Rems-Murr-Kreis

Wie Norbert Röttgen Geschmack am Wein aus dem Remstal gefunden hat

gehring
Das Gesprächsformat „Auf ein Viertele mit ...“ funktioniert auch als Videochat. © Screenshot

Norbert Röttgen war begeistert. Nicht nur von den Remstäler Weinen, die ihm Christian Gehring nach Berlin geschickt hatte. „Ich genieße das sehr“, versicherte der aus Berlin zugeschaltete Röttgen seinen Gastgebern im Großheppacher Weingut Klopfer. Sondern auch von der Wahlkampfveranstaltung der anderen Art in Corona-Zeiten. Mit Kennermiene schnupperte Röttgen am Riesling („So typisch Riesling ist der nicht ...“), kaute andächtig den Sauvignon Gris („Ganz besonders ...“) und lobte die kräftige Rotwein-Cuvée Modus K – wobei das K nicht nur für Klopfer, sondern eben auch für Kanzler stehen könnte.

„Auf ein Viertele mit ...“, heißt das Format, mit dem sich Christian Gehring, CDU-Kandidat für den Landtagswahlkreis Schorndorf, ins Gespräch bringen will. Es funktioniert in Corona-Zeiten auch per Videochat. Am Mittwoch war Dr. Norbert Röttgen zu Gast. Der 55-Jährige kandidiert für das Amt des CDU-Bundesvorsitzenden. Als er im Februar 2020 seine Kandidatur ankündigte, sorgte das für eine Überraschung. Nach der Wahlschlappe als CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen 2012 hatte ihn Angela Merkel als Bundesumweltminister entlassen und auf die Hinterbänke verbannt. Sich als Außenpolitiker wie Röttgen bundespolitisch zu profilieren, ist ein schwieriges Unterfangen. Im Dreikampf gegen Siegfried Merz, den Liebling der Konservativen und Neoliberalen in der CDU, und den Pragmatiker Armin Laschet wurde ihm allenfalls die Rolle eines Zählkandidaten zugetraut.

Der Sprint um den CDU-Vorsitz ist zu einem Marathon geworden

Ein Dreivierteljahr später spürt Röttgen den Aufwind. Merz geriet in der Corona-Pandemie als Politiker ohne Amt in den politischen Schatten; Laschet, als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident zwar stets im Scheinwerferlicht, konnte sich bundesweit jedoch keineswegs als tougher Krisenmanager beweisen. Der Sprint um den CDU-Vorsitz und Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich mittlerweile zu einem Marathon ausgedehnt. Wegen Corona musste der Bundesparteitag mehrmals verschoben werden. Nun soll der CDU-Bundesvorsitzende und potenzielle Kanzlerkandidat im Januar gewählt werden. Die Zeit spielte für Röttgen. „Ich bin guter Dinge“, sagte er gut gelaunt zwischen zwei Viertele.

Sein Programm als Bundesvorsitzender umriss Röttgen mit drei Zielen. Die CDU müsse weiblicher, jünger und digitaler werden. „Es geht nicht, dass wir in der Fraktion zu 80 Prozent Männer sind.“ Und sie müsse attraktiver für junge Leute werden. Dass die junge Generation über die CDU die Nase rümpft, spürt Felix Witzlinger jeden Tag. In seinem Freundeskreis sei er ziemlich allein, fragte der 21-Jährige als Co-Moderator, wie Röttgen dies ändern wolle. Witzlinger ist JU-Vorstandsmitglied und Zweitkandidat von Christian Gehring. Röttgens Antwort: „Wir müssen spannender werden.“ Und die Inhalte der jungen Leute ansprechen, wie zum Beispiel den Klimaschutz.

Bei der Verkehrswende fährt Röttgen indes einen vorsichtigen Kurs. Auf die Zukunft der Automobilindustrie in der Region Stuttgart angesprochen, plädierte er für „Technologieoffenheit“. „Die Batterietechnologie ist noch keineswegs ausgereift.“ Die Politik dürfe der Industrie keine Technik vorgeben. Röttgen räumte jedoch auch ein, dass die Autoindustrie in der Vergangenheit zu einseitig auf die Verbrennertechnik setzte und den Anschluss verpasste.

Auch nach Trump gibt es kein Zurück mehr in die guten, alten Zeiten

Die Klimakatastrophe ist nur eines der Zeichen, dass sich die Welt in einer Zeitenwende befindet. Politisch gehe eine Epoche zu Ende. Deutschland und Europa müssen in dieser Zeit der Umbrüche eine neue Rolle finden. Sich nur an den starken Onkel in Amerika anzulehnen, diese guten, alten Zeiten seien vorbei, sagte Röttgen, der Sprecher des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages ist. Auch nach Trump und mit dem neuen US-Präsidenten Biden gebe es kein Zurück. Die Europäische Union selbst steckt zwar in einer schweren Krise, die 27 Mitgliedsstaaten sind zerstritten wie nie. Doch gibt es für Röttgen keine Alternative zum vereinten Europa, um auf der Weltbühne nicht von den Big Playern USA, China und Russland an die Wand gespielt zu werden. Wenn Europa nicht im Namen von 27 Mitgliedsstaaten sprechen könne, dann müsse ein harter Kern Europas zu einer gemeinsamen Stimme finden.

Wahlkampf in Corona-Zeiten ist eine Herausforderung. Vor allem für Kandidaten wie Christian Gehring, 41, der bei der Landtagswahl im März 2021 Claus Paal nachfolgen will, der im Wahlkreis Schorndorf nicht mehr antritt. Wahlveranstaltungen ins Internet zu verlegen, dazu gibt es wohl in Zeiten des Abstandhaltens keine Alternative. Mehr als die 30 bis 40 Interessierten, die über Facebook die Gesprächsrunde verfolgen, wären wohl auch nicht zu einem Viertele ins Weingut Klopfer gekommen. Röttgen ist jedenfalls auf den Geschmack gekommen – nämlich auf den der Remstäler Weine. Jedoch erst, als ihm Christoph Klopfer auf Röttgens Rückfrage hin versicherte, dass sich die Weine auch ein rheinischer Bundestagsabgeordneter mit seinem kargen Salär leisten könne.

Norbert Röttgen war begeistert. Nicht nur von den Remstäler Weinen, die ihm Christian Gehring nach Berlin geschickt hatte. „Ich genieße das sehr“, versicherte der aus Berlin zugeschaltete Röttgen seinen Gastgebern im Großheppacher Weingut Klopfer. Sondern auch von der Wahlkampfveranstaltung der anderen Art in Corona-Zeiten. Mit Kennermiene schnupperte Röttgen am Riesling („So typisch Riesling ist der nicht ...“), kaute andächtig den Sauvignon Gris („Ganz besonders ...“) und lobte die

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