher noch Alternativen in verschiedenen Branchen.

In welchen Ausbildungsbereichen rechnen Sie noch mit Bewegung?

Annette Schanbacher: „Da viele Firmen noch abwarten, was mit der zweiten Welle passiert, kann es überall noch Bewegung geben. Es gibt beispielsweise noch Ausbildungsstellen im Einzelhandel, im Hotel- und Gaststättenbereich und im Lager-Logistik-Bereich, aber auch im Bereich Gesundheit, Erziehung, Pflege stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz gut. Im Handwerk, zum Beispiel Heizung und Klimatechnik, Maler, gibt es in der Regel immer noch späte Vertragsabschlüsse.

Markus Beier: „Wir erwarten in den Bereichen Handel, Dienstleistung, Logistik, in der IT-Branche und auch in der Gastronomie und Hotellerie noch Bewegung bis in den Herbst hinein. Wie erwähnt auch in der Metall- und Elektroindustrie.“

Julia Häcker: „Wir rechnen in allen Bereichen noch mit Bewegung, da wir mitten in der Hochsaison stecken und täglich stapelweise neue Ausbildungsverträge ins Haus flattern.“

Wie sieht es mit der Alternative Schule aus?

Annette Schanbacher: „Wenige Schulplätze sind noch frei. Wir stehen in engem Kontakt mit den Schulen und geben diese Information zeitnah an den Jugendlichen weiter.“ Aber erst nach den Sommerferien werde klar, ob es Jugendliche gibt, die ihren Schulplatz nicht angenommen haben.

Viele Hochschulen haben wegen Corona die Bewerbungsfrist nach hinten verschoben. Bis wann ist mit Zu- und Absage zu rechnen?

Annette Schanbacher: Die Zulassungsbescheide für bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge werden in der Koordinierungsphase vom 31. August bis 30. September beziehungsweise im Nackrückverfahren vom 12. Oktober bis 19. Oktober bereitgestellt. Die Bescheide für örtlich zulassungsbeschränkte und zulassungsfreie Studienangebote, die durch Hochschulstart erstellt werden, werden vom 24. August bis 30. September beziehungsweise vom 5. Oktober bis 21. Oktober im Nackrückverfahren bereitgestellt.

Ausblick: Wird Corona für eine Bugwelle an Bewerbern im Ausbildungs- markt 2021/22 sorgen?

Markus Beier: „Von Bugwelle würde ich nicht sprechen, aber in gewissem Umfang ist das schon möglich, wenn Schulabgänger auf weiterführende Schulen ausweichen oder ein Überbrückungsjahr absolvieren.“ Andererseits rechnet die IHK damit, dass die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze im kommenden Jahr wieder ansteigen dürfte, zum Beispiel durch Firmen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Azubizahlen in diesem Jahr reduzieren oder mit der Ausbildung ganz aussetzen. „Viel hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden Monaten ab.“

Das Handwerk rechnet nicht mit einer Bugwelle, sagt Julia Häcker: „Der derzeitigen Einschätzung nach: nein.“

Annette Schanbacher: „Sie erinnern sich vielleicht an den doppelten Abiturientenjahrgang. Da hat man auch befürchtet, dass sich eine Bugwelle ergibt.“ Auch jetzt könne es sein, dass es mehr Bewerberinnen und Bewerber im nächsten Ausbildungsjahr geben wird. Die Alternativangebote wie FSJ und Bundesfreiwilligendienst oder Job seien vorhanden und werden sicher genutzt werden. „Tatsächlich sind die Firmen gut beraten, sich um die jungen Menschen zu kümmern, die eine Ausbildung aufnehmen möchten. Diese Personen werden die große Menge an Fachkräften ersetzen müssen, die in naher Zukunft in den Ruhestand gehen werden.“

Die Coronapandemie rüttelt den Lehrstellenmarkt durcheinander. Viele Jugendliche sich verunsichert. Mehr als 1100 junge Leute haben im Rems-Murr-Kreis noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Die Berufsberatung, das Handwerk und die Industrie- und Handelskammer können den Frust nachvollziehen. Junge Leute sollten die Flinte jedoch nicht ins Korn werfen. Wie groß sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz in letzter Minute?

Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. Was

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