Rems-Murr-Kreis

Wie nur 300 Euro das Leben einer Familie veränderten

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300 Euro von der katholischen Kinderstiftung Funke haben Sandra Kaiser und ihren Kindern Ben-Luan, 7, und Mia-Namoi, 6, lebensverändernde neue Erfahrungen ermöglicht. © ZVW/Gaby Schneider

Rems-Murr-Kreis.
Manche Geschichten sind so schön, dass man sie sich lieber nicht ausdenken sollte. Wenn man das nämlich täte, würde jeder sagen: Oh je, man merkt sofort, die ist erfunden; klar zu schön, um wahr zu sein.

Die folgende Geschichte aber stimmt tatsächlich, obwohl man’s kaum glauben mag, wenn man sie hört. Sie handelt von einer Ehe in der Krise, nackigen Leuten, der Kirche und davon, wie 300 Euro das Leben einer Familie glorreich auf den Kopf stellen können. Geben wir Sandra Kaiser das Wort.

Im November 2018 „haben wir uns von Papa getrennt“. Geldnot, die täglich sich auftürmenden Sorgen, Stress, Spannungen – all das zwang die Ehe in die Knie. Die Trennung, erzählt Sandra Kaiser, verlief „turbulent“. Und nun musste sie das alleine stemmen: sich um vier Kinder kümmern – zwei ältere Jungs, der jüngere Bub und seine kleine Schwester –, dazu zur Arbeit gehen. Es gab kaum einen Abend, an dem die Mutter nicht am Ende war mit ihrer Kraft. Sie ging zum Jugendamt.

Die Frau vom Amt sagte: Ich sehe, Ihnen geht’s grad nicht gut – vielleicht würde es helfen, wenn die beiden Kleinen mal rauskämen aus dem Getriebe und was ganz anderes erleben. Wie wär’s mit einem Zeltlager? Und Sie, Frau Kaiser, fänden derweil zu Hause Zeit zum Durchatmen.

Gute Idee, fand Sandra Kaiser. Nur: „Leisten können hätte ich mir das zu dem Zeitpunkt einfach gar nicht.“ 150 Euro pro Kind – macht 300. Unmöglich.

Pfannkuchen-Wettessen bei den netten Naturisten

Es gebe da, sagte die Frau vom Amt, eine neu gegründete Kinderstiftung. Sie heiße „Funke“, von der katholischen Kirche, und helfe Familien, die mit Geldnot kämpfen.

Oh je, dachte Sandra Kaiser, da muss man bestimmt „100 Seiten Antragsformulare ausfüllen“ und kriegt am Ende all der Zusatzmühen womöglich ein Nein.

Moment, antwortete die Frau vom Amt, das läuft anders: ein Stück Papier, ich fülle Ihnen das aus – bitte unterschreiben. Stempel drauf. Ab in die Post. Ruck, zuck war die Zusage der Kinderstiftung da. „Klar muss man das schnell bewilligen“, sagt Funke-Geschäftsführerin Anja Zeller – „sonst ist das Zeltlager ja vorbei.“

Und so gingen die beiden Kinder zwei Wochen campen. Wie war’s? Das lassen wir am besten Ben-Luan, 7, und Mia-Namoi, 6, selber erzählen.

„Guuut!“ – „Wir waren schwimmen.“ – „Da gibt es einen Badesee.“ – „Und sogar einen Computer!“ – „Bogenschießen!“ – „Minigolf!“– „Und wir haben einen Pfannkuchen-Wettbewerb gemacht.“ – „Ich hab nur drei gegessen.“ – „Ich fünf!“ – „Ich wollt mir hundert reinschieben.“ – „Und es ist ein FKK-Platz!“

Wie bitte? Genau, sagt die Mama. Als sie damals im Internet nach einem billigen Zeltlager suchte, stieß sie auf ein Angebot der FSG Alfdorf. Sie ging hin, um sich einen Eindruck zu verschaffen – und plötzlich „standen da lauter nackige Leute“.

Die Familiensportgemeinschaft Alfdorf nämlich ist, wie es die Homepage schön erklärt, „ein Sport- und Naturisten-Verein, der sich sowohl die sportlichen Aktivitäten als auch das Leben in der Natur und die Geselligkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Wir genießen Sonne, Licht und Luft textilfrei auf unserem Gelände.“

Sandra Kaisers Staunen legte sich schnell: Die FSG-Leute waren nett und entspannt. Als dann während der zwei Kinder-Camping-Wochen Begleiter für einen Ausflug gebraucht wurden, sprang Kaiser als Betreuerin mit ein – und knüpfte umgehend „viele Freundschaften“.

Dieses Zeltlager war „der absolute Glücksfall. Es hat den Kindern gutgetan. Und auch der Ehe.“

Wie bitte? Genau, sagt die Mama. Während Ben-Luan und Mia-Namoi in Alfdorf zelteten, fand das Paar Zeit, sich abends zu treffen und „einfach mal in Ruhe zu reden“. Einander erzählen, einander zuhören. Für ein paar Stunden aus der Alltagstretmühle herausfinden. Den Blick weiten.

Wiedervereint, oder: Das Leben schreibt die besten Pointen

Sie spürten: Da war noch etwas, das tragen könnte. Im September „haben wir beschlossen, dass wir es noch mal probieren“. Seit Oktober ist die Familie wieder vereint, „momentan sieht’s sehr, sehr gut aus“.

Schön so, erklärt Mia-Namoi, denn was wären sie ohne Papa? „Gar nix!“ Und Ben-Luan präzisiert: „Weil, ohne Papa geht das Spiel Icecool nicht.“ Da muss man „seinen Pinguin schnipsen“ und kann Fische ergattern; „um den Tisch rumrennen“ gehört auch dazu. Und sorry, nichts gegen Mama, aber Icecool kann Papa besser.

Auf dem FKK-Campingplatz in Alfdorf aber, sagt Sandra Kaiser, „sind wir jetzt regelmäßig“.


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Manche Geschichten sind so schön, dass man sie sich lieber nicht ausdenken sollte. Wenn man das nämlich täte, würde jeder sagen: Oh je, man merkt sofort, die ist erfunden; klar zu schön, um wahr zu sein.

Die folgende Geschichte aber stimmt tatsächlich, obwohl man’s kaum glauben mag, wenn man sie hört. Sie handelt von einer Ehe in der Krise, nackigen Leuten, der Kirche und davon, wie 300 Euro das Leben einer Familie glorreich

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