Rems-Murr-Kreis

Zahnlabore hatten wegen Corona keine Aufträge mehr: Wie das Zahnatelier Glass in Weinstadt die Krise meistert

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Die Arbeit von Zahntechniker Thomas Lübke ist eine sehr ruhige, konzentrierte, die hauptsächlich am Arbeitstisch stattfindet. Doch trotz der in Bezug auf Corona problemlosen Arbeitsplätze: Im Zahnatelier Glass kommen noch immer täglich nur wenige der insgesamt elf Leute in den Betrieb. Chefin Tina Glass (links hinten) hofft aber, dass mit der Arbeit in den Zahnarztpraxen auch wieder Aufträge im Zahnatelier ankommen. © Gabriel Habermann

Es gibt Unternehmen, die nähern sich in der Coronakrise dem Abgrund. Aber keiner redet darüber. Diese Unternehmen sind nicht im Bewusstsein. Es sind jene aus der zweiten Reihe. Nehmen wir zum Beispiel mal die Zahnärzte – nein, die gehören nicht zu den Vergessenen. Als sie durch den Paragrafen 6a der Corona-Verordnung faktisch zum Nichtstun verdonnert wurden – abgesehen von Schmerzpatienten durfte niemand mehr behandelt werden –, war der Aufschrei groß. Die Zahnärztekammer verhandelte mit der Landesregierung und machte die Diskussionen regelmäßig öffentlich. Dass zusammen mit den Zahnärzten auch die Zahntechniker plötzlich keine Arbeit mehr hatten, bekam niemand mit. Dabei gibt es 51 Dentallabore im Rems-Murr-Kreis.

51 Dentallabore im Kreis, die schlagartig keine Aufträge hatten

Tina Glass vom Beutelsbacher „Zahnatelier“ ließ einen Notruf über Facebook los: „Unser Handwerk wird total vergessen!“ Und: „Wir haben die tollsten Mitarbeiter, die man sich nur vorstellen kann. Bis vor vier Wochen hatten wir einen tollen Betrieb, aber uns sind die Hände gebunden. Zumachen wie Friseure, Nagelstudios und Gaststätten müssen wir nicht, aber woher sollen Aufträge kommen, wenn die Zahnärzte keine schicken!“

Das klang nach Verzweiflung. Erst seit drei Jahren war der Betrieb vom Seniorchef auf die nächste Generation übergegangen. Bastian und Tina Glass hatten investiert, Hightech steht in den Räumen, insgesamt elf Leute arbeiten in der Werkstatt. Hier werden den Menschen, die’s brauchen, schöne, neue Zähne gemacht. In jeder möglichen Variation. Hier stehen Farbkarten und -töpfchen, Drei-D-Drucker und -Scanner und -Fräsmaschinen, hier wird Keramik und Gold und alles, was dem Menschen im Mund so helfen kann, verarbeitet.

Im Februar war die Welt noch in Ordnung und im großen Werkstattraum saßen sechs bis sieben Zahntechniker und -technikerinnen an ihren Werkstücken. Im März ging der Umsatz um 30 Prozent zurück. Im April lag er nur noch bei 50 Prozent dessen, was im Vorjahr in den Büchern stand. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gingen in die Kurzarbeit. Jeder kam nur noch an einem Tag in der Woche. Wer normalerweise Vollzeit arbeitete, hatte noch vier Stunden. Ein Mitarbeiter war besonders schlimm getroffen: Der Rentenantrag war gestellt, aber noch nicht durch. „Aber dann“, sagt Bastian Glass, „steht dem Mann kein Kurzarbeitergeld zu.“ Der musste über Wasser gehalten werden. Die offenen Aufträge konnte das Team noch abarbeiten. Und ging einem Patienten eine Prothese kaputt, lief das beim Zahnarzt als Notfall ein und landete dadurch auch im Atelier. Mehr war nicht.

Ein "komplettes Berufsverbot für die ganze Dentalbranche?"

„Wir haben Hygiene gelernt!“, sagt Bastian Glass. Zahntechniker arbeiten – es liegt im Namen des Berufes – für den Mund, da schludert keiner, was Händewaschen, Desinfektion und sonstigen Schutz vor Keimen angeht. Dass die Patienten Angst vor der Corona-Infektion hatten und weniger dringliche Termine verschoben – okay. Dass Patienten selbst von Kurzarbeit betroffen und damit finanziell in Nöten sind – okay. Aber ein „komplettes Berufsverbot für die ganze Dentalbranche“?

Das einzig Gute bei der ganzen Sache, sagt Tina Glass, war die Tatsache, dass sie sich sagen konnten: „Du bist nicht selber schuld!“ Aber: „Es ist einfach Mist!“

Bastian Glass beantragte Soforthilfe – die wurde erst abgelehnt. Das Atelier musste ja nicht komplett schließen. Man konnte ja weiter arbeiten. Dann gab’s doch noch Geld. Das floss in die Gehälter der Mitarbeiter und in fällige Darlehen. Weg war’s.

Und jetzt? „Nein!“, sagt Tina Glass. Es sei jetzt nicht mehr die Zeit, zu jammern. Die schlimmste Zeit sei vorbei. Die Zahnärzte dürfen seit kurzem wieder Patienten behandeln. Wohl muss das Zahnatelier noch den Mai durch kurzarbeiten. Aber im Juli oder August, hofft Bastian Glass, sind die Auftragsbücher wieder voll. Und er denkt an die, die immer noch nicht wissen, wie’s weitergehen soll. „Unsere Sachen“, sagt er, „sind eher nur aufgeschoben.“ Wer jetzt das Implantat nicht machen lässt, kommt in zwei Monaten. Aber die Gastwirte zum Beispiel: Was die bislang nicht verdient hätten, wäre definitiv verloren.

"Was uns gerade rettet, ist unser Sozialsystem."

Die Politik hat in der Krise laut darüber nachgedacht, wie klug es ist, alle Produktion stets ins Ausland zu verlagern. Es ging vor allem um den fehlenden Mundschutz. Bastian Glass nimmt diese Frage auf. Natürlich nicht ganz ohne Eigennutz – sein Zahnatelier braucht Arbeit. Und die gibt’s zum Beispiel in der Türkei viel billiger. Aber dennoch: „Was uns gerade rettet“, sagt er, „ist unser Sozialsystem. Haben wir hier in Deutschland keine Arbeit, verdienen wir kein Geld, ist das Sozialsystem hin.“ Was wäre dann wohl los in der nächsten Krise?

Es gibt Unternehmen, die nähern sich in der Coronakrise dem Abgrund. Aber keiner redet darüber. Diese Unternehmen sind nicht im Bewusstsein. Es sind jene aus der zweiten Reihe. Nehmen wir zum Beispiel mal die Zahnärzte – nein, die gehören nicht zu den Vergessenen. Als sie durch den Paragrafen 6a der Corona-Verordnung faktisch zum Nichtstun verdonnert wurden – abgesehen von Schmerzpatienten durfte niemand mehr behandelt werden –, war der Aufschrei groß. Die Zahnärztekammer verhandelte mit der

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