Rems-Murr-Kreis

Wie eine 33-Jährige aus dem Rems-Murr-Kreis nach jahrelangem Ehe-Martyrium einen Ausweg fand

Kopie von Häusliche Gewalt Symbol Symbolbild Schläge_0
Es handelt sich um ein gestelltes Symbolbild. Die Verletzungen der Frau sind nicht echt, sondern wurden geschminkt. Das Foto zeigt nicht die Frau, um die es im Artikel geht. © ZVW/Alexandra Palmizi

Warum sich Frauen viele Jahre lang einem gewalttätigen Partner unterwerfen, ist schwer zu verstehen. Die Angst vor den Folgen einer Trennung lähmt sie, und um der Kinder willen scheint es besser, die Familie zu erhalten – oder zumindest die Fassade.

Agnes (Name geändert) hatte gar nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Gesundheitliche Probleme machten ihr schwer zu schaffen, und dennoch verließ sie gegen ärztlichen Rat mehrfach ein Krankenhaus: Sie fürchtete, ihr Mann könnte ihrer Tochter etwas antun.

Vor den Eltern jahrelang die Wahrheit verborgen

„Ich musste überall Lügen erzählen. Ich durfte nichts sagen“, erzählt die 33-Jährige. Ihren Eltern tischte sie über Jahre hinweg Lügenstorys auf. Die blauen Flecken habe sie sich bei einem Sturz zugezogen, und ja, es sei schon mal zu einem lautstarken Streit gekommen, aber alles habe sich längst wieder eingerenkt. Ihr Mann habe eine stressige Zeit gehabt, mehr war nicht.

„Wenn wir sie nicht herausgeholt hätten, wäre sie heute tot“, ist Agnes’ Mutter überzeugt. Seit einigen Monaten leben ihre Tochter und das Enkelkind wieder bei ihr, und erst nach und nach hat die Mutter erfahren, welches Martyrium Agnes durchlebt hat. Die Geschichte klingt wie das Drehbuch eines Krimis. Von ständigen Schlägen berichtet Agnes, von Tritten, von Vergewaltigungen, Morddrohungen, emotionaler Eiseskälte und Hunger. Er habe ihr keinen Cent gelassen, ihr jeden Kontakt mit ihrer Familie untersagt, der Tochter gedroht, wenn sie auch nur einen Ton sage, werde er sie töten.

„Aber es wurde immer schlimmer“

„Ich ändere mich“, versprach er ein ums andere Mal. „Aber es wurde immer schlimmer.“ Als an einem Abend die Situation erneut eskalierte und Agnes einen Hilferuf absetzte, riefen Verwandte die Polizei. Die 33-Jährige entschied sich noch in jener Nacht, ihren Mann anzuzeigen, und sie nahm die Anzeige trotz seines Drängens nicht zurück. Sie fand eine Übergangsbleibe für sich und ihr Kind, holte von einer Vertrauensperson begleitet ihre Sachen aus der Wohnung – und versucht seitdem, die Dinge mit psychologischer Hilfe zu verarbeiten und ihrer Tochter eine Stütze zu sein, wenn sie nachts aus Angstträumen aufschreckt. Letztlich war es der pure Überlebenswille, sagt sie heute, der ihr am Ende die Kraft für diesen Schritt verlieh.

Fallzahlen in den Beratungsstellen gestiegen

Bereits vor 16 Jahren haben sich im Rems-Murr-Kreis mehrere Institutionen zusammengefunden, die sich um den Schutz der Opfer häuslicher Gewalt kümmern, Beratung anbieten und ihre Angebote koordinieren und vernetzen. Kernstück der Konzeption ist, dass Betroffene von häuslicher Gewalt dezentral an mehreren Orten im Rems-Murr-Kreis Anlaufstellen vorfinden. Dafür sorgen der Kreisdiakonieverband, die Caritas, das Rote Kreuz und Pro Familia. Im vergangenen Jahr befasste sich die Opferberatung im gesamten Kreis mit 166 Fällen – was einem Höchststand seit 2014 entspricht. In den Jahren 2014 bis 2018 hatten es die Beraterinnen mit Fallzahlen zwischen 99 und 150 zu tun – und das sind nur jene, die in den Beratungsstellen registriert sind. Die tatsächliche Zahl der Fälle liegt weitaus höher; die Dunkelziffer ist hoch.

Mehr Geld für die Opferberatung

„Gewalt gegen Frauen wird nicht mehr hingenommen“, das ist laut einem gemeinsamen Schreiben der Beratungsstellen einer der Gründe, weshalb mehr Frauen den Weg ins Hilfesystem finden. Das Bewusstsein für die Problematik habe zugenommen, sowohl in den Polizeirevieren als auch in der Öffentlichkeit insgesamt.

Vor diesem Hintergrund hat der Sozialausschuss des Kreistags jetzt beschlossen, die Mittel für die Opferberatung zu erhöhen. Statt einer halben Stelle wird dafür nun unbefristet eine 90-Prozent-Stelle finanziert, die auf die vier Beratungsstellen aufgeteilt wird.

Jeden dritten Tag führt Partnergewalt zum Tod einer Frau

Auch Männer sind von häuslicher Gewalt betroffen, und laut den Beratungsstellen ist deren Schamgrenze, das Geschehen öffentlich zu machen, ganz besonders hoch.

Doch liegt das Risiko, durch die Hand des Ehemannes oder Ex-Partners zu sterben, für Frauen ungleich höher. Statistisch stirbt in Deutschland alle drei Tage eine Frau durch Partnergewalt. Jeden Tag registriert die Polizei einen Tötungsversuch. Zwar hat sich die Bundesregierung bereits vor drei Jahren offiziell dazu verpflichtet, Gewalt gegen Frauen und Mädchen nachhaltig zu verhindern und zu bekämpfen. Doch gibt es nach wie vor keine Koordinierungsstelle, die sich um die Umsetzung einer entsprechenden Konvention kümmert. In einem zivilgesellschaftlichen Bündnis haben sich 20 Frauenrechts- und Gewaltschutzorganisationen zusammengeschlossen, deren Einschätzung nach die deutsche Gesellschaft „weit davon entfernt ist, dass alle Frauen und Mädchen gleichermaßen Zugang zu Unterstützung und Schutz erhalten“.

Unterdessen möchte Agnes ihre Geschichte nicht mehr für sich behalten. „Mir ist es wichtig, dass es an die Öffentlichkeit kommt. Um anderen Frauen zu sagen: Passt auf.“

Warum sich Frauen viele Jahre lang einem gewalttätigen Partner unterwerfen, ist schwer zu verstehen. Die Angst vor den Folgen einer Trennung lähmt sie, und um der Kinder willen scheint es besser, die Familie zu erhalten – oder zumindest die Fassade.

Agnes (Name geändert) hatte gar nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Gesundheitliche Probleme machten ihr schwer zu schaffen, und dennoch verließ sie gegen ärztlichen Rat mehrfach ein Krankenhaus: Sie fürchtete, ihr Mann könnte ihrer

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper