Rems-Murr-Kreis

Wie kommen Bio-Produkte in den Handel? So unterstützt der Rems-Murr-Kreis Bauern

Gründonnerstag
Wie kommen mehr regionale Bio-Produkte in große Supermärkte? © Benjamin Büttner

Der Discounter Aldi ist der größte Bio-Händler in Deutschland. Ob fliegende Bio-Mangos, ein Bio-Ingwer-Shot im Plastikfläschchen oder die Bio-Kokos-Milch wirklich gut für Umwelt und Klima sind, sei einmal dahingestellt. Obst und Gemüse, Wein, Wurst und Eier aus der Region lassen sich hingegen im Bio-Sortiment der Discounter und der großen Handelsketten nur selten finden. Bei den Großen der Branche schauen die Bio-Bauern an Rems und Murr in die Röhre. Hier setzt die Bio-Musterregion Rems-Murr-Ostalb an. Sie will die Ökolandwirtschaft unterstützen und die regionale Vermarktung von (Bio-)Produkten stärken.

Was ist eine Bio-Musterregion?

„Ziel der Bio-Musterregionen ist es, die regionale Wertschöpfung von der Erzeugung über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung und der Außer-Haus-Verpflegung in den Regionen zu steigern und den Ökolandbau so zu fördern“, heißt es auf der Internetseite des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums. Das Land finanziert ein Regionalmanagement vor Ort, das die Akteure des Öko-Sektors zusammenbringt, um gemeinsam Ideen und Maßnahmen für mehr Öko-Landbau entlang der Wertschöpfungskette zu entwickeln und umzusetzen.

In unserer Bio-Musterregion ist dies Vera Brosche, die von einem 24-köpfigen Beirat und diversen Projektgruppen unterstützt wird. Konkret geht es zum Beispiel darum, wie Bioprodukte aus der Region in den Supermärkten häufiger und besser präsentiert werden, damit die Verbraucher zugreifen.

Wie viele Bio-Musterregionen gibt es?

Die Bio-Musterregion Rems-Murr-Ostalb ist eine von insgesamt 14 Bio-Musterregionen in Baden-Württemberg. Diese wurden als Teil des Bio-Aktionsplans des Landes ins Leben gerufen und sollen zusammen mit weiteren Fördermaßnahmen dazu beitragen, die ökologische Landwirtschaft weiter auszubauen.

Im Oktober 2021 nahm die Bio-Musterregion Rems-Murr-Ostalb ihre Arbeit auf als Kooperation von Rems-Murr-Kreis und Ostalbkreis. Michael Stuber, Leiter des Landwirtschaftsamtes in Backnang, stellte im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages die Ideen für die Musterregion vor. Als „Lead-Partner“ hat das Landwirtschaftsamt die Federführung übernommen. Die Stelle des Regionalmanagements ist an das Landwirtschaftsamt in Backnang angegliedert.

Welche Projekte sind in der Bio-Musterregion geplant?

Kürzlich hat der Maschinenring Rems-Murr-Neckar-Enz in Fellbach ein mobiles Schlachthaus für Geflügel vorgestellt. Das Schlachtmobil erspart den Hühnern die weiten Wege in die Schlachthöfe und ermöglicht den Eier-Bauern, Suppenhühner künftig ab Hof zu verkaufen.

Die Bio-Musterregion denkt im Sinne des Tierwohls nun auch über eine mobile Einrichtung zur Hofschlachtung von Schweinen und Rindern nach. Voraussetzung ist freilich, Landwirte und Metzgereien für diese Idee zu begeistern. Und auch die Verbraucher, betonte Michael Stuber. Denn Hofschlachtungen würden letztlich Fleisch und Wurst verteuern. Bei mobilen Schlachtungen werden die Rinder im Stall oder auf der Weide getötet, verarbeitet werden sie wie gehabt in Schlachthöfen.

Wieso soll sich Bio in Kantinen und Großküchen breitmachen?

Nach einer längeren, kontroversen Debatte hat der Kreistag beschlossen, dass in den kreiseigenen Kantinen und Mensen, wie zum Beispiel an den Berufsschulen, vermehrt Bioprodukte verarbeitet und auf den Tisch kommen sollen. Die Bio-Musterregion geht Bio-Kantinenkost jetzt sogar wissenschaftlich an. An der Hochschule Aalen befassen sich mehrere studentische Projekte mit der sogenannten „Außer-Haus-Verpflegung“.

Die Musterregion begleitet die Arbeit der Studierenden in regelmäßigen Austauschtreffen, um aktuelle Informationen aus dem Stand der Forschung zu erhalten. Erforscht werde dabei die Wertschöpfungskette „vom Urproduzenten (Landwirtschaft) über die Verarbeitungs- und Logistik-Stufen bis zum Konsumenten“.

Um Caterern und Kantinen einen Überblick bieten zu können, welche Bioprodukte in der Region verfügbar sind, wird in einer Projektgruppe das Thema Produkterfassung und Bündelung bearbeitet. Einerseits soll so ein Überblick über Waren und Mengen geschaffen werden, andererseits auch die logistischen Möglichkeiten betrachtet werden, wie die Produkte zugänglich gemacht werden.

Wie kommen Bio-Produkte einfacher in den Einkaufswagen?

Nicht jeder Verbraucher geht gern auf den Markt oder macht sich die Mühe, Lebensmittel ab Hof zu kaufen. Warum gibt es aber nicht mehr regionale Biowaren im Supermarkt?

Die Bio-Musterregion will erreichen, dass durch Platzierungsformen wie Regionalregale oder besondere Auszeichnungen die Sichtbarkeit von bio-regionalen Produkten für Verbraucherinnen und Verbraucher erhöht wird. Ausgehend von drei Bio-Winzern werden dazu Gespräche mit Lebensmitteleinzelhändlern und Unverpacktläden geführt.

Neue Absatzwege sucht beispielsweise die Biolandgruppe Schwäbisch-Fränkischer Wald für Bio-Streuobstsaft: Dazu wurden Gespräche mit der Mosterei Streker Fruchtsäfte und dem Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald geführt.

Warum Pop-up-Stores für Biowaren?

Unter Pop-up-Stores versteht man zeitlich befristet betriebene Ladenkonzepte, die sich insbesondere zur Nutzung von leerstehenden Ladengeschäften anbieten, heißt es in der Vorlage für die Kreisräte im Umwelt- und Verkehrsausschuss. Solche Einrichtungen könnten unter anderem dazu genutzt werden, um bio-regionale Lebensmittel von Erzeugern und Verarbeitern aus der Biomusterregion Rems-Murr-Ostalb, aber auch sonstige Produkte des täglichen Bedarfs zu bündeln und damit einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Nahversorgung im ländlichen Raum zu leisten.

Unterstützt der Rems-Murr-Kreis eigentlich nur Bio-Bauern?

Nein. Seit Jahrzehnten greift der Kreis Landwirten unter die Arme, die ihre Produkte direkt vermarkten – ob biologische oder konventionelle. Auf der Internetseite „Natur von hier“ (www.natur-von-hier.de) finden Verbraucher und Landwirte zusammen, werden heimische Direktvermarkter und Winzer mit ihren vielfältigen Angeboten präsentiert: „Nachhaltig und gut: gewachsen, gereift und produziert direkt vor unserer Haustüre.“

Informiert wird auf „Natur von hier“ zum Beispiel über die 25 Wochenmärkte im Kreis oder über Verkaufsautomaten, in denen sich laußer Obst und Gemüse inzwischen auch Fleisch, Wurst, Eier oder Wein finden lassen. Es gibt neun Eier-, vier Fleisch-, sechs Milch- und drei Weinautomaten.

Welche Produkte werden direkt vermarktet?

Die Direktvermarktung kennt keine Grenzen, was das Sortiment angeht. Auf der Internetseite www.natur-von-hier.de findet sich so gut wie alles. Von B wie Blumen und E wie Eis über F wie Forellen bis S wie Seifen und W wie Weihnachtsbäume. Übrigens: Zwei Dutzend Direktvermarkter, darunter viele Weingüter, bieten ihre Waren auch online an. Zum Beispiel gibt es in den Onlineshops auch Wild aus heimischer Jagd, Naturseifen oder Naturwollwaren.

Was halten die Kreisrätinnen und Kreisräte von der Bio-Musterregion?

Der Korber Wengerter Martin Zerrer (CDU) nannte mobile Schlachtungen „absolut den richtigen Weg“. Für den Fellbacher Landwirt Peter Treiber (FDP-FW) ist die Bio-Musterregion „ein guter Schritt für Landwirte und Direktvermarkter“. In den vergangenen Jahrzehnten seien regionale Schlachthöfe reihenweise zugemacht worden. Weideschlachtungen seien gut und schön. Die Frage sei jedoch: Wer zahlt’s? Der Landwirt oder die Verbraucher? Der Weinstädter Wengerter Werner Hundt wünscht sich von der Musterregion auch eine intensivere Beratung, damit noch mehr Landwirte auf Ökolandbau umstellen. Insbesondere im Bereich Obst- und Sonderkulturen seien Biobauern noch rar gesät.

Der Discounter Aldi ist der größte Bio-Händler in Deutschland. Ob fliegende Bio-Mangos, ein Bio-Ingwer-Shot im Plastikfläschchen oder die Bio-Kokos-Milch wirklich gut für Umwelt und Klima sind, sei einmal dahingestellt. Obst und Gemüse, Wein, Wurst und Eier aus der Region lassen sich hingegen im Bio-Sortiment der Discounter und der großen Handelsketten nur selten finden. Bei den Großen der Branche schauen die Bio-Bauern an Rems und Murr in die Röhre. Hier setzt die Bio-Musterregion

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