Rems-Murr-Kreis

„Wir hatten ja auch eine Todesgruppe“: Der ZVW-Stammtisch zum deutschen WM-Aus

WMStammtisch
„So ein Scheißspiel“: Der ZVW-WM-Stammtisch (im Vordergrund) in der Haubersbronner TSV-Gaststätte. © Gaby Schneider

Am Ende half nur noch Sarkasmus. Und es gibt einen Trost: Deutschland darf sich nun mit dem Titel Gruppensiegerbesiegerbesieger schmücken. Land-unter-Stimmung beim ZVW-WM-Stammtisch in Haubersbronn nach dem deutschen WM-Aus.

WM-Aus und Spanien-Verrat: Böse Vorzeichen gab es schon früh

Man hätte es nicht beschreien sollen: Nicht das erneut frühe Ende des Stammtisches, wie es in der Anmoderation der diesjährigen ZVW-WM-Runde geschehen ist. Und nicht die Niederlage der Spanier gegen Japan, die Andreas Hinkel vor dem Spiel gegen Costa Rica als mögliches Schreckgespenst an die Wand gemalt hatte. Eine Möglichkeit, vor der die deutsche Nationalmannschaft gewarnt hätte sein sollen: erst recht nach dem Auftritt von Frankreich gegen Tunesien – und vor dem Hintergrund, dass Spanien ein zweiter Gruppenplatz hinter Japan im Hinblick auf den weiteren Turnierverlauf (Vermeidung eines möglichen Aufeinandertreffens mit Brasilien schon im Viertelfinale) gar nicht so unrecht sein könnte.

Und vielleicht hätte man am Stammtisch in der Haubersbronner TSV-Vereinsgaststätte auch vermeiden sollen, schon vor Beginn des Spiels gegen Costa Rica über Termin und Ort des nächsten Stammtischs, der sich nun ja leider erübrigt hat, nachzudenken. „Wenn wir jetzt schon den Termin festmachen, fliegen wir raus“, hatte Klaus Bihlmaier geunkt. „Ich trau dem Braten noch nicht“, hatte sich auch Jürgen Knappenberger allenfalls bedingt optimistisch zum weiteren Verlauf des Abends geäußert. „Wenn’s zur Halbzeit noch 0:0 steht, wird’s kritisch“, strahlte auch Sepp Rettstatt nicht die ganz große Euphorie aus.

Anfangs herrscht noch Zuversicht: „Wir gewinnen 7:0“

Der Moderator monierte zunächst einmal als Einziger, dass der Bundestrainer auf der Mittelstürmerposition erneut Thomas Müller den Vorzug vor Niclas Füllkrug gegeben hatte, bekam aber noch vor der Halbzeit von Volker Ziesel zugestanden: „So langsam glaub’ ich doch, dass du recht hattest. Der Müller ist auf dieser Position verschenkt.“

Dietmar Heinle kämpfte tapfer gegen alle Zweifel an: „Wir gewinnen mit mindestens zwei Toren, und die Spanier werden nicht verlieren.“ Und auch für den schlimmsten Fall, nämlich eine Niederlage der Spanier, gewappnet sah der kurz beim Stammtisch vorbeischauende Haubersbronner Ex-Polizist Rainer Manshaupt die deutsche Mannschaft: „Wir gewinnen 7:0.“

Und es ging ja auch vielversprechend los. Als aber aus einer Reihe guter Chancen wie schon gegen Japan wieder nur ein Tor resultierte und obwohl Spanien fast gleichzeitig mit der 1:0-Führung zur Beruhigung der angespannten Nerven beitrug, kritisierte Klaus Bihlmaier schon früh „zu viel Ballgeschiebe“ und Mitte der ersten Halbzeit einen „Rückfall in den alten Trott“ und ein „typisches Kimmich-Spiel“ insofern, als der mal wieder überall dort auftauchte, wo er nicht hätte sein sollen und wo’s eh schon (zu) eng war.

Andererseits war Jürgen Knappenberger zu diesem Zeitpunkt noch der Meinung, dass Deutschland gegen eine so harmlose Mannschaft wie Costa Rica „nie ein Tor kriegen“ könne. Später, als alles anders gekommen war, bekannte er, er habe sogar geglaubt, Costa Rica würde kein einziges Mal im deutschen Strafraum auftauchen - und wenn, dann nicht gefährlich.

Die Abwehr: „Mir fällt da nichts mehr ein“

Was sich schon vor der Halbzeit änderte. „Wie kann man nur so verteidigen? Mir fällt da nichts mehr ein“, kommentierte Dietmar Heinle die noch von Manuel Neuer zunichtegemachte erste Großchance von Costa Rica, und Sepp Rettstatt zog, als ahnte er schon, was noch kommen würde, ein deprimierendes Halbzeit-Zwischenfazit: „So ein Scheißspiel.“

Zu dem Zeitpunkt war die Laune von Klaus Bihlmaier schon so weit im Keller, dass er lieber auf dem Weihnachtsmarkt zwei Glühwein getrunken hätte, als seine Zeit für so ein Spiel und den diesmal krankheitsbedingt ziemlich ausgedünnten Stammtisch zu opfern.

Und er zog schon mal einen Vergleich zum Ende der Löw-Ära und stellte die Zukunft des Bundestrainers Hansi Flick infrage, der sich auch diesmal wieder nicht nur mit der Personalie Müller/Füllkrug verzockt hatte.

Sind wir arrogant oder können wir’s nicht besser?

Ein Griff in die Klamottenkiste des Fußballs durfte auch nicht fehlen. „Wir haben uns gegen solche Gegner schon immer schwergetan“, meinte Volker Ziesel, und spontan fielen aus der Runde heraus die Stichworte Albanien, Zypern und Färöer. Und warum? „Weil wir überheblich sind“, lautete Klaus Bihlmaiers Analyse. „Nein, weil wir’s nicht können“, widersprach Ziesel, dessen beim Spanien-Spiel aufgekommene WM-Euphorie schon längst wieder verflogen war.

Dass alles noch viel schlimmer kommen würde - fast stand’s zu befürchten. Spanien lag auf einmal mit 1:2 im Rückstand, und Deutschland kassierte den 1:1-Ausgleich.

„Unglaublich, wo sind wir gelandet?’’, wunderte sich Dietmar Heinle und hatte kaum ausgesprochen, da kassierten die Deutschen das zweite, von einem verzweifelten Klaus Bihlmaier sogar beklatschte Gegentor - und damit schon das insgesamt fünfte nach drei Vorrundenspielen.

Immerhin, wir sind der Gruppensiegerbesiegerbesieger

Wer nun glaubte, die aktuell selber vom Ausscheiden bedrohten Spanier würden sich wehren und den Deutschen einen Teil der Arbeit zum Weiterkommen abnehmen, sah sich getäuscht. Warum auch, nachdem die deutsche Mannschaft paradoxerweise ihrerseits den Spaniern die Arbeit abnahm, indem sie zunächst den Ausgleich und dann die Führung erzielte. Und spätestens als dann nach zwei Pfostentreffern und einigen weiteren Chancen das 4:2 fiel, war klar, dass es gegen Costa Rica absolut nicht unmöglich gewesen wäre, sieben Tore zu erzielen und die Spanier wirklich unter Druck zu setzen.

Mittlerweile waren sämtlich Blicke auf das Ergebnis der Spanier gegen Japan gerichtet – in der Hoffnung, dass sich da noch etwas tun würde. Als alles vorbei war, flüchtete sich Volker Ziesel in Galgenhumor: „Wir hatten ja auch eine Todesgruppe.“ Immerhin habe Deutschland mit Costa Rica die Mannschaft geschlagen, die ihrerseits den Gruppensieger Japan bezwungen habe. Ein Titelgewinn für Deutschland: Wir sind der Gruppensiegerbesiegerbesieger. Insofern sei das deutsche Ausscheiden „doch ungerecht“.

Von den anderen am Stammtisch kam nicht mehr viel: Lähmendes Entsetzen, Lethargie und Sprachlosigkeit hatten sich breitgemacht. Deshalb sei hier noch ein Spruch vom Nebentisch zitiert: „So wie die Lage der Nation ist, so ist unser Fußball.

Man könnte den Spruch aber auch umdeuten: Wenn die Lage der Nation so schlecht wäre wie unser Fußball, dann wäre es um unser Land wirklich schlimm bestellt.

Trübe Aussichten für die EM und für den Stammtisch

Was bleibt, ist ein besorgniserregender Ausblick.

Schon in rund eineinhalb Jahren beginnt die nächste Fußball-Europameisterschaft – und zwar in Deutschland. Dass sich bis dahin alles zum Besseren wendet und sich die großen und nicht erst seit diesem Turnier bekannten Baustellen im Team - Abwehr, Sturmzentrum, Abschlussschwäche, mangelndes Tempospiel - beheben lassen, erscheint zweifelhaft.

Zumal sich die Verantwortlichen im Gegensatz zu einem ihrer prominenten Vorgänger als bereits qualifizierte Mannschaft dazu entschlossen haben, nicht außer Konkurrenz und auf Testspielbasis in einer der Qualifikationsgruppen mitzuspielen. Begründung: Man setze auf selbst ausgewählte namhafte Testspielgegner, weil man sich im Vorfeld der EM ausschließlich mit den Besten Europas und der Welt messen wolle. Ein vor dem Hintergrund dieser WM ziemlich arrogant anmutender Anspruch, weil es auch 2024 darum gehen wird, zunächst einmal die Vorrunde zu überstehen.

Und der Stammtisch? Der wird jetzt erst einmal in sich gehen und sich dann überlegen, ob er in eineinhalb Jahren zum vierten Mal hintereinander das Risiko eingehen will, nur ein Kurzgastspiel zu geben.

Am Ende half nur noch Sarkasmus. Und es gibt einen Trost: Deutschland darf sich nun mit dem Titel Gruppensiegerbesiegerbesieger schmücken. Land-unter-Stimmung beim ZVW-WM-Stammtisch in Haubersbronn nach dem deutschen WM-Aus.

WM-Aus und Spanien-Verrat: Böse Vorzeichen gab es schon früh

Man hätte es nicht beschreien sollen: Nicht das erneut frühe Ende des Stammtisches, wie es in der Anmoderation der diesjährigen ZVW-WM-Runde geschehen ist. Und nicht die Niederlage der Spanier

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