Rems-Murr-Kreis

Wie gefährlich ist das Coronavirus? Zwei Winnender Chefärzte erzählen

Corona
Chefarzt Prof. Dr. Andreas Jeron. Fotos: Benjamin Büttner © Benjamin Büttner

Der Streit darüber, ob Covid-19 nun gefährlich oder eigentlich ganz harmlos sei, geht mittlerweile in Richtung Glaubenskrieg – aber wie sehen das eigentlich Leute, die täglich von morgens bis abends gegen das Virus kämpfen? Fragen wir zwei Chefärzte: Torsten Ade vom Corona-Testzentrum an den Rems-Murr-Kliniken; und den Intensivmediziner Prof. Andreas Jeron.

Coronavirus und Grippe im Vergleich - oder: von Konquistadoren und Azteken

Die spanischen Konquistadoren waren kaum mehr als ein Häuflein aus Glücksrittern und Halunken – wie konnten sie die vieltausendfache Überlegenheit der Azteken, Inkas, Mayas brechen? In gewisser Weise, sagt Torsten Ade, war dies „der erste Biowaffen-Einsatz“: Die Europäer schleppten Viren ein. Während die Spanier dagegen längst eine gewisse Robustheit entwickelt hatten, waren den Organismen der indigenen Bevölkerung die Erreger vollkommen fremd. Die Viren, sagt Ade, schlugen eine „Schneise der Verwüstung“, allein an den Masern starben mehr Menschen als „durch die spanischen Schwerter“, dazu wüteten die Pocken. Forscher gehen von Todesopfern in Millionenhöhe aus.

Die Geschichte ist nicht nur historisch interessant. Sie erzählt auch viel über den Unterschied zwischen Grippe und Corona.

Das Influenza-Virus ist uns vertraut. Viele Menschen haben es schon in sich getragen und Antikörper gebildet. Es gibt auch einen Impfstoff. Nun gut, das Grippevirus „mutiert relativ häufig“, sagt Andreas Jeron, es verändert sich immer wieder ein bisschen – unsere Antikörper arbeiten deshalb manchmal „nicht ganz so effektiv“, auch der Impfstoff schlägt nicht jedes Jahr gleich gut an. Aber das Grundprinzip steht: Viele fangen sich die Grippe erst gar nicht ein und stecken so auch niemanden an. Bei vielen anderen ist der Husten wenigstens nicht ganz so stark, das Fieber nicht gar so hoch. Das Virus kann sich nicht so schnell verbreiten; und richtet nicht so viel Schaden an.

Und nun kommt SARS-CoV-2: Niemand ist ihm zuvor begegnet, die Menschen sind ihm gegenüber „alle naiv“, sagt Jeron. Das Wort ist nicht psychologisch gemeint als Synonym für dümmlich unbedarft – naiv im medizinischen Sinne heißt: Der Organismus reagiert nicht abgebrüht, er weiß sich noch nicht zu wehren. Und wir wissen ihm auch noch nicht mit einem Impfstoff zu helfen.

In Bezug auf das Coronavirus sind wir alle keine Konquistadoren. Was SARS-CoV-2 betrifft, besteht die ganze Welt aus Inkas, Mayas und Azteken.

Coronavirus, Lungenentzündung und die Tücken der Statistik

Eine Lungenentzündung kann von Bakterien, Pilzen, Viren ausgelöst werden, auch vom Influenzavirus. Oft helfen Antibiotika und Bettruhe, bei schwererem Verlauf erleichtert eine Maske das Atmen – manchmal aber wird es so schlimm, dass man den Patienten „invasiv beatmen“ muss, „intubieren“, erklärt Andreas Jeron: Durch Mund oder Nase wird ein Schlauch eingeführt, der Kranke hängt, auf dem Bauch liegend, 18 Stunden am Beatmungsgerät – und nach sechs Stunden Pause für Diagnostik folgt die nächste 18-Stunden-Schicht. Hart.

Vor Covid-19 kamen solche schweren Fälle in der Winnender Klinik „zwei- bis dreimal im Jahr“ vor, schätzt Jeron. Seit das Coronavirus umgeht, „hatten wir zum Teil zehn Betroffene gleichzeitig“. Corona nicht so schlimm? „Das“, kommentiert Ade mit wohldosiertem Sarkasmus, „trifft für alle zu, die einen leichten Verlauf haben.“

Für manche ist es heftig, für andere ein Klacks – wie genau sich das aber verteilt, „weiß kein Mensch“, sagt Jeron. Wir haben nach wie vor keine Ahnung, wie viele Leute schon infiziert waren. Wir kennen nur die positiven Tests, die offiziellen Diagnosen. Wie hoch ist die Zahl der Leute, die das Virus in sich trugen, ohne überhaupt etwas zu merken, ohne auch nur ein Symptömchen wahrzunehmen? „Keiner weiß das. Kein Politiker. Kein Virologe.“

Großbritannien: 208 000 bestätigte Ansteckungen, rund 30 700 Todesfälle – die Mortalität liegt demnach bei 15 Prozent.

Deutschland: 170 000 bestätigte Ansteckungen, rund 7400 Todesfälle – die Mortalität liegt demnach bei rund vier Prozent.

Macht das Virus Briten kränker? Wohl kaum. Es gab dort aber weniger Tests, folglich eine höhere Dunkelziffer, das Virus konnte sich unerkannt rasch verbreiten – und irgendwann liefen binnen kurzer Zeit derart viele schwere Fälle auf, dass das Gesundheitssystem in die Knie ging. Diese fatale Mechanik griff in vielen Ländern.

„Persönlich glaube ich, dass die Mortalität unter einem Prozent liegt,“ sagt Jeron. Das hieße: Auch im testweise gut ausgeleuchteten Deutschland wurde bislang nur ein Viertel der Infektionen erkannt.

Das Coronavirus und die Frage: "an" Covid 19 gestorben oder nur "mit"?

Corona rafft nur Betagte dahin? Falsch. In den Rems-Murr-Kliniken sind „nicht nur 80-, 90-Jährige“ nach Infektion gestorben – sie waren „im Durchschnitt 73 Jahre alt“.

Corona ist eine Gefahr vor allem für bereits Angeschlagene? Richtig. „Praktisch alle“ Verstorbenen hatten „Vorerkrankungen“, berichtet Jeron.

Vorerkrankungen finden sich naturgemäß häufiger bei Alten. Aber wenn jemand zum Beispiel nach einer Krebserkrankung geschwächte Abwehrkräfte hat, kann Covid schnell lebensbedrohlich werden, „ob er 50 ist oder 80“. Andererseits gibt es „auch bei Älteren durchaus milde Verläufe“; und sogar Geschichten zum Staunen wie diese: Eine Patientin, sie war über 80, musste „20 Tage lang beatmet“ werden – und „läuft jetzt wieder fröhlich über den Gang“.

Was der eine locker aushält, kann der andere nicht mehr kompensieren – man muss sich das wie bei Muhammad Ali vorstellen: In seinen jungen Jahren widerstand er selbst brutalsten Hieben lässig, er ließ sie ins Leere sausen, indem er den Kopf zurückzog; später konnte er nicht mehr ausweichen, absorbierte aber die Wucht der Treffer, blieb stehen und gewann; am Ende unterlag er Durchschnittsboxern, deren Schlägen er früher davongetanzt wäre.

Sterben die Menschen „an“ Covid? Oder nur „mit“ Covid? Manche diskutieren über diese Frage, als hänge Wohl und Wehe des Abendlandes daran. Jeron antwortet: „Wo will man die Grenze ziehen?“ Nicht mal Obduktionen könnten immer trennscharf die vorbelastenden Faktoren vom letzten Impuls scheiden. Es sei „müßig“, findet Ade, darüber zu streiten. Das Virus „hat in aller Regel seinen Teil dazu beigetragen“.

Viele vergleichen dieser Tage Apfelmost mit Birnenkuchen: nur 7000 Corona-Tote in Deutschland (und womöglich nicht mal „an“, sondern nur „mit“!) gegen 25 000 Grippetote in Winter und Frühjahr 2017/18! An diesem Vergleich hinkt allerlei. Die damalige Grippesaison ist abgeschlossen, die Coronaphase läuft noch; die 25 000 sind eine nachträgliche Schätzung – die Zahl der labordiagnostisch abgesicherten, offiziellen Influenzafälle mit Todesfolge lag bei nur 1100; und ob diese 1100 Menschen „an“ Grippe starben oder „mit“ Grippe, ist haargenau so unklar wie bei Corona.

Richtig ist aber: Deutschland wurde von Corona tatsächlich bei weitem nicht so schlimm erwischt wie andere Länder.

Das Coronavirus: Was bisher geschah - und was noch kommen mag

„Sie stehen am Strand, Sie wissen, es kommt ein Tsunami, und Sie wissen nicht, wie hoch die Welle wird“: So etwa, sagt Andreas Jeron, habe er sich Anfang, Mitte März gefühlt. „Apokalyptische Bilder“ spukten durch Europa, Bilder von Eishallen die in Leichenhäuser umgewandelt wurden, Bilder von Armee-Lastwagen, die Tote abtransportierten, via Whatsapp kamen erschütternde Erfahrungsberichte von Kollegen aus dem Elsass oder aus der Lombardei, und auch für Deutschland kursierten „monströse Hochrechnungen“.

Dann schwappte die Welle tatsächlich zu uns – sie war „bei weitem nicht so schlimm“ wie befürchtet. Warum?

Wir haben schnell viele Tests gemacht, dadurch einen einigermaßen belastbaren Eindruck von der Infektionslage gewonnen, umgehend Gegenmaßnahmen ergriffen – und „bei uns ist es milder. Da kann man einen kausalen Zusammenhang vermuten“, sagt Ade: „Wer früher reagiert, kommt besser aus der Krise raus.“

In diese Richtung weist auch ein Vergleich zwischen zwei etwa gleich großen Städten. In New York gab es anfangs kaum Corona-Tests, Distanzregeln griffen spät – am Ende aber wurden radikale Maßnahmen wie Ausgangssperre erlassen. Zahl der Corona-Toten: rund 20 000. In Hongkong gab es früh ein ganzes Maßnahmenbündel von intensiven Testaktivitäten über prophylaktische Quarantäne für Neuankömmlinge bis zum Stopp von Großveranstaltungen – aber nie einen Lockdown wie in der US-Metropole. Zahl der Corona-Toten: vier.

In Deutschland sind die Infektionszahlen mittlerweile „extrem rückläufig“, sagt Jeron, und in den Rems-Murr-Kliniken gab es zuletzt Tage, an denen auf der Intensivstation kein einziger Covid-19-Patient mehr lag. Unsere Krankenhäuser haben die vergangenen zwei Monate gut gemeistert: Vieles war umsichtig vorgeplant, manches wurde entschlossen nachjustiert. „Wir haben jetzt alles“, worauf es ankommt, „in der Schublade“; und genug Schutzmasken im Lager. „Ich bin relativ entspannt – selbst, falls im Herbst die zweite Welle kommt.“

Wird sie kommen? Wenn ja, wie groß? Sind die jetzt beschlossenen Lockerungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu großzügig? Oder zu kleinmütig? Zu viel zu schnell? Zu wenig zu spät? Wie müssen wir das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit in den kommenden Monaten ausbalancieren? Jeron: „Ich beneide niemanden“, der diese Entscheidungen treffen muss. Denn so viel wir mittlerweile auch wissen – „unsere Lernkurve ist noch nicht zu Ende“, sagt Torsten Ade. Im Grunde stehen wir noch immer am Strand.

Der Streit darüber, ob Covid-19 nun gefährlich oder eigentlich ganz harmlos sei, geht mittlerweile in Richtung Glaubenskrieg – aber wie sehen das eigentlich Leute, die täglich von morgens bis abends gegen das Virus kämpfen? Fragen wir zwei Chefärzte: Torsten Ade vom Corona-Testzentrum an den Rems-Murr-Kliniken; und den Intensivmediziner Prof. Andreas Jeron.

Coronavirus und Grippe im Vergleich - oder: von Konquistadoren und Azteken

Die spanischen Konquistadoren waren kaum mehr

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