Rems-Murr-Kreis

Wo ist die Gefahr am größten, sich im Rems-Murr-Kreis mit  dem Coronavirus anzustecken?

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Darauf kommt's an: Die Infektionsketten müssen unterbrochen werden, um die zweite Welle zu brechen. © Joachim Mogck

„Wo hast du dich angesteckt?“ Diese Frage wird Coronainfizierten nicht nur von Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen am häufigsten gestellt. Auch das Gesundheitsamt will’s genau wissen, wie und wo sich des Sars-Cov-2-Virus ausbreitet. Eine Antwort auf die Frage „Wo hast du dich angesteckt?“ zu geben, ist oft gar nicht so einfach. Sofern nicht alle Anzeichen auf den kranken Kollegen am Arbeitsplatz hindeuten, auf den Partner zu Hause oder auf die Geburtstagsparty, bei der vor allem das Virus Grund zum Feiern hatte und sich gleich ein paar Gäste angesteckt haben.

Wo aber ist die Infektionsgefahr eigentlich am größten? Dieser Frage ist das Robert-Koch-Institut nachgegangen und hat ein paar Indizien geliefert. Die Antworten gehen über eine persönliche Neugier hinaus. Jeder Infizierte steckt derzeit statistisch eineinhalb weitere Personen mit Corona an. Die Antwort setzt unter Umständen auch Fragezeichen hinter so manche Maßnahmen, mit denen versucht wird, die zweite Welle zu brechen. Wie sinnvoll ist es, ein besonderes Augenmerk auf Busse und Bahnen zu legen, wenn sich das Virus dort gar nicht so oft ausgebreitet hat? Oder hat es den Gesundheitsämtern schlicht an der Datenbasis gefehlt, um die Ansteckung auf eine Fahrt in einem öffentlichen Verkehrsmittel zurückzuführen? Eindeutig geklärt sieht das Robert-Koch-Institut den Ursprung nur bei gut einem Viertel der Infektionen.

„Zahlreiche Häufungen bei privaten Feiern im Familien- und Freundeskreis“

Im aktuellen Epidemiologischen Bulletin schreibt das Robert-Koch-Institut, dass es sich bei den größeren Ausbrüchen in den meisten Kreisen zumeist um ein diffuses Geschehen handelt, „mit zahlreichen Häufungen in Zusammenhang mit privaten Feiern im Familien- und Freundeskreis“. Zum Anstieg der Inzidenz trügen aber nach wie vor viele kleinere Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sowie Ausbrüche in Krankenhäusern, Einrichtungen für Asylbewerber und Geflüchtete, Gemeinschaftseinrichtungen, Kindertagesstätten und Schulen, verschiedenen beruflichen Settings sowie im Zusammenhang mit religiösen Veranstaltungen bei.

Diese Einschätzung deckt sich mit den Meldungen über die Infektionsherde im Rems-Murr-Kreis in den vergangenen Wochen und Monaten. Das Gesundheitsamt erstellt zwar keine Statistik zum „Infektionsumfeld von erfassten Covid-19-Ausbrüchen“. Eine Sprecherin des Landratsamts bestätigt die Vermutung, dass sich das Virus in den vergangenen Wochen vor allem bei privaten Feiern oder auch Beerdigungen, am Arbeitsplatz sowie in Flüchtlingsunterkünften ausgebreitet hat.

Tatsächlich ist es in der Praxis für das Gesundheitsamt und Betroffene oft sehr schwer, die Infektionsquelle einzugrenzen oder zu bestimmen, so das RKI, bei dem die Zahlen aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenlaufen. Oft spielen mehrere Settings eine Rolle und es lasse sich nicht abgrenzen, ob beispielsweise eine Übertragung zwischen befreundeten Kollegen im familiären Umfeld oder am Arbeitsplatz stattgefunden hat, merkt das RKI an. Ein Ausbruch könne seinen Ausgang bei einer Veranstaltung nehmen und auf den Arbeitsplatz oder ins familiäre Umfeld überspringen. Im Bahnverkehr, so das RKI, ließen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes nicht mehr nachvollziehbar sei.

Vom Trend her bestätigt die Sprecherin des Landratsamtes, dass es auch im Rems-Murr-Kreis immer wieder zu Ausbreitungen bei privaten Feiern komme, die zum Teil in Gaststätten stattfanden. Das Infektionsgeschehen sei jedoch insgesamt sehr rege, wies die Sprecherin auf Schulen und Kitas hin. Noch seien überwiegend Jüngere betroffen, zunehmend treten Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen auf, so dass auch mehr Todesfälle zu befürchten seien.

Konkret: Mitte September hatten sich bei einer Familienfeier in einer Gaststätte in Winterbach zehn Personen angesteckt. Im Juli wurden nach einer Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd mehr als 70 Gäste positiv auf das Coronavirus getestet, eine ganze Reihe stammte aus dem Kreis.

Wie schnell sich das Virus am Arbeitsplatz ausbreitet, zeigten die Ausbrüche in nordrhein-westfälischen Fleischfabriken. Im Landkreis Esslingen sorgte das DHL-Frachtzentrum in Köngen für einen deutlichen Anstieg der Infektionen, der Esslingen als ersten Landkreis in der Region über die kritische Marke von 50 Infizierten je 100 000 Einwohner springen ließ.

Im Rems-Murr-Kreis sorgten Infektionswellen in Flüchtlingsheimen in Backnang und Fellbach für einen sprunghaften Anstieg. Während am Arbeitsplatz durchschnittlich 14 Personen in einen Ausbruch verwickelt sind, waren es in Flüchtlingsunterkünften 21 Fälle und in Alten- und Pflegeheimen 19 Fälle. Je enger die Menschen also zusammenleben, desto stärker wütet das Virus. Das haben im Frühjahr die tödlichen Ereignisse in den Seniorenheimen an Rems und Murr auf tragische Art gezeigt. Im Epidemiologischen Bulletin 38, den das RKI im September veröffentlichte, waren die meisten Infektionen in Alten- und Pflegeheimen aufgetreten, nämlich rund 13 000 der mehr als 55 000 Infektionen, bei denen die Umstände geklärt werden konnten.

Robert-Koch-Institut: „So beginnen viele Infektionsketten“

Und diese Erkenntnisse zieht das Robert-Koch-Institut aus den Zahlen:

  • Die Erkrankung wird durch Tröpfcheninfektion und in bestimmten Situationen vermutlich auch durch virushaltige Aerosole – direkt von Mensch zu Mensch übertragen. „Die indirekte Übertragung durch kontaminierte Oberflächen scheint nach derzeitigem Wissensstand nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.“
  • Abstands- und Hygieneregeln sowie das Tragen von Alltagsmasken (AHA-Regeln) tragen dazu bei, die Zahl der Übertragungen zu mindern.
  • Übertragungen im öffentlichen Bereich, also in Verkehrsmitteln, Gaststätten oder Hotels, kamen vergleichsweise selten vor, was sicher auch bedingt war durch die massiven Gegenmaßnahmen.
  • Die mögliche Unterbrechung von Infektionsketten zwischen privaten Haushalten sollte ein Fokus sein. „Einfache Verhaltensweisen (AHA-Regeln) können hier ein wichtiger Baustein sein, wenn sie weiterhin breite Anwendung und Akzeptanz in der Bevölkerung finden.“
  • Jüngere Menschen haben zwar ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und nehmen möglicherweise die Empfehlungen zur Infektionsverhinderung nicht ernst genug. Doch sie können das Virus durch enge Kontakte im privaten Umfeld weiterverbreiten. „So beginnen viele Infektionsketten“, appelliert das RKI an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die helfe, nicht nur sich selbst, sondern auch die eigene Familie, aber auch alle Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von anderen, vor einer Infektion zu beschützen.
  • Bei einem starken Anstieg der Fallzahlen, der sich gerade abzeichnet, ist laut RKI die Eigenverantwortung jedes Einzelnen gefragt. „Viele der genannten Ausbruchssituationen sind durch eine freiwillige Kontaktreduktion vermeidbar.“

„Wo hast du dich angesteckt?“ Diese Frage wird Coronainfizierten nicht nur von Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen am häufigsten gestellt. Auch das Gesundheitsamt will’s genau wissen, wie und wo sich des Sars-Cov-2-Virus ausbreitet. Eine Antwort auf die Frage „Wo hast du dich angesteckt?“ zu geben, ist oft gar nicht so einfach. Sofern nicht alle Anzeichen auf den kranken Kollegen am Arbeitsplatz hindeuten, auf den Partner zu Hause oder auf die Geburtstagsparty, bei der vor allem das

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