Rems-Murr-Kreis

Wohnungslose im Rems-Murr-Kreis: Die Schwächsten trifft es hart

Karla[1]
Im Haus Karla leben Frauen, die von Obdachlosigkeit bedroht waren. © Alexander Becher

Wer jetzt wohnungslos wird, sieht besonders harten Zeiten entgegen. „Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, finden zurzeit noch schwieriger neuen Wohnraum“, berichtet Werner Nußbaum, der Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste in Waiblingen.

Immerhin: Zwangsräumungen gibt es zurzeit „kaum noch“. Vermieter dürfen ihren Mietern bis zum 30. Juni nicht kündigen, sofern der Mieter wegen der Corona-Pandemie die Miete aktuell nicht zahlen kann, das ist im „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie“ geregelt.

„Irgendwann erwischt es uns halt“

Die Kommunen müssen Notunterkünfte bereitstellen für Menschen, die kein Dach mehr überm Kopf haben. Das kann von heute auf morgen geschehen. Einem Streit folgt ein Rauswurf oder Eltern setzen ihre erwachsenen Kinder vor die Tür; das kommt vor. Beispiel Winnenden: Dort waren – nur als Momentaufnahme – Ende April 26 „unfreiwillig obdachlose Menschen“ untergebracht, so Pressesprecherin Emely Rehberger. Winnenden verfügt über zwei Obdachlosenunterkünfte mit je acht Zimmern, „die im Notfall mehrfach belegt werden können“. Ferner hat die Stadt zurzeit Familien und Einzelpersonen in sechs Wohnungen untergebracht. Sie wurden als Obdachlose „eingewiesen“.

Sollten in diesen Unterkünften Corona-Fälle auftreten – was dann?

Vor kurzem hieß es sowohl aus Winnenden, Schorndorf und Waiblingen, dass bisher niemand in einer der Obdachlosenunterkünfte positiv auf Corona getestet worden sei. Das kann sich täglich ändern; die Unsicherheit gilt es auszuhalten.

„Irgendwann erwischt es uns halt“, darauf hat sich Anton Heiser bereits innerlich eingestellt. Er leitet bei der Erlacher Höhe die Abteilung ambulante Hilfen Rems-Murr und teilt einen Wunsch mit vermutlich allen, die in und für soziale Einrichtungen arbeiten: Mehr Tests würden für etwas Entspannung sorgen. „Wir müssen drum kämpfen, dass jemand getestet wird“, berichtet Anton Heiser. Sollte sich jemand in einem der Heime infizieren, hätte das weitreichende Folgen, weil man Platz braucht für alle, die dann in Quarantäne müssen.

Unterdessen nutzen Kommunen diverse Container, in welchen Geflüchtete gelebt hatten, als Obdachlosenunterkünfte. Ein Fall aus Murrhardt: Dort starb eine 71-jährige Frau vor rund sechs Wochen in einer Wohncontaineranlage.

Die Frau war zuvor im Schulhaus in Vorderwestermurr untergebracht gewesen. Diese Unterkunft musste sie verlassen, um einer obdachlosen Familie Platz zu machen, heißt es sinngemäß in einer Antwort des Murrhardter Bürgermeisters Armin Mößner auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Keine Infektionsgefahr? Festgestellt per Augenschein?

Es ging das Gerücht, die Frau sei früher bei der Stadt Murrhardt angestellt gewesen – und jetzt in einem Container womöglich an Covid-19 verstorben. Dass die Frau früher bei der Stadt gearbeitet habe, könne er „nicht bestätigen“, so Armin Mößner. Ferner habe ein Arzt bei der Leichenschau „keine Infektionsgefahr und einen natürlichen Tod bescheinigt“.

Wie muss man sich das vorstellen, keine Infektionsgefahr? Sieht man das einer Leiche an?

Natürlich nicht.

Die Frau habe heftig gehustet, ihr Gesundheitszustand habe sich auffallend verschlechtert – bis sie schließlich starb, berichtet Peter Hauck vom unabhängigen Freundeskreis Asyl. Seine Sorge: „Wohnungslose und geflüchtete Menschen in Gemeinschaftsunterkünften sind nicht ausreichend gegen Corona geschützt.“ Ob die Frau infiziert war, wird unbeantwortet bleiben: Es gab keinen Test; zumindest ist Martina Keck, Sprecherin am Landratsamt, nichts von einem solchen bekannt.

Corona wirft ein Schlaglicht auf lange bestehende Probleme

Theoretisch könnte man auch an einer verstorbenen Person einen Abstrich vornehmen. Die Entscheidung liegt beim Gesundheitsamt, und dort sind laut Martina Keck keine Auffälligkeiten bekannt, die Murrhardter Unterkunft betreffend.

Unterdessen wirft die Corona-Pandemie ein Schlaglicht auf Probleme, die lange schon gären, deren Folgen aber jetzt neu zutage treten. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, das ist aus Anton Heisers Sicht das drängendste aller Probleme. Beispiel „Karla“, so heißt ein Heim für wohnungslose Frauen in Backnang. Dort zieht zurzeit „weder jemand ein noch aus“, berichtet Heiser – also muss er Menschen anderweitig unterbringen. Für eine junge Frau versucht Heiser aktuell ein Zimmer in einer Pension zu ergattern. Die Frau ist bei Bekannten untergeschlüpft. Eine Weile geht das gut, dann muss eine neue Lösung her.

Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum

Die Pension käme als Überbrückung infrage. Ansonsten wird Heiser die Frau mangels Alternativen an eine kommunale Notunterkunft vermitteln. Das bedeutet: Dach überm Kopf. Mehr nicht.

Eine bezahlbare kleine Mietwohnung wird Heiser für die Frau nicht auftreiben können, in diesen Zeiten erst recht nicht. „Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist in den Hintergrund gerückt. Das ist aber das Hauptthema, das uns in der Wohnungslosenhilfe beschäftigt.“

Hauptthema Nummer zwei und Anton Heisers „größte Angst“, wie er sagt: Der Gürtel könnte noch mal enger geschnallt werden bei jenen, die eh schon fast nichts haben. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise führen zu sinkenden Steuereinnahmen bei Kreisen und Kommunen, und dann sind Entscheidungen zu treffen, wer welche Lasten trägt. Lobbyarbeit für seine Klientel ist dann vonnöten, sagt Anton Heiser: Wer helfen wolle, der spende für soziale Einrichtungen – und erhebe die Stimme für die Schwächsten.

Wer jetzt wohnungslos wird, sieht besonders harten Zeiten entgegen. „Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, finden zurzeit noch schwieriger neuen Wohnraum“, berichtet Werner Nußbaum, der Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste in Waiblingen.

Immerhin: Zwangsräumungen gibt es zurzeit „kaum noch“. Vermieter dürfen ihren Mietern bis zum 30. Juni nicht kündigen, sofern der Mieter wegen der Corona-Pandemie die Miete aktuell nicht zahlen kann, das ist im „Gesetz zur Abmilderung der

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