Rems-Murr-Kreis

Wie viel Geld ist der Para-Sport wert? Niko Kappel und Michele Vulcano erzählen

Para-Leichtathletik
Der Welzheimer Niko Kappel, Weltrekordler im Kugelstoßen. © ALEXANDRA PALMIZI

Was ist der Para-Sport wert? Welche Erlöse lassen sich erzielen mit der Vermarktung? Wie viel Geld ist da drin? Ein hochspannendes Projekt soll das ausloten am Beispiel der deutschen Para-Leichtathletik-Nationalmannschaft. Die Idee stammt vom Welzheimer Niko Kappel, dem 1,40 Meter großen Weltrekordler im Kugelstoßen.

Fußball und Para-Sport: Ein kleiner Vergleich

Fußball hat seinen Preis: Was die Namensrechte für einen Bundesliga-Tempel kosten, wissen wir spätestens, seit das Bremer Weserstadion auf zehn Jahre Wohninvest-Weserstadion heißt; das Fellbacher Immobilien-Unternehmen legt dafür 30 Millionen Euro hin.

Von der Trikotwerbung auf der Brust über den Firmenschriftzug auf dem Ärmel bis zum Logo der Interview-Zone: Es gibt etablierte Preisspannen für jedes Fitzelchen Stoff und Werbewand. Und wenn ein Unternehmen eine niedrige sechsstellige Summe im Jahr einsetzt, dann mischt es damit zwar als Großsponsor mit – aber gewiss nicht in der ersten, der Bundesliga, sondern eher in der fünften, der Oberliga.

So weit alles klar. Nur: Wie sieht das bei Deutschlands Besten in der Para-Leichtathletik aus? Es geht „um den Wert, den so eine Nationalmannschaft hat“, sagt Michele Vulcano. Zu diesem Zweck betreibt der Deutsche Behindertensportverband quasi Outsourcing und hat die Vermarktungsrechte an einen Förderverein übertragen. Vorsitzender ist Eike Dörzbach aus Meckesheim, Stellvertreter Vulcano, angestellt bei Wohninvest in Fellbach. Hier wirken gewachsene Kontakte: Wohninvest fördert Niko Kappel seit vielen Jahren. Jetzt, sagt Vulcano, „müssen wir liefern“.

Der moderne Para-Sport und seine Stunde null

„Wir nehmen alle Beträge“, sagt Dörzbach, auch „500 Euro“ helfen. Aber „bei großsummigen Sponsoren reden wir schon über ein paar Hunderttausend Euro“. Wie viel wirklich drin ist, gilt es abzuklopfen – klar sei nur eines, sagt Vulcano (früher Torjäger beim SV Fellbach - siehe hier): Die Para-Leichtathletik werde „unter Wert verkauft“. Sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren stürmisch entwickelt, die Monetarisierung hält damit noch nicht Schritt.

Es gab Zeiten, da die Leute, wenn Vulcano vom „Para-Sport“ sprach, antworteten: Was soll denn das sein? Er musste dann nachhelfen: Kennst du den Niko Kappel? Der Kleine? Ach so, folgerten die Leute: „Behindertensport“ ... Der fristete ein Nischen-Dasein. Ab und zu lief im Fernsehen eine menschelnde Reportage. Wer sie überhaupt zur Kenntnis nahm, mag halb generös, halb hochmütig gedacht haben: Ist ja toll, dass die auch was können.

Dann kamen die Paralympics 2012 in London: die Stunde null des modernen Para-Sports. Er trat aus dem Wahrnehmungsschatten auf die globale Riesenbühne: Die Eröffnungsfeier sahen in der ARD Millionen Zuschauer, das Olympiastadion in London brodelte, ein rauschendes Fest.

Niko Kappel und die "Fünfzehn nullnull"

Auch sportlich habe sich „wahnsinnig viel bewegt“, sagt Niko Kappel, 27: Mit der Weite, die er vor zehn Jahren stieß, würde ein 17-Jähriger heute „aus jedem Kader fliegen, aus jedem Fördersystem“. Kappels Weltrekord steht bei 14,99 Meter, vermutlich wird dieses Jahr die Schwelle „fünfzehn nullnull“ überschritten – aber von einer magischen Marke mag man da nicht reden. Denn von der Sorte wurden schon ein paar pulverisiert: 2012 lag die globale Spitzenweite noch unter zwölf Metern.

Manche Leute stellen sich das wohl immer noch so vor: Die Para-Leute treffen sich in der Behindertensportgruppe, wo der 1500-Meter-Läufer mit Beinprothese, der kleinwüchsige Kugelstoßer und die blinde Hochspringerin was für ihre Gesundheit tun. Aber das ist natürlich Quatsch. Höchstleistungssport nämlich ist schon mal nicht gesund, sagt Kappel lachend – und außerdem trainiert er gemeinsam mit Kugelstoßern, die auf eine Olympia-Teilnahme hinarbeiten. Trainiert er anders als sie? „Nee.“ Auch er arbeitet „zweimal am Tag“ daran, seine Weltspitzensportler-Qualitäten zu verfeinern. Ist er Profi? „Definitiv“, er lebt davon. Und bitte: Er ist 1,40 Meter groß, seine Trainingspartner, die Olympioniken in spe, messen „zwischen 1,70 und 2,05 – der Unterschied ist eigentlich genau derselbe“.

Was den Para-Sport für Sponsoren interessant macht

Vermarktungstechnisch birgt der Para-Sport große Potenziale. Erstens: Es gibt nicht wenige echte Typen wie Niko Kappel, charismatisch, witzig, starke Charaktere und noch nicht so stromlinienförmig glattgebügelt wie viele Fußballer, die von ihren Beratern eingebimst bekommen, was man zu sagen und zu verschweigen hat.

Zweitens: Der Para-Sport ist nicht nur für die Spezialfirma, die ihre Prothesen bewerben, nicht nur für die soziale Organisation, die ihre Botschaft platzieren und Spenden akquirieren will, interessant – jedes Unternehmen, das sich hier engagiert, poliert ihr Image in Sachen „Diversity“ und „Inklusion“. Natürlich erreicht man als Sponsor beim Fußball mehr Leute; aber man finanziert damit auch einen Sport mit, der als brutal durchkommerzialisiert gilt und im Ruch steht, noch das dreckigste Bündnis zu schmieden, wenn’s um Profite geht.

Mehr Geld aufzutreiben, sei vor allem für die Nachwuchsförderung wichtig, sagt Kappel: „damit wir den Anschluss international nicht verlieren“. Denn wir neigen zwar dazu, uns für besonders fortschrittlich und aufgeschlossen zu halten – aber im Medaillenspiegel der Sommer-Paralympics Tokio 2021 lag Deutschland nur auf Rang zwölf, unter anderem hinter den Niederlanden, der Ukraine, Brasilien und Aserbaidschan.

"Unbedingt sogar" - Was Niko Kappel vorhat

Um seine eigene Konkurrenzfähigkeit immerhin braucht sich Niko Kappel nicht zu sorgen. Im Sommer ist Para-Leichtathletik-WM in Paris, eine Art Generalprobe für die Paralympics 2024 am gleichen Ort – er wolle vorne dabei sein, sagt der Welzheimer.

Bei so einem Spruch gehen allerdings die Brauen hoch in der Zuhörerschaft: Meint der das ernst? Na gut, schiebt Kappel nach, „da brauchen wir nicht lange zu diskutieren: Natürlich würde ich gerne Gold gewinnen“. Er lacht. „Unbedingt sogar. Nichts anderes!“ Unter Kugelstoßern, sagt der 27-Jährige, gelte „28 bis 32“ als „das beste Alter“.

Was ist der Para-Sport wert? Welche Erlöse lassen sich erzielen mit der Vermarktung? Wie viel Geld ist da drin? Ein hochspannendes Projekt soll das ausloten am Beispiel der deutschen Para-Leichtathletik-Nationalmannschaft. Die Idee stammt vom Welzheimer Niko Kappel, dem 1,40 Meter großen Weltrekordler im Kugelstoßen.

Fußball und Para-Sport: Ein kleiner Vergleich

Fußball hat seinen Preis: Was die Namensrechte für einen Bundesliga-Tempel kosten, wissen wir spätestens, seit das

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