Rems-Murr-Kreis

Wirkt die Impfung oder wirkt sie nicht? - Das fragt sich eine 83-Jährige nach einem überraschenden Untersuchungsergebnis

Feature Symbolbild   Impfstoff Astrazeneca   spritze  impfen Impfdose
Covid-19-Impfungen bieten hohen Schutz – nicht mehr, aber auch nicht weniger. © Benjamin Büttner

„Keine einzige Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen, ebenso wie kein Medikament bei sämtlichen Patienten wirkt.“ Der Satz hat schon einige Jahre auf dem Buckel, stammt vom Robert-Koch-Institut und hat vor Corona keinerlei Aufsehen erregt.

Der Satz gilt nach wie vor, nur ist er zu Pandemiezeiten schwerer zu verdauen.

Mit einem höchst unguten Gefühl in der Magengegend verließ jüngst eine 83-jährige Dame aus dem Rems-Murr-Kreis die Hausarztpraxis ihres Vertrauens: Soeben hatte man festgestellt, im Blut der Dame sind keine Antikörper nachweisbar – obwohl die Frau doch schon längst gegen Corona vollständig geimpft ist.

Wie kann das sein?

Vielfältige Abwehrstrategien

Die beruhigende Antwort Nummer eins: Die Frau ist vielleicht trotzdem vor Covid-19 geschützt. Das ist gut möglich – auch ohne nachweisbare Antikörper. Womöglich übernehmen bei der Seniorin bestimmte Zellen den Immunschutz. Das Immunsystem des Menschen schlägt sich sowieso dauernd mit diversen Bakterien und Viren herum, und in dieser Abwehrstrategie spielen T-Zellen eine überaus wichtige Rolle. Sie können infizierte Zellen unschädlich machen, weshalb die Deutsche Gesellschaft für Immunologie von regelrechten „T-Killerzellen“ spricht, die „besonders wichtig“ seien, um „schwerwiegende Verläufe einer Covid-19-Erkrankung zu verhindern.“

Das klingt gut, und sogleich stellt der ebenso naseweise wie coronageplagte Mensch die Frage: Hab ich wenigstens genug Killerzellen, wenn schon trotz Impfung keine Antikörper nachweisbar sind?

Schade, schade, schade: Man kann das nicht so einfach messen. Schon gar nicht in einer Hausarztpraxis.

Dr. Hans Kraus betreibt eine solche Praxis in Waiblingen, und zufällig behandelt er jene 83-jährige Dame. Sie hat ihn, diesen Antikörper-Ärger betreffend, extra von der Schweigepflicht entbunden.

„Höchstwahrscheinlich“, mutmaßt Kraus, spielt bei älteren Menschen die T-Zellen-Immunität eine größere Rolle, weshalb ein Test auf Antikörper „nur bedingt aussagekräftig“ sein könnte. Dasselbe könnte für Personen gelten, die eine Corona-Erkrankung hinter sich haben. Auch bei ihnen sind nicht immer Antikörper nachweisbar.

Im Falle der 83-Jährigen reagierte Kraus pragmatisch. Er versorgte seine Patientin mit einer erneuten Impfung – und kommt im Gespräch mit der Zeitung auf Cortison zu sprechen: Die Dame hatte in der Zeit, als sie ihre ersten beiden Impfungen erhielt, Cortison eingenommen. Kann schon sein, dass deswegen jetzt Antikörper fehlen, oder?

Nein, sagt Dr. Kraus: Die Dosis sei viel zu gering gewesen, als dass die Cortison-Gabe sich auf die Immunantwort hätte auswirken können.

Von der Dosis hängt's ab

Rückfrage bei Prof. Dr. Christian Bogdan, der bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) der Arbeitsgruppe Covid-19-Impfung angehört, das Mikrobiologische Institut am Universitätsklinikum Erlangen leitet, und in allerherrlichstem Fränkisch trotz erheblichen Termindrucks ganz freundlich diese eine Frage beantwortet: Kann das denn sein, dass Cortison-Gaben die Wirksamkeit einer Covid-19-Impfung beeinträchtigen?

„Ja, natürlich“, sagt Prof. Bogdan, „aber es hängt wie immer im Leben von der Dosis ab.“

Bogdan verweist auf diverse Veröffentlichungen der Stiko, da steht das alles ganz genau drin, und auch diese Schriften datieren aus Vor-Corona-Zeiten: Schon immer gab’s diverse Faktoren, die eine Impfung weniger effektiv werden lassen. Das gilt für alle Impfungen – weshalb sich die Fachwelt kein bisschen erstaunt darüber zeigt, dass Impfungen niemals einen 100-Prozent-Schutz für alle bieten können – nicht mal Covid-19-Impfungen.

Sehr guter Schutz vor schweren Verläufen

Trotzdem gilt laut Robert-Koch-Institut: „Die Covid-19-Impfstoffe sind gut wirksam, vor allem schützen sie sehr gut vor schweren Verläufen. Dennoch kommen auch bei vollständig geimpften Personen noch Covid-19-Erkrankungen vor.“

Erst vor wenigen Tagen verwies der Stiko-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens laut Medienberichten auf mehrere Studien, die zeigen, „dass die Impfung gegen Covid-19 bei Menschen, deren Immunsystem medikamentös gebremst wird, nicht so gut wirkt wie bei anderen.“ Die Immunantwort sei schlechter oder falle ganz aus. Wie groß die Gruppe jener ist, die trotz vollständiger Impfung keinen oder nur unzureichenden Schutz haben, lässt sich den Berichten zufolge noch nicht genau sagen: „Wir müssen aber davon ausgehen, dass es nicht nur Einzelfälle sind“, wird Mertens zitiert.

Die 83-jährige Dame aus dem Rems-Murr-Kreis dürfte nicht mehr zu diesem Personenkreis zählen: Ihre erneute Impfung, diesmal mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson, war nicht von Cortison-Gaben beeinflusst. Wie auch immer ihr Immunsystem arbeitet, ob die Killer-Zellen sie bisher schützten oder nicht – der Dame geht’s jetzt besser. Es fühlt sich einfach nicht gut an, wenn man Monate nach der Impfung erfahren muss: Kann gut sein, das war alles für die Katz’. Das hätte auch schiefgehen können, denn in geimpftem Zustand verhält man sich anders und fühlt sich geschützt.

Studien brauchen Zeit

Unterdessen mühen sich allerorten gut ausgebildete Teams, auf noch viel mehr Fragen wenigstens ein paar verlässliche Antworten zu finden. Studien erfordern aber viel Zeit, ganz besonders dann, wenn sie gut sind.

Zur Wirksamkeit der Covid-19-Impfungen lässt sich momentan sagen, was eine überaus sichere Quelle vor gut einer Woche veröffentlicht hat: Vorläufige Ergebnisse aus Forschungen legen nahe, so die Deutsche Gesellschaft für Immunologie, dass eine Impfstoff-Kombi mit Astrazeneca und Biontech „eine deutlich stärkere Immunantwort“ erzeugt als eine doppelte Astrazeneca-Impfung. Die Abwehrreaktion des Körpers sei sogar „geringfügig höher als bei einer zweifachen Biontech-Impfung.“ Diese Erkenntnisse stammen aus Untersuchungen zur Immunreaktion von 250 Personen.

Ergebnisse wie diese dürften zu intensiven Diskussionen darüber führen, ob nicht vorerkrankte oder ältere Menschen zur Auffrischung eine Kombi-Impfung erhalten sollten. Zumal einiges darauf hindeutet, dass das Immunsystem älterer Menschen weniger gut auf eine Corona-Impfung anspricht als jenes jüngerer.

Praxen fehlt’s an Personal

Während Expertenteams sich mit Detailfragen herumschlagen, Studien auf den Weg bringen und Ergebnisse auswerten, muss Hausarzt Dr. Hans Kraus handeln: Sein Praxisteam impft, was das Zeug hält. 100 bis 130 Dosen verschwinden in Kraus’ Praxis pro Woche in Oberarmen. Finanziell lohnt sich das für ihn nicht, sagt Kraus, „wir legen drauf.“ Obgleich genervt vom hohen Verwaltungsaufwand, möchte der Allgemeinmediziner das Impftempo aufrechterhalten. Nicht allein von den realisierbaren Liefermengen hängt ab, wie viele Impfungen eine Hausarztpraxis anbieten kann, betont Kraus: Nur wer genügend Personal hat, kann viel impfen, und am Personal fehlt’s an vielen Stellen vorn und hinten.

„Mein Anliegen ist, dass möglichst viele Leute geimpft sind, weil sonst diese Seuche nicht aufhört“, fasst Kraus zusammen. Doch ließen sich die Dinge ein bisschen vereinfachen, findet der Mediziner. Zum Beispiel müssen Patient/-innen bei anderen Impfungen keine extra Einwilligungserklärung unterschreiben, bei Covid-Impfungen aber schon.

Derweil bringt einen Mediziner die eine oder andere Unsicherheit nicht aus der Ruhe. „Wir haben noch hohen Forschungsbedarf“, sagt Kraus, was angesichts der kurzen Zeitspanne seit dem ersten Auftreten des Virus nicht verwundert – und weiter: „In der Medizin haben wir Risiken mit allem, was wir machen.“

„Keine einzige Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen, ebenso wie kein Medikament bei sämtlichen Patienten wirkt.“ Der Satz hat schon einige Jahre auf dem Buckel, stammt vom Robert-Koch-Institut und hat vor Corona keinerlei Aufsehen erregt.

Der Satz gilt nach wie vor, nur ist er zu Pandemiezeiten schwerer zu verdauen.

Mit einem höchst unguten Gefühl in der Magengegend verließ jüngst eine 83-jährige Dame aus dem Rems-Murr-Kreis die Hausarztpraxis ihres Vertrauens:

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